Wed March 4, 2020
18:00

Renald Deppe 'für wenn ich zornig bin' – Stör- & Nebengeräuschkalligraphie : Kurz- & Keilschriften

Ausstellungsdauer: 05. März 2020 bis 30. August 2021

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• Die Pinselschrift verleiht jedem Zeichen einen kunstvollen Körper, der nicht im Mitgeteilten verschwindet.
Also gilt es, die Zeichen auf dem Papier so zu verteilen und gegeneinander abzuwiegen, dass eine Art Tanz entsteht, wobei der ganze Körper des Schreibenden sich im Rhythmus der Zeichen ins Spiel bringt.
Wie bei einem Musikstück, das nur einmal in einer bestimmten Konstellation erklingt, werden auch die Stimmung des Augenblicks, die Jahreszeit und die Witterung mitspielen.
Gedruckte Zeichen, so heißt es, sind tot.
Was wir, die West-Menschen, als Schrift bezeichnen, ist eine kümmerliche Wiedergabe von Lauten, denen die Schrift nachzuhelfen versucht. Dabei wird die Schrift im Dienst des Sprechens verbraucht und verliert jegliche Souveränität.
Die übergewichtige Masse von sogenannten Inhalten läuft auf einer Marathonstrecke dem Ziel entgegen, wobei das Gelesene jeweils gelöscht wird, so dass das Ganze gleichsam sich selbst verschluckt. (Gerhard Amanshauser)

• Die Zorn meiner Feder verleiht jedem Zeichen einen tönenden Körper, der nicht in einem Gedächtnis-Käfig verschwindet.
Also gilt es, die Zeichen und Tuschen auf dem Papier so zu verteilen und gegeneinander abzuwiegen, dass eine art Tanz entsteht, ein widerständiger Kontrapunkt aus Linien und Rhythmen, welcher nur einmal in einer bestimmten Konstellation erklingt. Wie eigentlich bei jedem Musikstück die Wahrheit des Augenblicks, die erfolgten und nicht erfolgten sozialen Handlungen unwiederholbare Aufführungsqualitäten zeitigen.
Gedruckte Noten, so heißt es, sind tot.
Was wir, die akademisch wohlkonditionierten Lesemusiker, als Notenschrift bezeichnen, ist eine kümmerliche Wiedergabe von normierten Exekutiervorschriften, denen der musikindustrielle Kulturbetrieb nachzuhelfen versucht.
Dabei wird das Gedächtnis der Klänge im Dienste einer kommerziellen Verwertbarkeit oftmals missbraucht: verliert doch der Musizierende jegliche spontane Kreativität, vergisst seine verantwortete Pflicht zum Ungehorsam.
Die übergewichtige Masse von abprüfbaren Inhalten, codiert in unzähligen Anweisungen, Vorschriften und scheinbar objektivierten Reglementierungen, läuft auf einer qualvollen Leidensstrecke einem vermeintlichen beruflichen Erfolg entgegen, wobei die eigentlichen musikalischen Parameter und Anliegen gleichsam gelöscht werden. (Renald Deppe)