Feb. 8, 2017
By Hannes Schweiger

Nachhall – Verknüpfungen zum Gehörten

Sorry this part has no English translation

SO 18.Juni 2017
Die Übermacht der vorgeplanten Gestaltungswut
VINCENT PONGRACZ SYNESTHETIC OCTET
Vincent Pongracz (cl, voice), Doris Nicoletti (fl, picc), Clemens Salesny (as, bcl), Richard Köster (tp), Alois Eberl (tb), Peter Rom (e-g), Manuel Mayr (e-b), Lukas König (dr)

Zweifelsohne gehört der Jazzkomponist und Klarinettist Vincent Pongracz zu den originärsten Stimmen und Konzeptualisten der jungen, die Gegenwart befeuernden, österreichischen Jazzszene. Zudem dürfte er wirklich ein synästhetisches Medium sein, der beim Komponieren in eine Farbenflut eintaucht, die er mit fast architektonischer Akribie zu den unerwartetsten Formverbindungen und Umrissen montiert. Mittlerweile hat er dahingehend eine bemerkenswerte Meisterschaft entwickelt, die bei diesem Konzert hinter jeder der selektiven Biegungen hervor lugte. Im Rahmen des neuen Programmes „In The Meanwhile Shoot Me A Movie“, deren Veröffentlichung als EP ebenso gefeiert werden sollte, trieb Pongracz es noch weiter auf die Spitze. Erstaunlich allemal mit welcher Behändigkeit das aus einigen der teuflisch guten MusikerInnen des inländischen Jazzzirkels bestehende Oktett eine Herausforderung nach der  anderen realisierte. In zeitlich relativ knapp gefassten Stücken versetzte der hochkomplexe Konstruktivismus, vorerst einmal in Staunen. Die kompositorisch explizit ausgetüftelten Texturen überschlugen sich in quergedachten Harmoniefortschreitungen und melodischen Waghalsigkeiten. Unterstrichen weiters durch die ausgefallen besetzte Bläsersektion, wodurch auch die, in den pluralistisch gedachten Jazzduktus eingewobenen Anregungen serieller Klangorganisation dezidierter zur Geltung kamen. Ausgespielt in Unisonomeandern, krachenden Bläsertutti oder raffinierten kontrapunktischen Verschachtelungen. Jene Eigenwilligkeit der musikalischen Handschrift liegt aber noch deutlicher in der rhythmisch ausdifferenzierten Konzeption mit seinen versprengten Akzentuierungen, unglaublichen Tempowechsel, Stops und Breaks begründet. Diese motorische Unwucht, mit rockig/funkiger Binnenstruktur, fand seine lupenreine Umsetzung durch Manuel Mayr und Lukas König. Trotzdem konnte man sich im Verlauf der Performance des Eindrucks nicht erwehren, dass die Stücke mit Ideen zu vollgestopft waren und demnach nicht ausreichend Zeit gegeben war, um die Musik zum Aufgehen zu bringen. Einige Lücken mehr für assoziative Spontaneität wären dem Ereignisfluss sehr zuträglich gewesen. Einmal mehr war es Clemens Salesny der zweimal mit furiosen, den Bezugsrahmen überschreitenden Altsaxsoli das starre Kompositionskorsett aufbrach. Ehe man sich allerdings auf weiter Umbrüche einstellen konnte, deutete sich ein gehetztes Agieren des Bandleaders an, und der führte die Darbietung, nicht ohne vorher einen entbehrlichen Rapversuch in einer Fantasiesprache untergebracht zu haben, alsbald zu einer überraschenden Finalisierung. Ein Konzert quasi im EP-Format. Schade, denn das Kollektiv versprühte ziemliche Spiellust. Ohne despektierlich sein zu wollen, mehr gibt’s jetzt nicht hinzuzufügen.

 

MI 14. Juni 2017
Cry Of The Diabolic
DIAMANDA GALÁS
Diamanda Galás (voc, p)

Der schwarze Fazioli vor schwarzem Vorhang, getaucht in diffuses Licht, wurde von Trockeneisnebelwolken gespenstisch umspielt. Im nächsten Moment zerschnitten tiefblaue und –rote Lichtflächen diese. Galás huschte zum Klavier und prankte wuchtige Blockakkorde in die Tastatur. Sie erhob ihre nachhaltig bissige Stimme, deren martialisches Timbre, energetische Intonation und unbarmherzige Direktheit sich in Mark und Bein bohrten, und modellierte als Einleitung einen Ausdruckshybrid aus Kurt Weill/ Jaques Brel-Eigenheiten, zu einem wildwuchernden Extrem-Chant. Mit diesen außerordentlich kontrollierten musikalischen Extremsituationen  spielte Galás mit fast beängstigender Bravour, immer „Close To The Edge“. Auch die abstrusesten textlichen Abgründigkeiten verschiedenster Quellen, die Galás multilingual intelligent durchleuchtet, erschreien sich in ihren Ausführungen den Status eines eindringlichen Plädoyers für ein selbstbestimmtes Dasein und die Humanität. Die „Princess Of Darkness“ verzehrt sich nach einem Leben der Intensität was aus jeder Pore ihrer Stücke, die sich jeglicher stilistischen Zuordenbarkeit gewieft entziehen und hinsichtlich Phrasierung einer exzeptionellen Non-Konformität huldigen, eine lodernde, lyrische Brachialität heraustreten lässt. Gekonnt kalkuliert inszeniert Galás ebenso holprige Tempoverläufe als asymmetrische Brechungen. Ihre Erfahrungen in den Avantgardesektionen Neuer Music, Jazz und Rock bündelt Galás zu eben jenem dionysischen Individualstil, mit dem sie die Kunst des Schreies kultivierte bzw. auf eine neue Qualitätsebene überführte. Mit jener Fähigkeit sezierte sie herkömmliche Materialressourcen, drehte diese genüsslich durch die Mangel und verkündete sie dämonisch als bis auf die Knochen entblätterte Rocksongs, zerflederten Blues, fiebrige Chansons, Cluster-Arien, Splatter-Balladen oder streute eine Brise Schwarzpulver über einen Country-Song – primär im forte-Charakter. Zugute kommt ihr, abgesehen vom unorthodoxen, ausgefeilten Klavierspiel, ein enormer stimmlicher Tonumfang, innerhalb dessen sie ebenfalls aberwitzigste Intervallkapriolen, phasenweise mit wohldosierten elektronischen Effekten auf den Mikrophonen verdichtet, vollführte – guturales Gegurre schlug nahtlos über in den Koloratursopran. Galás zerdehnte, quetschte, komprimierte Worte und Silben, gab ihnen neue radikale Konturen und durchbohrte diese mit einer scharfkantigen, stakkatierenden Melodierhythmik auf den Tasten, die im Zusammenwirken mit harmonischen Verschmierungen, wobei sie mit gezielt platzierten Dissonanzen operierte, einen vor spannungsintensiven Reibungen berstenden Kontrapunkt zu den verqueren Gesangslinien einnahm. Ein phonetischer Grenzgang von geballter kinetischer Energie, der einen mit Erlebnistiefe und Körperlichkeit erfasste. Mit einer Klarheit und Kompromisslosigkeit sondergleichen, lebt Diamanda Galás einen exzentrischen Avantgardeansatz mit prägnanten kinästhetischen Konturen, der sie zu einer seiner leuchtendsten Repräsentantinnen werden ließ.

 

DI 13. Juni 2017
It means a thing, ´cause Han got that swing
HAN BENNINK & JORIS ROELOFS
Han Bennink (dr, floor), Joris Roelofs (cl, bcl)

„New Dutch Swing“ nannte der amerikanische Musikpublizist Kevin Whitehead sein fundiert analytisches, repräsentativ erkenntnisreiches Buch über die niederländische Entwicklungsgeschichte der Improvisierten Musik der Post-Free Jazz Ära. Einer, der im besonderen Maße die rhythmischen Eigenheiten dieses „New Dutch Swing“ mit durchschlagendem Vokabular verkörpert, ist der „Ganzheitsschlagzeuger“ Han Bennink. Seine beeindruckende musikalische Vita, die ihn sowohl als Partner einer Vielzahl großer afro-amerikanischer wie weißer amerikanischer Jazzmusiker diverser stilistischer Ausprägungen des Modern Jazz, als auch als eine der treibenden Kräfte und den vielleicht herausragendsten Schlagzeugstilisten der europäischen „Jazzfreiklang-Kultur“ ausweist, sei hier nur kurz gestriffen, da ja hinreichend bekannt. Was Benninks energiegeladenes Spiel, in dem Lautstärke und die Klangerzeugung am Rande der Hörbarkeitsgrenze eine symbiotische Verbindung eingehen, charakterisiert ist, dass er sich nie einem „dogmatischen“, zeitlich indeterminierten, rein klangfarbenorientierten Schlagwerken hingab, wie es speziell in der europäischen Improvisationsszene in den Anfängen Usus war, sondern bei aller metrischen Loslösung, nie die Grundbausteine der Jazzrhythmik vernachlässigte. Er verstand es deren Kernparameter Swing bzw. periodische Akzentuierung in ein ganz eigenes vielgestaltiges Rhythmusnormativ zu gießen. Zudem lässt Bennink sein Spiel nicht nur an einem Drumset festmachen, da ihm der umgebende Raum mit seinen vielfältigen klingenden Verlockungen viel zu wichtig ist. Was er mit teils humorigen theatralischen Gesten auslebt. Bennink ist einer der wenigen weißen Europäer, der mit einer unangelernten Natürlichkeit swingt. Von den Haars- bis zu den Zehenspitzen. Belegt hat der inzwischen Mitsiebziger diese Fähigkeit, nach wie vor einen Hochgenuss darstellend, in seinem jüngsten, auf spontaner Improvisationsbasis beruhenden Duo-Projekt mit dem um eine Generation jüngeren Saxophonisten/Klarinettisten Joris Roelofs aufs Neue. Der Funke sprang in der Interaktion der beiden vom Fleck weg über. Bennink zauberte unmittelbar einen unbändigen Drive hervor, ließ tradierte Timekeeping-Figuren, die er mit kleinen Gimmicks aufpeppte, unter Verwendung von Sticks, Beserln oder Mallets über sein Set tanzen, die dann doch von Zeit zu Zeit in einem asymmetrischen, genau strukturierten Beat-Wirrwarr ausflippten, ehe er sie wieder in straightem „In Time“-Spiel einfing. Darin hoffierte er einige der großen Jazzschlagzeug-Krösusse von Baby Dodds über Max Roach bis Sunny Murray. Ein Kulminationsmoment war Benninks kurzer Solo, das in aberwitzigen Rolls über die Toms fegte, über „Salt Peanuts“. Roelofs konnte sich angesichts einer solchen Rhythmus-Wunderwelt  in seinen Improvisationen zwanglos treiben lassen, was er im Endeffekt betreffend der emotionalen Seite, leider nicht vollends ausschöpfte. Der Holzbläser, mit vollmundigem, sonorem Ton an der Bassklarinette, die er überwiegend zur Hand nahm, überzeugend, konzentrierte sich prinzipiell auf seinen verblüffenden melodischen Findungsreichtum und das Variieren von jazz-harmonischen Basics und seinen belebenden Umgang mit Changes und Licks. Hierfür servierte ihm Bennink hocherfreut permanent die swingende Schubkraft. Lustwandelte das Duo, überwiegend im Tempo moderato, generell „Inside“ des Jazzduktus, so holte es diesen mit spielerischem Verve und instrumentaler Meisterhaftigkeit, nicht zuletzt auch dank Benninks beispielhaftem, limitlos scheinendem Intuitionspotentials, in ein stimulierendes Gegenwartskontinuum. Die spielwitzelnden freifliegenden Holländer.

 

DO 01. Juni 2017
episode 6 – FANGschluss
SHAKE STEW  “Grande Finale”
 Lukas Kranzelbinder (e-b, acc-b, gembri), Mario Rom (tp), Johnny Schleiermacher (ts), Clemens Salesny (as, crackle box), Manuel Mayr (e-, acc-b), Niki Dolp, Mathias Koch (dr, perc) & special guest: The Golden Twaeng (g) & The Lost Queen (voc)

Bei ihrem „Endspiel“ im Rahmen der P&B Stageband-Serie, betreffend dieser Mastermind Lukas Kranzelbinder hinsichtlich der gesamten Inszenierung neue Standards setzte, langten Shake Stew nochmals so richtig in die Vollen. Mit Feuereifer brannten sie ein Potpourri aus ihren bisherigen Programmen ab, ergänzt um das eine oder andere neue Stück, welche die beiden Gäste in den Mittelpunkt rückten. Einem druckvollen Eröffnungsstück, das in einer wahren Groove-Stampede flankiert von schneidenden Bläsertutti in ausgelassenem Tempo dahin rollte, folgte die schrille, aber funktionierende Begegnung der vitalen, unverbrauchten Jazzgestik der Band mit der heiteren und von jeder Menge Tremolo gekennzeichneten Surf-Rock Stilistik, vom Mann im goldenen Anzug auf der Gitarre intoniert, was sich einmal in einen hinreißenden Rockabilly-Blues auswuchs, das andere Mal sich als vertrackt modales Jazzsurfing austobte. Mit der Lost Queen, die im Zusammenspiel mit Shake Stew zu fulminanter Ausdruckskraft gefunden hat, wurden obsessive, emotional hochspannende Momente eingeFANGen. Dazwischen wirbelte das Ensemble seine Grammatik der Diversität durch den Raum. Und der undogmatische Umgang mit diesem Klangschatz hat sich unüberhörbar deutlich im Laufe der Stage Band Abende aufs Aufregendste ausdifferenziert. Die Band ist in ihrem gemeinsamen Schöpfungsdrang noch kompakter geworden und kann mit den vorgegebenen Ordnungsprinzipien mittlerweile noch spontaner und elastischer hantieren bzw. können die Improvisationen, deren famos überschäumende es auch diesmal nicht zu wenig gab, noch weitere Kreise im tonalen Freiraum ziehen. Von ganz besonderer Ohrenfälligkeit war das erspielte engmaschige Rhythmusgeflecht, welches vor mitreißender Schubkraft zu bersten schien, in dessen innerem Gefüge die Drummer in abenteuerlichster Weise mit Kreuz- oder Komplementärrhythmen, resoluten Grooveverdoppelungen  oder der Loslösung von der Zeitachse jonglierten, dem die beiden Bassisten grund ihres Ping Pong-artigen Ideenrausches zusätzliche Maserungsvielfalt bescherten. Solistisch stand somit den Melodikern Tür und Tor offen. Atemberaubend laufen gelassen im letzten Stück des Konzertes, da ging auch ein goldener Konfettiregen hernieder, mit gospelinspiriertem Ambiente inklusive inbrünstiger Saxophongesänge  und einem unfassbaren „Preaching Solo“ von Mario Rom. Resümee: sechs exzeptionelle Abende die in die Club-Annalen eingehen und mit denen Lukas Kranzelbinder und seine Shake Stew Crew, der, wie wir alle wissen, schon seit längerem heftig pulsierenden österreichischen Jazzszene einen, mittlerweile global ausstrahlenden, weiteren wirkmächtigen Kreativschub angedeihen ließ. Shake It All Over. 

 

FR 02. Juni 2017
Brilliant Corners
ED NEUMEISTER TRIO "Monk Suite"
Ed Neumeister (tb), Morten Ramsbol (b), Howard Curtis (dr)

Sie sind wahrhaftg zeitlos und haben von ihr visionäre Diktion nichts eingebüßt – die musikalischen Großtaten des Jazzpianisten und –komponisten Thelonious Sphere Monk. Er hat im Sog der richtungsweisenden Be Bop-Bewegung das afro-amerikanische Jazzerbe revolutioniert und ihm Neuland erkundet. In kompositorischer Hinsicht mit seiner Experimentierfreude an zuvor nicht üblichen Formparametern wie Abstraktion, Verdichtung, Pause, Asymmetrie und Diskontinuität und als Improvisator mit seiner entschlackten „kubistischen“ Stilistik und deren ausgeprägtem Hang zu thematischen Pattern und nonkonformer Melodierhythmik. Zu dem zu Lebezeiten Monks immer wieder geäußerten Vorwurf, es mangle ihm an Spieltechnik, konterte der große österreichische Jazzpianist Fritz Pauer dereinst: „Technik heißt vor allem, im richtigen Moment das Richtige zu Spielen, d.h. die richtige Pause zu lassen und dann das Wesentliche zu bringen.“ Mitunter ist es genau das, warum Monks Musik auf nachfolgende Generationen zeitgenössischer Jazzmusiker noch immer eine derartige Anziehungskraft ausübt und eine Herausforderung, der es sich unbedingt zu stellen gilt, darstellt. Genau dieses Ansinnens wegen, dürfte sich auch der amerikanische Posaunist Ed Neumeister, wie seine beiden Kollegen Lehrender an der Jazzabteilung der Kunstuniversität Graz, kurz KUG genannt, mit seinem aktuellen Projekt dem Werk Monks verschrieben haben. Außerdem trifft es sich mit der diesjährigen hundertsten Wiederkehr von Monks Geburtstag. Und es sind genau jene oben erwähnten Parameter die sich das Trio mit bemerkenswerter Affinität und Stringenz zu eigen gemacht hat. Neumeister umspielte, dekonstruiere, transformierte die Themen, überführte sie in seinen Dialekt, ließ aber den Spirit dahinter fortwährend spürbar bleiben. Einmal wurden Themen wie z.B. „Trinkle Tinkle“, „In Walked Bud“ oder „Misterioso“ nur kurz angedeutet, dann wiederum vertiefte sich Neumeister, verachtet mir diesen grandiosen Posaunenstilisten nicht, ausführlicher in diese, modellierte sie mit beeindruckender Multiphoniktechnik oder jagte sie durch eine Echokammer. Entscheidend für die Schlüssigkeit und Farbigkeit der Klanghandlungen war die eloquent austarierte Konversation. Denn genauso mit melodischem Feinsinn waren Ramsbol und Curtis zugange. Der Bassist mit überlegt gesetzten Kürzeln und der Drummer, ganz der „Max Roach Schule“ verpflichtet, klopfte delikate Nuancen, jeden Quadratzentimeter nutzend, aus seinem klassischen Set. Somit gelang es dieser sperrigen Besetzung auch Monks harmonische Extravaganzen für sich zu deuten. Die unorthodoxen rhythmischen Akzentverschiebungen der “monkschen Träume“ trieben die drei Meister durch häufige Auflösung der metrischen Strukturen und des periodischen Beats ins Extreme. Dort tummelten sie sich in spontan assoziativen Improvisationen, die sich allerdings immer wieder  zeitgerecht zu exakten Unisonosequenzen oder vertrackt swingenden Bilderstürmen einfanden. Was diese Umsetzung  von Monks Musik auszeichnete waren hier die enge Verbindung von Ausdruck mit Rhythmik, Harmonik, Melodik und Form, dort die mit größter Klarheit ausgeleuchteten Details. Es lässt sich weiters die These aufstellen, dass Besetzungen ohne Beteiligung von Harmonieinstrumenten, repräsentiv steht hier der Name Steve Lacy, noch unmittelbarer und synergetischer in die Innenräume von Monks Musik vordringen können. Auch Ed Neumeister hat mit seinem aktuellen Trio diesen Beweis angetreten. Und sie tauchten diesen am Ende in ein herzerweichendes, bluestriefendes „Blue Monk“.

 

MI 31. Mai 2017
Bley-Station
CARLA BLEY/ STEVE SWALLOW/ ANDY SHEPPARD "Trios"
Carla Bley (p), Steve Swallow (e-b), Andy Sheppard (ts, ss)

Es tut der Psycho-Hygiene wahrlich gut, in einer Periode empathischer Verrohung, mitzuverfolgen wieviel Liebenswürdig- und Aufmerksamkeit sich Carla Bley und Steve Swallow entgegenbringen und welch spürbar großer Respekt zwischen den drei MusikerInnen generell besteht. Mit der entsprechenden Sensitivität vertonen sie dieses „Miteinanderumgehen“ selbstverständlichst in ihren entschleunigten, poetischen Trialogen. Seit gut zwei Jahrzehnten ist Carla Bley, neben ihrer großen Leidenschaft der Big Band, mit dieser „Jazz Chamber Music“ auf dem Weg zur absoluten musikalischen Kernmaterie – die von jeglichem Ballast befreite Klangentfaltung. Ihr Ohr legt Bley bei der Konzeption der Trio-Stücke speziell auf die Eindringlichkeit des Melos und lyrische Intensität. Sie setzt hierbei auf eine tiefempfundene Simplizität der harmonischen Grundlagen und die öffnende „Raumplanung“ für ihre Partner. Mit einem Füllhorn an melodischen Einfällen fluteten  Swallow und Sheppard daraufhin die Ereignishaftigkeit, während Carla Bley mit wohlgesetzten Akkordprogressionen und Kadenzen, die im genau Notwendigen schwelgten, das Nervensystem ihrer Musik freilegte und ihren Kollegen die nötigen Anknüpfungspunkte  lieferte. Swallow und Sheppard entäußerten sich mit hochemotionaler, affektiver Aufladung in Improvisationen der glasklaren Tonverkettungen und rhythmischen Erlesenheit – das hieß einmal relaxt swingend, dann wiederum inwendig sinnierend. Der „E-Bassist extraordinaire“ bestach, trotz, aus reisetechnischen Gründen geborgtem E-Bass, einmal mehr mit seinem unvergleichlich geschmeidigen Spiel und einzigartigen, wohltemperierten Sound.  Sheppard, dem viel „Spielplatz“ eingeräumt war,  flanierte gleichwohl mit signifikantem Ton und elastischen, fließenden Phantasien durch die feinjustierten Diskurse. Großer Stilist. Bley ihrerseits gestaltete die wenigen solistischen Ausflüge mit souveräner Nonchalance als Antithese zur Virtuosin. Ihre Virtuosität äußert sich, einst wie jetzt, in Gelassenheit bei der Tonhervorbringung und außerordentlichem Gespür für Zwischenräume und –töne, in den daraus resultierenden skelettierten Strukturen, den kauzigen Tempoverschleppungen und der unnachahmlich subtil formulierten Humoreske. Letzteres nicht ohne eine gewisse sympathische Selbstironie. Nichts desto trotz, der Quell all dieser musikalischen Imaginationskraft liegt in dem telepathischen Zusammenspiel des Dreigestirns begründet. Ob notiert oder frei assoziiert entfaltet sich die Größe in den kleinen Gesten durchsetzt mit spitzfindigen Nuancen. Die Umhüllende bleibt aber Carla Bleys kompositorische Grandezza, mit der sie, wie kaum jemand anderes, das Nonkonforme dem Konventionellen einverleiben kann. Und irgendwie gewann man den Eindruck, als stünde ihre eingedampfte Musik unmissverständlich in Bezug zu ihrem Lebensalter. Darum diese entwaffnende Authentizität, diese Gewichtigkeit und Stringenz. Das Ambiente eines pulsierenden Schwebezustandes. Carla Bleys Oeuvre markiert eine wegweisende Überschrift im Jazzkanon.

 

SA 27. Mai 2017
The Maximalism Of A Minimalist
TERRY RILEY & GYAN RILEY
Terry Riley (p, voc, electronics), Gyan Riley (e-g, devices, voc)

Konzertbeginn: Man war sozusagen auf eine hypnotische Arpeggio-Figur im Repetitionsraster eingestellt. Doch es folgte die Überraschung in Form eines ausladenden Songs im Singer/Songwriter-Design mit relaxtem Rockhabitus. Vater und Sohn Riley vertieften sich in konventionelle, aber umso gehaltvollere durlastige Akkordik und Melodik, allerdings durch gelegentliche unorthodoxe Sounspielereien an der Gitarre aufgebrochen. In zusätzliches Erstaunen versetzte Terry Riley in der Rolle als Sänger. Mit noch ziemlich kräftiger, sonorer Stimme stellte er sich als solcher ein und verkündete gescheite, kritische Texte zur Zeit mit einer feinen Prise Humor. Von einem kurzen Zwischenspiel an der Elektronik, tranceartiges Ambiente versprühend, abgesehen, war Riley Sr. ausschließlich am Flügel zu hören, dessen Qualitäten er sich gekonnt zu eigen machte. Den für sein musikalisches Terrain charakteristischen minimalistischen Ansatz deutete er, speziell im ersten Teil des Konzertes, nur rudimentär an und praktizierte anstatt flüssige Akkordfortschreitungen umspielt von kurzen in Bezug zur jeweiligen Tonart stehenden Improvisationen. Die Songstrukturen nahmen großen Raum ein, wirkten jedoch ungemein beweglich und ließen zum einen doch einigen Raum für spontane Ausweitungen, die vor allem Riley Jr. mit phantasievollen Verzierungen, kontrapunktische implementierend wie homogen weiterführend, nützte bzw. verzückten die Texturen gelegentlich mit unerwarteten, komplexen Unisonopassagen. Und Terry Rileys Gesang berührte mit einer unprätentiösen Lässigkeit, die so manchem heutigen hipen Singer/Songwriter, was Wagemut und Eigenheit angeht, die Schneid abkauft. Eigentlich stand er dabei nicht weit abseits der großen avancierten Rocksänger wie Robert Wyatt, John Cale oder Jack Bruce. Genüsslich, wie Riley das Konzert als einen kompakten Streifzug durch sein fassettenreiches musikalisches Schaffen anlegte. Nach den Ausführungen seiner Affinität zum Rock, nahm er im zweiten Konzertteil zu seinem pioniergeistigen Minimal Music-Konzept dezidierteren Bezug, vermied aber auch hier die konsequente Striktheit der geringfügigen Tempoverschiebungen und repetitiven rhythmischen Periodizität. Im Gegenteil, die Rhythmik wurde von den Rileys äußert dehnbar gestaltet und in flirrende Mid-Tempo Schwingungen versetzt.

Konzertende: das ließ Terry Rileys Jazzvergangenheit in einem eleganten Cool Jazz Kleinod anklingen. Zwei höchst sympathische Menschen und Musiker, der eine in Würde und wachem Geist gealtert, der andere ein umtriebig forschender Freigeist. Somewhere over the Rainbow.

 

DI 16. Mai 2017
Clockwork Cobham
BILLY COBHAM BAND 
Billy Cobham (dm), Steve Hamilton, Camelia Ben Naceur, (keys), Carl Orr (g), Christian Galvez (b)

Was soll man über einen derartigen Jazz-Granden denn noch viele Worte verlieren. Eventuell eines noch, dass Billy Cobham vielleicht als einer der letzten wegweisenden Schlagzeuginnovatoren in der Jazzgeschichte gelten kann, der mit Beginn der 1970er Jahre die völlige Auflösung der Kluft zwischen Rockmotorik und deren periodischer Akzentuierungsabläufe und der unorthodoxen Off-Beat Elastizität wie polymetrischen Raffinesse der Jazzrhythmik wie kein zweiter bewerkstelligt und dahingehend ein neues Kapitel des „Jazzschlagzeug-Breviers“ aufgeschlagen hat. Und er hat noch immer kleine Beifügungen parat. All jenes, das sich heute in diesem Genre und dessen näherem Umfeld ereignet geht auf Cobham zurück. Neben seinem Spiel war außerdem die Dimension seines Schlagzeugsets, mit der Eigenheit einer tonhöhenmäßig feinst aufeinander abgestimmten umfangreichen Trommelbatterie, ein wesentliches Faktum, Es erlaubte ihm die von Max Roach initiierte melodische Komponente des Schlagzeugspieles um etliche Nuancen zu verfeinern und auszuweiten. Soviel dazu. Vorher gesagtes prägt Konzerte von Cobham und diese sind wie eh und je eine Schlagzeug-Extravaganza. Kaum fassbare Leichtigkeit, ein rhythmischen Gedächtnis sondergleichen, unterfüttert von einem unbeirrbaren Timing, atemberaubende Präzision, gingen bei ihm wieder einmal selbstverständlichst Hand in Fuß. Vertrackteste Unisonosequenzen, Breaks und Stops, die auch seine aktuellen Kompositionen kennzeichnen, mit denen er aber auch alte „Hadern“ wie „Stratus“ aufpeppte, erlangen bei ihm eine hinreißende Leichtigkeit und  Unbeschwertheit. Ohne jegliche Dominanz oder Egomanie dirigierte er seine Band, die aus versierten und motivierten MusikerInnen bestand, die aber im Endeffekt diesmal doch einigermaßen uninspiriert und zu klischeehaft ihr Repertoire abspulten. Speziell in seinen neuen Stücken leistete Cobham mit einem zu überzeichneten „Smooth-Ansatz“, einem farblosen, altbackenen Bandsound Vorschub. Wieso er zudem zeitweise eine ausgewaschene Klangtapete mit lauwarmen, fiependen 1980er Jahre Sythetiksounds  affichieren ließ, stellt sich als Frage ist aber prinzipiell nebulos. Das „Drum-Herum“ markierte jetzt keine entscheidende Funktion. Hot-Spots waren sowieso seine ausgeklügelten Soli, mit dem erwähnten melodischen Spürsinn, gekrönt von seinen einzigartigen Rolls, Wirbel und markigen Beats. Hit The Set, Billy.

 

MI 10. Mai 2017
Behutsame Flügelschläge
GERI ALLEN & ENRICO RAVA
Geri Allen (p), Enrico Rava (flh)

Oftmalig hatte sich eine derartige Instrumentenkombination in der Intimität der Duo-Kunst noch nicht zusammengefunden. Begegnen und finden sich zwei derart charismatische Persönlichkeiten und hochgradige IndividualstilistInnen die an den Zellkern der Musik vordringen und die Klänge in ihrer ursächlichen Synergie aus der Taufe heben, erlangt der musikalische Impuls Authentizität und Dringlichkeit in relevantem Ausmaß. Von dieser Aura umgarnt war das feingesponnene Dialogfeld dem sich Geri Allen und Enrico Rava, zwei exzellente Lichtgestalten einer zeitlosen Jazzkultur, hingaben. Sie am über Tasten anzusprechenden Flügel, er am Luftströme abhängigen Flügelhorn. In völliger Unaufgeregtheit und beindruckender Überlegenheit erbauten sich beide an einem Zwiegespräch kontemplativer Intensität. Die Klänge, Töne bekamen Zeit zum Atmen und weiteten den Raum. Geri Allen ließ die Klangfülle des Flügels auf einzigartige Weise erblühen. Mit unkonventionellen Akkordzerlegungen, mit thematischen Auflösungen, deren Teile sie individuellst restrukturierte und in aufregend neuen Progressionen weiterspann. Dem folgten weitere Großtaten in der Form, wie sinngestaltend sie ihre Improvisationen, die zumeist um ein tonales Zentrum kreisten, in dem diese sich aber genüsslich ausdehnen konnten, aus dem definierten Themenmaterial entwickelte. Sie übergab die Improvisationen der Ewigkeit. Auf der anderen Seite durchflutete sie Melodienreigen, ob spontan evoziert oder vorgedacht, mit unverkennbar eigenwilligen Rhythmustexturen. Nichts hatte beschönigenden oder effektheischenden Ballast. Hier pochte das Herz purer Musik, die der Jazz-Ursuppe entstieg. Ob ausgehend von Originalkompositionen der beiden Protagonistinnen oder in Fremdwerken von Monk, Waller oder Miles. Diese eindrucksvolle Kunstfertigkeit legte die Fährten für Ravas nach wie vor phantasievollen Melos, dem eine zu tiefst ergreifende Narrativität innewohnt.  Rava, der aus allen Ausdruckseigenheiten des Jazz seit der  BeBop Ära seine ganz persönliche Grammatik, Intonation, Phrasierung destilliert hat und seinen Ton über eine poetische Passion definiert, legte Erzählstränge aus, die sich gleichermaßen an motivischen Komponente als auch assoziativen Tongirlanden delektierten. Es liegt in der Natur der Sache, dass sein Ansatz in den Höhen nicht mehr diese Brillanz ausweisen kann, faszinierend war jedoch wie er diese Brüchigkeit in ein Souverän ummünzte und „Improvisationen des Wesentlichen“ entwarf. Eine Erstbegegnung zwei musikalischer FeinmechanikerInnen von einer Reife und Tiefe, die nur auf Grundlage größten Respekts und im grenzgenialen Aufgehen in der Spontanität diese Güte erlangen kann. Große Gefühle.

 

DO 04.Mai 2017
Fast Amazing Trip
FAT – FABULOUS AUSTRIAN TRIO
Alex Machacek (e-g), Raphael Preuschl (e-b), Herbert Pirker (dr, sample)

Äußerst amüsant war zunächst die Ansage von FAT-Gitarrist Alex Machacek für die er in die  Rolle von Porgy-Chef Christoph Huber in dessen Funktion als Ansager schlüpfte. Hernach bekamen die HörerInnen erbarmungslos ihr Fett ab. Das rhythmische Energiezentrum Herbert Pirker, er war zwischen seinen beiden anderen ebenso besten „durchtrainierten“ Kollegen auf der Bühne positioniert, warf die „Fettverbrennungsmaschine“ an und katapultierte das fabulöse Terzett von 0 auf 100 in fünf Sekunden. Doch nein, hier brach sich kein aufschneiderischer Geschwindigkeitsrausch Bahn. Den Jungs brennt es einfach unter den Fingernägeln. Ihnen gehen  hochkomplexe Strukturen, aberwitzige Tempo- und Rhythmuswechsel, waghalsige Harmonietexturen und melodische Kapriolen, in ungekünstelter Weise realisiert, leichtest von der Hand. Es ist diese unbändige Lust am Verqueren, am Ausloten asymmetrischer Verschachtelungen im Spannungsfeld von Jazz und Rock. Intensivierend war  zudem der Umstand, dass neben der präzisen Ausformung der auskomponierten Vorlagen, hinsichtlich derer man Grund der engverschränkten Kommunikation zwischen den Musikern den Eindruck hatte, diese sind kollektiv erarbeitet, eine spontane Konstruktivität immer wieder für frische Schubkraft und kreative Unruhe sorgte. Wie könnte es sonst anders sein, dass Alex Machacek permanent neue webmusterartige Akkordauflösungen bzw. findige, vertikal definierte Erweiterungen in seinen Improvisationen hervorsprudeln ließ, oder  der trommelnde Genius Herbert Pirker zuhauf Schlagkombinationen, polyrhythmische Finessen und Paradiddle- /Triolenverkettungen in phänomenaler Hand- und Fußarbeit ausschüttete, oder ein in einen ziemlich relaxten Modus sich einschwingender Raphael Preuschl oktavmäßig weitgefasste Melodieschnüre mit wunderbaren Einfällen auslegen konnte. Was das Trio mit gesättigter Ausgereiftheit und Stringenz in die Jazzpräsens einwirft, gerät zu einer repräsentativen Revitalisierung des Jazzrock. Nicht nur, dass die drei „FATen“ die charaterisierenden Formalismen, wie komplexe Kompositionen und Arrangements dieser, die Jazzentwicklung der 1970er Jahre prägende Spielhaltung kreativ weitertreiben, haben sie einen ausnehmend individuellen Bandsound geschaffen. Zweifellos liehen alle drei den wesentlichen Fackelträgern dieser Stilistik, vom Mahavishnu Orchestra über Return to Forever, Tony Williams Lifetime bis zur Alan Holdsworth Band aber auch exemplarischen Vertretern des Avantgarderock, Zappa sei hier erwähnt, aufmerksamst ihre Ohren und haben folgerichtige, elementare Schlüsse daraus gezogen. In der FAT-Musik wuselt es nur so vor „Triglyzeriden“ und sie bildet das Schlagobers auf dem Kuchen den sich die jazzaffinen, einen Rockapproach frönenden Gitarrentrios teilen. Eine Offenbarung die in die Herzgrube fuhr.

 

MI 03.Mai 2017
We Three in Jazz
DAVID LIEBMAN/ STEVE SWALLOW/ ADAM NUSSBAUM “We Three”
David Liebman (ts, ss, flutes), Steve Swallow (e-b), Adam Nussbaum (dr)

Eine ausnehmend geschmeidig gewundene Melodielinie, geformt mit persönlicher Intonation und Phrasierung, sofort einen unmittelbaren Impact ausstrahlend, entstieg dem Becher des Tenors, punktgenau gesellten sich prägnant anreichernde Arpeggien seitens des E-Basses - singulärer, vollmundiger Ton -, hinzu und die sich folglich einklinkenden tänzelnd flirrenden Cymbals, im Einklang mit elastischen Akzentuierungen an den Toms, verschmolzen zu einer herzerfrischenden, jeglicher Antiquiertheit widerstehenden, zupackend drivenden  Jazzexpression. Der daran anknüpfende Konzertverlauf, den die drei Ausnahmemusiker, denen man angesichts ihrer Stellung in den Jazzanalen keine Rosen mehr streuen muss, ausrichteten, erhob sich zu einer jubilierenden, würdigenden Feier des Jazz. Zugleich galt diese als kämpferisches Manifest für Freiheit und das ultimative Ausdrucksmittel des Jazz, die Improvisation. Duke, Charlie, Thelonious, Miles, John, Ornette schauten ihnen mit glänzenden Augen über die Schulter. Wenn man fähig ist, derart tief in der Genese des Jazz zu forschen und die Funktionalismen, eigens für sich adaptiert, souverän handhaben und modulieren kann, entsteht ein Fluidum der Zeitlosigkeit und Momentmagie. Mit Bravour und Geschmackssicherheit ließ das Trio Bebop Diktion, Blueskadenzen und modales Fortschreiten ineinander fließen. Auch hier schwingt diese Atmosphäre der Freiheit mit, da die Musiker nach Lust und Laune über jene Ordnungsparameter verfügten. Heißt, dass eben die Besonderheiten des Jazz hinsichtlich Rhythmik, Nussbaum jonglierte polymetrisch famos mit Backbeat, Offbeat, Swingperodizitäten, und der harmonischen Spezifika strahlten. Letzteres lag in den außerordentlichen Fähigkeiten von  Liebman und Swallow. Der Bassist „sang“ wunderbare vom Melos durchtränkte Basslines und attraktivierte, ebenso wie Liebman mit seinen eindringlichen Erzählungen auf Tenor und Sopran, Changes und Licks.  Die Decke des Clubs hing plötzlich voller irrlichtender Blue Notes und Rich Chords. Etliche der ausgeschriebenen Struktureinheiten stammten zudem von Steve Swallow, welche ihn als einen wunderbaren Komponisten innerhalb des tradierten Jazzrahmens ausweisen, innerhalb dessen er wiederum mit reichlich Gespür eine Fülle von Anregungen für Improvisatoren aufbereitet. Abschließend erklang eine berührende Version von Ornette Colemans „Lonely Woman“ dessen schlichte Schönheit Liebman zunächst mittels Holzflöte in archaischer Weise unterstrich, um sich sodann am Sopran in einen lebhaften Diskurs mit Gast Andy Middleton am Tenor zu stürzen. Swallow und Nussbaum sorgten für die brodelnde kinetische Energie. So fundiert man die Wahrhaftigkeit des Real Book.

 

SO 23.April 2017
Traumsequenzen in Audiocolor
CHRIS POTTER QUARTET
Chris Potter (ts, ss), David Virelles (p), Joe Martin (b), Nasheet Waits (dr)

„The Dreamer Is The Dream“ nennt Chris Potter seine jüngste Stückesammlung. Diese ist mittlerweile auch auf Tonträger gebannt worden und beim Label ECM erschienen. Die Wissenschaft spricht vom Traum als einer Bezeichnung für Phantasieerlebnisse vorwiegend optischer wie akustischer Art. In der Psychoanalyse nimmt die Traumforschung ja eine bedeutsame Stellung ein. Ein hoher Grad an Emotionalität  und assoziativem Denken wird dem Traum ebenso bescheinigt. Ganz so analytisch legt Potter die Thematik nicht an. Und hier sind wir schon bei den Analogien zu Potters Musik und seinem aktuellen Quartett, welches sich während dieser zweieinhalb Stunden in eine atemberaubende Spielobsession verstieg. Mit dieser einher ging eine exzeptionelle Strahlkraft, ein nicht minderer Energieausstoß gebündelt auf engverzahntestem Kommunikationslevel. Situiert wurde jener in einem weitläufigen modalen, rhythmisch periodisch definierten Aktionsfeld, welches die Band in extrem homogenen Gefügezustand umfassend durchkämmte. Jedes seiner Mitglieder ein virtuos originärer Stilist, setzte mit viel Feinsinn dennoch immer wieder überraschende atonale Ausreißer, die sich jedoch nie verselbständigten, sondern vielmehr das Spannungsfluidum anfachten. So hochkomplex und atemberaubend ereignishaft bzw. dynamisch wie agogisch wandlungsfähig sich diese Tonkunst in ihren improvisierten Aggregatzuständen darbot, so eingängig geradlinig offerierten sich die gliedernden, als Grundstock dienenden Themenkomplexe aus der Feder des Leaders. Dessen Spiel, von muskulösem Ton gepusht, einen weiteren prägenden, aber keineswegs egozentriert angelegten Faktor darstellte. Seine musikalische Sozialisation, wie etwa Lester Youngs elegante Geschmeidigkeit, Rollins Motivik, die er allerdings noch kantiger phrasiert, die Erdigkeit Dewey Redmans oder Coltranes glühende Klangströme, alles unverkennbar individuell adaptiert, ließ Potter substantiell durchklingen. Ebenso die Fähigkeit, in seinen phonetischen Visionen bravourös Schranken zwischen tonal gebundenen Entwicklungen der BeBop-Linie und den Grenzüberschreitungen der Jazz-Avantgarde zerbröseln zu lassen. Potter ist sicher einer der komplettesten Saxophonisten unserer Zeit, der mit verblüffender Unangestrengtheit aus einem riesigen melodischen Fundus schöpft und mit stuppender Imaginationskraft auftrumpft. Besonders signifikant erklang dies während eines frenetischen Dialoges zwischen Potter und Schlagzeuger Waits. Letztgenannter brillierte mit einem polyrhythmischen Netzwerk, welches den „Elvin Jonesschen-Nachlass“ konsequent wie kaum ein zweites Mal, weiterführt und ausdifferenziert. Waits zog rhythmische Überlagerungen noch engmaschiger und zerlegte zyklische Akzentuierungen mit fließendem Selbstverständnis. Die beiden anderen tragenden Säulen dieser Band waren der famose Pianist David Virelles, Meister der Aussparungen und harmonischer Extravaganzen, die er mit Salsa-Zitaten und tayloresken Kapriolen unterfütterte. Auch aus ihm sprudelten die Ideen, die er in einem grenzgenialen Trio Spot kulminieren ließ, und der souveräne Gelassenheit und Umsichtigkeit  ausstrahlende Bassist Joe Martin, der die ummantelnde „Raumausstattung“ seismographisch in das Getöne pflanzte. Neben dem Quartett Branford Marsalis´ ist jenes Potters´ das profundeste welches den Impetus des epochalen Coltrane Quartetts im Hier und Jetzt ausformuliert. Dreaming with some Masters.

 

DO 20.April 2017
episode 5 – Königsklasse
SHAKE STEW introducing “KING SHABAKA”
Lukas Kranzelbinder (e-b, acc-b, gembri), Mario Rom (tp), Johnny Schleiermacher (ts, bs, fl, moog), Clemens Salesny (as, ts), Manuel Mayr (e-, acc-b), Niki Dolp, Mathias Koch (dr, perc) & special guest: Shabaka Hutchings “King Shabaka” (ts, cl)

Sie machten erneut nicht viel federlesen und imaginierten eine imposante Feierstunde einer multidirektionalen Jazzauffassung des unbarmherzig Gegenwärtigen - die herrlich verrückten Klangberserker um Mastermind Kranzelbinder. Diesmal hielten sie richtig Hof, hatten sie doch einen „King“ hinzugezogen. Jener nennt sich wie ersichtlich „King Shabaka“ und ist einer der auffallendsten Vertreter der „Twenty Something“ Jazz-Szene des British Kingdom. Schon im Eröffnungsakt preschte Hutchings, flankiert von den beiden Bassisten und Schlagzeugern, ein stürmisches rhythmisches Lauffeuer mit afro-kubanischem Beschleuniger anfachend, mit großem Ton und einem entfesselten Klangdrang los. Markenzeichen seines erdigen Spieles sind eine markant gegliederte Melodierhythmik und variantenreiche Motivketten. Sonny Rollins schaut ihm zufrieden über die Schulter. Und er war sofort integraler Bestandteil der Bandchemie. Wie diesmal überhaupt das innere, sprudelnde Quellgebiet der Musik von zeitstrukturierter Grooveness dominiert war. Mitreißende, abenteuerliche Kreuz- und Gegenrhythmen und polymetrische Figurationen waren die Leitlinie für reichlich Freizonen, die sowohl spontane Kollektivimprovisationen evozierten, als auch himmelstürmende Soli aller, elementare Güte ausweisend, ausbrechen ließen. Betreffend letzterem war speziell Mario Rom, was die anderen Kollegen hier nicht in den Schatten stellen soll, an diesem Abend der überragende Gipfelstürmer. Atemberaubend wie er jede Windung seines Instrumentes auslotete, fauchte, jauchzte, schmatzte, strahlte. Nicht nur dass das Kollektiv wiederum mit dezidierter Kenntnis in die Jazzhistorie abtauchte – konkrete Assoziationen an George Russells Lydian-Chromatic Concept, die Art Ensemble Of Chicago Ästhetik oder mingussche Kollektivität klangen durch -, kokettierte es mit viel Geschick, nicht zuletzt durch Hutchings Input, mit den rhythmischen Eigenheiten des Dancefloor. Ergebnis war eine anregende Verbundenheit. So gerierte sich der Abend ein weiteres Mal als geistreich, ergreifend und unverschämt fangfrisch. Die Band der Stunde.

 

SO 16.April 2017
Vocal-Plural-International
URSZULA DUDZIAK/ NORMA WINSTONE/ MICHELE HENDRICKS/JAY CLAYTON „Vocal Summit Reunion 2017“
Urszula Dudziak, Norma Winstone, Michele Hendricks, Jay Clayton (vocals, electronics)

Zischen, raunen, meckern, gurren, krächzen, keuchen, seufzen, summen, jubilieren, singen, keine der Möglichkeiten stimmlicher Lautmalerei bleibt in den emotionalen Entäußerungen dieser vier grandiosen Doyennes des weiblichen, zeitgenössischen Jazzgesanges ausgespart.

Trotz aller avancierter klanglicher und formaler Erweiterungen lassen die Sängerinnen, jede auf ihre urtümlichste Weise, nie die Besinnung auf die wegbereitenden Vorfahrinnen, Ella Fitzgerald, Billie Holiday, Shirley Horn, Carmen McRea, Sheila Jordan außer Acht. Mit großer Meisterschaft haben sie den Liedgesang aus seinen Gesetzmäßigkeiten „befreit" und das Wesen der Stimme um extrem expandierende instrumentale Klangqualitäten angereichert. Das weitestgehend frei assoziative Improvisieren in eben diesem non-verbalen Duktus wurde zum musikalischen Nukleus dieser internationalen Formation und erschloss der A cappella-Kunst neues Terrain. Was beim legendären New Jazz Meeting Baden-Baden 1982, damals noch in Begleitung einer fünfköpfiger Band, seinen Anfang nahm, und Anfang der 1990er Jahre in der veränderten, auch jetzt noch gültigen Besetzung seine Fortführung fand, wurde gegenwärtig wieder aufgegriffen. Mit enormer Spielfreude und entspanntester Interaktion, was unmittelbarst von der Bühne nach Vergnügen schrie. Gleich beim eröffnenden „Willkommens-Lied“ auf Basis eines rhythmischen Ostinato über dem Wort „Hello“ breitete sich die im Folgenden ausgekostete abenteuerliche Lustbarkeit des musikalischen Ideenfeuerwerks aus. Die Musikerinnen schmetterten ausgelassene Improvisationen, über spontanen Basslines und rhythmischen Pattern in den  Raum. Dazwischen leuchteten gegenläufige Melodiemeander, polyphoner Satzgesang, exaltierte Scat-Vokalismen, Mehrstimmigkeit, anmutend wie die Swingle Singers in „Outer Space“, kollektiv angestimmte Geräuschcluster und abstrakte Tonfolgenschichtungen in atonaler Flächigkeit, die an Ligetis berühmtes „Lux aeterna“ erinnerten. Fantastisch auch die Interpretation von auskomponierten Vorgaben wie Dave Hollands „Conference Of The Birds“ respektive die Paraphrasenzaubereien über Ellingtons „Take The A-Train“ und Monks „Straight No Chaser“. Zwischendurch gab es  Teilgruppierungen von Solos und Duos. Start Ups waren wie im Kollektiv auch hier zumeist repetitive rhythmische Figuren, die in den Solos von Dudziak und Clayton mit wohlproportioniertem Einsatz von Elektronik (Samples, Loops) zu aufregenden Konversationen mit sich selbst bzw. in den Duos, ergänzt um fixe melodische Motive, zu intensiven Diskursen aufbrachen. Im Zuge der von Spontaneität befeuerten Euphorie über das erneute Zusammentreffen kam die eine oder andere Sequenz, wie etwa im Blues zum Schluss, ins Wanken. Jedoch auch dieses Auseinanderdriften münzten die Musikerinnen mit ihren spezifischen Fähigkeiten der Improvisation im Nu in bizarre Aggregatzustände um. Verblüffend auch die mentale und physische Vitalität dieser Stimmkünstlerinnen gesetzten Alters. Absolute Zustimmung.

 

MI 12.April 2017
Gut Holz & reichlich Späne
GINA SCHWARZ UNIT „Woodclock“
Gina Schwarz (b), Fabian Rucker (ts, bcl), Benjamin Schatz (p, keys), Heimo Trixner (g), Diego Pinera (dr, perc)

Der Ton: warm, herzhaft, voluminös. Das Spiel: wendig, filigran wie kernig. Und die Binnenstruktur ihrer elastischen Walkinglines bzw. druckvollen Ostinate erweitert sie einerseits im Kollektiv fein nuanciert bzw. solistisch phantasiegetränkt mit fintenreichen melodischen Ornamenten. Die Rede ist von der, wie gewohnt einem unbändigen Spieldrang folgenden Bassistin Gina Schwarz, die einmal mehr ihre eingeschworene Unit, mit der sie übrigens ab Herbst dieses Jahres die Stageband Abende im Porgy bestreiten wird, im Umfeld erheblicher Ausgelassenheit präsentierte. Bereits nach wenigen Takten stachen vor allem die engen kommunikativen Bande zwischen der Bassistin, dem Saxophonisten Fabian Rucker und Gitarrist Heimo Trixner in Ohr. Sie inszenierten spannungsvoll sich reibende Melodiefolgen, raffiniert verschlungene Unisoni respektive befeuernde kontrapunktische Capricen. Ihre inneren Ohren haben sie mittlerweile einer sensorischen Feinjustierung unterzogen. In den jeweiligen Soli, auch diesbezüglich formulierten die drei Vorgenannten die Glanzpunkte, wurde stupende assoziative Kreativität freigesetzt. Schwarz, wie gesagt mit munterem Ideenfluss, bildete das impulsgebende Zentrum. Trixner, ein fokusierter Klangcollagist, hantierte abwechselnd mit rubatierenden Klangfarbenpuzzles, trockenen, jazzbesonnenen Singlenote-Bändern und aufbrausender Rockästhetik. Energisch übermütigst, einem immensen Einfallsreichtum ergeben, gleichfalls mit dem Jazzfundus auf du und du, implementiert um einen robusten, saftigen Ton und originärer Intonation wie Phrasierung, offerierte Rucker Strudeln an Melodiefolgen durchsetzt mit motivisch angeordneten Sequenzen. Großartig auch, wie inzwischen die Balance zwischen den konzipierten Themenblöcken, in denen „Jazzklassizismus“ mit heutigen Verständnis, eingebettet in modale Rezeptur weitergedacht wird, und den daran anknüpfenden, freitonal, nie ziellos herumschwirrenden Improvisationen funktioniert. Nicht so gänzlich im Zentrum verankert war der Pianist Benjamin Schatz, der zwar in seinen Soli vife harmonische Abzweigungen einwarf, im Kollektiv jedoch zu verhalten seine Akkordprogressionen ausbreitete. Nicht so richtig Einbringen konnte sich der diesmalige Gast, Diego Pinera aus Uruguay am Schlagzeug. Obschon technisch bemerkenswert, speziell seine ausgeprägte linke Hand, war er häufig in seinen überbordenden Aktivitäten zu ungestüm und lautstärkemäßig zu dominant. Er hobelte dann und wann auch zu plakativ, woraufhin ihm auch die dynamische Differenzierung aus den Händen glitt. Allerdings griffen die meisterlichen Partner dem Jungspund, Hölzernes von dessen Seite sublim umspielend, stützend unter die Arme und zogen das Uhrwerk so richtig auf.

 

SO 09.April 2017
Demonstration eines Leerlaufes
CHRISTIAN SCOTT “ATUNDE ADJUAH”
Christian Scott (tp, flh), Logan Richardson (as), Zaccai Curtis (p,e-p), Max Mucha (b), Corey Fonville (dr, e-dr)

Ein synthetischer Hip-Hop Beat, Unterlage einer biederen Neo-Hardbop Konzeption, dessen niederfrequente Druckwelle in übergebührlicher Lautstärke das Gehör malträtierte, wälzte sich durch den Raum. Auf der Bühne stand der technisch brillante Trompeter Christian Scott mit seinen abenteuerlich gewundenen Hörnern in Begleitung seines Quintetts, der in einem Hype-Käfig gefangen scheint und dem derzeit übermäßig Lorbeeren gestreut werden. Vielleicht wären „Stachelbeeren“ vorerst angemessener gewesen. Der aus New Orleans stammende afro-amerikanische Musiker pflegt eine etwas überbewertete Mixtur aus Post-Modern Jazz, African Roots und popimmanenten Clubsounds, der aber eine durchdringende Inhaltlichkeit nicht bescheinigt werden kann. So funktionierten auch die ersten beiden Stücke nach dieser simplen Masche. Nach einigen Unmutskundgebungen des Publikums betreffend der Lautstärke der dröhnenden Tiefklangbeats kündete Scott die „Alternative“ an. Es folgten Stücke in besagter Neo-Hard Bop Gewandung ohne elektronische Beigabe, die allesamt einer etwas ermüdenden rhapsodischen Affektivität frönten und mit der Einstellung von übereifrigen Musterschülern abgespult wurden. Fraglos waren exzellente Musiker am Werk, die aber keine große Mühewaltung hinsichtlich Spannunginsistenz an den Tag legten. Harmonisch wie rhythmisch ergingen sich die Musiker an einer Aneinanderreihung tradierter Floskeln. Das jedoch souverän. Man vermittelte den Eindruck einer leerlaufenden Darbietung seines Könnens ohne Anspruch. Scott wirkte plötzlich irgendwie gereizt. Der ganzen Situation ebenso in keinster Weise zuträglich war die „Below Zero“-Meisterleistung des gruppeneigenen Soundengineers, der ein mulmiges Klangbild zusammenmixte und es sogar schaffte den wunderbaren Fazioliflügel wie ein unplugged E-Piano klingen zu lassen. Innigst wünschte man sich einen der profunden Haustechniker des Porgy herbei. Als dann nach der Pause Scott zu einem minutenlangen Monolog, mit bemühten Comedian-Einschüben, ansetzte,  war die Luft völlig draußen und es an der Zeit von Hinnen nach Dannen zu gehen. Wie das Leben ebenso spielt. Und das ist halt nicht nur in höchsten Tönen. Solche Ereignisse gleichfalls passieren zu lassen, zeichnet einen guten Jazzclub aus.

 

SO 02.April 2017
Triplicate – eine modale ad hoc Erzählung
STEVE COLEMAN REFLEX TRIO
Steve Coleman (as, perc), Anthony Tidd (e-b), Sean Rickman (dr)

Ein ausdifferenziertes Klangkonvolut deren modale, rhythmus- und melodiekonzentrierte Textur in all ihrem Umfang, mit immer wieder überraschenden Wendungen & Fortschreitungen ausgereizt wird. Resultierend daraus, entwickelte sich eine freigeistige, höchst individuelle Klangsprache, innerhalb eines wandlungsfähigen, komplex geschichteten NeoBop-Konstruktes, welches auch Elemente von populärmusikalischen Stilistiken wie Funk, Rock oder Rap miteinbezieht und in dem der Improvisation großes Gewicht beigemessen wird, die ausgereizte Bop-Formeln außer Kraft setzt. So könnte man in aller Kürze das musikalische Denkmodell der sich M-Base (Macro-Basic Array Of Structured Extemporizations) nennenden MusikerInnenkooperative, deren maßgeblicher Spiritus Rector Steve Coleman ist, umreißen. In diversen unterschiedlichen Besetzungsformaten hat Coleman diese Idee ausgeleuchtet und verfeinert. Derzeit vermisst er dieses Terrain in Trio-Besetzung. Mit zwei seiner langjährigen Partner. In solcher Umgebung erstrahlt der glasklare, mit spezifischer Färbung versetzte und  eigenwilliger Intonation gestaltete Ton in besonderer Weise. Eine Vielzahl der spontan ausgespielten Stücke, die schon einmal eine Länge von zwanzig Minuten erreichten, introduzierte der Saxophonist unbegleitet mit verwinkelter Linienführung und eindrucksvollen Melismen, die sich mit Fortdauer des Spielrausches als fast unlimitiert erwiesen. Durch jene schimmerte natürlich Colemans primäre Verwurzelung mit der Black Music-Entwicklungslinie seit Charlie Parker, jedoch ließ er ziemlich deutlich auch seine Affinitäten zur Cool Jazz-Ästhetik, von Konitz, Desmond bis Art Pepper, anklingen. Auch flocht er intelligent klassische Kadenzen ein. Da er seine Improvisationen, deren Stimmungsindikationen eine Bogen von exaltiert bissig bis lyrisch verspielt spannten, des Weiteren in eine ausgefuchste Melodierhythmik kleidete, regte er zugleich vertrackte Grooveschichtungen an. Coleman, der auch zwecks Eindringlichkeit hypnotische Pattern repetierte,  stand dabei permanent in rhythmischer Korrespondenz mit dem grandiosen Drummer Rickman, der mit sagenhafter Leichtigkeit und Klangsensibilität in blitzschnellen Reflexen einen polyrhythmischen, -metrischen Gipfelsturm in Gang brachte. Faszinierend wie die Off-Beat Raffinessen von Coleman und Rickman ineinander griffen und linear verlaufende, periodisch gegliederte, rhythmische Binnenstrukturen mit selten zu hörender Elastizität und Weitläufigkeit ausstatteten. Verdichtende, aufregende kontrapunktische Standpunkte, inklusive Bach-Anspielungen, implementierte dann noch E-Bassist Tidd, der mit geschmeidigem Ton an das Qualitätsformat eines Steve Swallow heranreicht. Sein Spiel folgte einem fortwährenden, findigen Melodiefluss in dem herkömmliche Begleitschemata, ebenso wie in diesem organischen Kollektiv konventionelle Rollenverteilungen, aufgehoben waren. All das verweist auf eine Ereignishaftigkeit hohen Sättigungsgrades, die aber durch die eingeforderte Transparenz und Balance noch expliziter wurde. Jazzerzählungen von großem, humanem Tiefgang.

 

MI 29.März 2017
Küsse im Halbschatten
JEAN-PAUL BOURELLI “KISS THE SKY”
Jean Paul Bourelli (e-g, voc, electronics), Darryl Taylor (e-b,voc), Kenny Martin (dr, voc)

Es wäre die Realisierung eines langgehegten Anliegens gewesen. Die Begegnung Jean-Paul Bourellis mit Harry Sokals Power Pack Depart. Bedingt durch eine Fußverletzung Sokals wurde bedauerlicherweise ein Delete-Projekt daraus. Bourelli sprang kurzfristig mit seinem derzeitigen Trio ein. Eine nette Geste. Wie überhaupt der Gitarrist ein sympathischer Zeitgenosse ist, was seine spritzigen Ansagen vermittelten. Der folgende musikalische Output war allerdings einigermaßen mau. Zumal Bourelli, ein fabulöser Saitenhexer, mit enormem Energiereservoire und überbordender Spiellaune zur Sache ging. Er demonstrierte improvisatorische Großtaten und eine gediegene Virtuosität. Seine ausgefeilte Stilistik speist sich aus einer griffigen Gemengelage aus Rock-Duktus mit Funkeinsprengsel und Jazz-Spirit. Abgesehen davon sind Electric Blues und Hendrixmania von ganz besonderer Bedeutung. Gewöhnungsbedürftig waren seine Vokalismen, die er immer wieder im Unisono mit seinen Single Note-Linien heraus schrie. Bourelli nahm sich ausreichend Raum für seine zumeist einfallsreichen, expressiven Soli in denen er die leidenschaftlich zelebrierte Rocktextur harmonisch wie melodisch zeitweise aus den Angeln hob bzw. sich rhythmisch überschlagen ließ. Seine beiden Partner, renommierte Musiker aus der Soul-Szene, konnten diesem Esprit nur bedingt folgen. Der Bassist stolperte des Öfteren ungelenk durch die Tunes, während der Drummer, ein solider Rhythmiker, den unorthodoxen Wendungen im Spiel des Gitarristen nicht viel hinzuzufügen hatte bzw. dann und wann einen unpassenden Tempostrang verfolgte. Das Trio bildete nur ganz sporadisch eine Einheit. Oftmals präsentierte sich das Klangbild leider ausgefranst und wackelig. Es kochte nicht es köchelte, es war kein flammender Appell sondern nur ein unentschlossenes Geplauder. Die Spielsituation versprühte den Charme einer Rehearsal-Session, hatte aber seinen Reiz.

 

DI 28. MÄRZ 2017
Nachjustierbare Versuchsanordnung
OMERZELL/SIEWERT/KÖNIG
Benny Omerzell (hammond org, synth, p), Martin Siewert (e-g, steel-g, electronics), Lukas König (dr, synth)

Martialische, dunkel dröhnende  Akkorde wuchteten sich aus der Hammond, splittrige Cluster von der Gitarre krachten dagegen, währenddessen sich ein asymmetrischer Kraftkammer- Rock Groove hineinbohrte. Schrittweise eingehüllt in Trockeneisnebel. Das passte augenzwinkernd zu den Reminiszenzen an die großen Neuerer des Progressive/Hard Rock der 1970er Jahre mit den prägenden Hammond Orgel Sounds, die dem Trio als bestimmender Bezugspunkt gelten. So transformierte Omerzell Klangqualitäten von relevanten Rock-Orglern wie z.B. Deep Purples Jon Lord, Keith Emerson, Rick Wakeman, Rob Argent, Gentle Giants Kerry Minnear oder Focus´ Thijs van Leer und natürlich des einzigartigen Auslösers, den Jazz und Rock intelligent verbunden habenden Larry Young in sein energetisches, ausgeklügeltes Spiel. Er setzte mit der teils quergedachten gängigen Funktionsharmonik des Rock und daraus resultierenden Kadenzen die bestimmenden „Duftmarken“ der von einigen wenigen Motiven durchsetzten spontan assoziativen Improvisationsmusik mit starken „Jazznerven“. Dem Impetus gleichziehend entledigten sich auch Siewert und König ihrer Kreativität. Ersterer dehnte rockimmanente Akkorde harmonisch wie klanglich, unter profunder Zuhilfenahme von elektronischen Devices genüsslich aus und Zweiterer schleuderte knochentrockene Grooves ebenfalls immer wieder in metrisches Niemandsland und ließ sie dort fröhliche Urstände feiern. Da wähnte man sich schon in einer originellen, aufgefrischten Relaunch der Jazz-Rock Idee. Aber es blieb nur bei Ansätzen und Andeutungen, die unbedingt nach einer Vertiefung verlangt hätten. Omerzell hätte da mit seinen drängenden Ideen hartnäckiger bleiben soll und Siewert, ein Haarspitzen-Sohle Klangästhet, hätte ohne weiteres ausführlicher den „Rockgitarren-Hero“ hervorkehren dürfen.  Impuls, Leidenschaft, Punch, ein effizienter Abtausch von Konsonanz und Dissonanz, von modal und freitonal und dynamischen Polaritäten waren unüberhörbar, aber dennoch machte sich eine gewisse Bruchstückhaftigkeit und Zerrissenheit breit, obschon das Klanggebräu brodelte, denn dieses war der Dringlichkeit und letztendlichen Konsequenz verlustig gegangen. Auch hätte man das Ansinnen des Wiedererweckens der seinerzeitigen soziokulturellen Progressivität heraushören können, was ohne weiteres zur Unterfütterung eines Jetztzeitstandpunktes prädestiniert gewesen wäre. Aber vielleicht ist es einfach die emotionale Bande der Musiker mit dieser Ausformung des avancierten Rockkanons. Festgehalten ist der Trip auch auf dem Tonträgerdebut des Trios mit dem Titel „Battelship Euphoria“ (Handsemmel Records). Zu erwarten ist, dass die drei charismatischen Musiker ihr großes Potential noch eloquenter bündeln, noch expliziter vorantreiben. Und Herrschaften, lasst euch eurer Euphorie nicht berauben.

 

MI 22. MÄRZ 2017
Jazz-Archäologie im Zeitfluss
EDDIE HENDERSON QUARTET
Eddie Henderson (tp), Piero Odorici (ts), Darryl Hall (b), Willie Jones III (dr)

In seiner ausgefeilten Stilistik, in den Äther gesetzt mit nuanciert lyrischem, nach wie vor scharf konturiertem, kernigem Ton, steht Henderson neben Lichtgestalt Miles Davis den großen Trompetern des Hard Bop wie Lee Morgan, Woody Shaw oder Freddie Hubbard nahe. Mit Durchbruch des Jazz-Rock, den er im richtungsweisenden Sextett von Herbie Hancock mitgestaltete, elektrifizierte der Trompeter fallweise sein Spiel und gelangte neben Miles, Randy Brecker und Don Ellis zu den dahingehend zwingendsten Ergebnissen. Heute ist Henderson wieder zum natürlichen Ton seines Instrumentes zurückgekehrt. Mit seinem aktuellen Quartett, in das er hervorragende, in unseren Breiten mäßig bekannte, aber unbedingt zu entdecken geltende Musiker geladen hat, kultivierte er ein in sich stimmiges, mit vom Hard Bop herrührenden rhythmischen Ingredienzien versetztes modales, melodisch wie harmonisch flexibles Spielideal. Die Absenz eines Harmonieinstrumentes bot den Musikern demnach weit mehr Raum und Bewegungsfreiheit in ihren linear fortgesponnenen Improvisationen, wobei die beiden Bläser, Tenorist Odorici bestach mit gewichtigem Ton und sehr persönlichem, aus der jüngeren Entwicklungsgeschichte dieses Instrumentes herausdestilliertem Spiel, ihre melodischen Linien ab und an in Phrasierung und Tonbildung ziemlich ausweiteten. Selbst wenn sie sich tradierter Changes bedienten, geschah dies mit einem außerordentlichen Maß an Kreativität. Dass sie auch von einem angebrachten, bewegungsdynamischen Schub profitieren konnten, war der Verdienst des ungemein entspannt dahingleitenden Rhythmusgespanns. Darryl Hall, ein unaufdringlicher Bassvirtuose, der mit satten Walking-Lines respektive wendigen Soli den musikalischen Nukleus befeuerte und der in der stilbildenden afro-amerikanischen Schlagzeug-Tradition stehende Willie Jones, welcher mittels ausdifferenziertem Time-Keeping, speziell sein tänzelndes Beckenspiel, angereichert mit raffinierten Akzentuierungen, war signifikant, die Musik in letzter Konsequenz abheben ließ. Besonders Klassikern des Jazz-Repertoires, wie Fats Wallers „Jitterbug Waltz“, Kenny Barrons „Phantoms“ oder Hancocks „Cantaloupe Island“ (umgemünzt in einen kochenden „Funk-Bop“), gewann das Quartett, nicht zuletzt durch ungemein waches und konzentriertes Korrespondieren, beflügelnd eigenwillige Schattierungen ab. Mit solcherart Selbstverständnis und Frische reflektiert, erlangen Jazzvergangenheit-Reminiszenzen erhellende Wertigkeit und gültige Jetztzeitrelevanz.

 

DO 16. MÄRZ 2017
episode 4 – Two Bass Hit & Collective Shake Out
SHAKE STEW
Lukas Kranzelbinder (acc-b), Mario Rom (tp), Johnny Schleiermacher (ts), Clemens Salesny (as, acl), Manuel Mayr (e-, acc-b), Niki Dolp, Mathias Koch (dr, perc)

In dieser Band und um sie herum stimmt derzeit alles. In ihr festigte sich, nach in den letzten Wochen ausführlich abgehaltenen Konzertaktivitäten, das Gefüge zu einer Art perkussiv wucherndem, „melo-harmonischem“ Meta-Instrument, das Leader Lukas Kranzelbinder, in bester mingusscher Manier, bravourös handhabt und eben auf Grunde der perfekt sitzenden „Einzelteile“ zu kontinuierlich reifenden, stupenden Exploits anleitet. Um das Kollektiv herum hat sich ein verblüffender, publikumswirksamer Magnetismus ausgebreitet, der erfreulicher Weise auch auf die junge Generation in beträchtlichem Maße wirkt. Begründet liegt das zu einem Gutteil in der ausgeklügelten PR-Arbeit im Zusammenspiel Kranzelbinder und Porgy & Bess. Diesen Umstand nutzt Kranzelbinder sehr geschickt auch ausführlich in musikalischem Sinne, um das Publikum ebenso mit Unkonventionellem zu konfrontieren.  Wie z.B. im Rahmen der vierten Stageband-Performance mit der Sperrigkeit eines das erste Set ausfüllenden Kontrabass Duettes, welches die Hörenden ebenso Staunen machte. Ausganspunkt dieses Zwiegespräches war eine Zuspielung aus der Field-Recordings Sammlung des legendären Musikethnologen Alan Lomax. Es handelte sich um die Aufnahme eines beschwörend wirkenden Gesanges einer sizilianischen Fischerin. Aus dieser archaischen Melodie, die sodann verklang, schälte sich ein eindringliches Ostinato, das die beiden Bassisten wechselweise mit kürzelhaften melodischen Motiven umspielten. Dies führte zu von Taktwechsel begleiteten, auf den Punkt gebrachten, flexiblen Improvisationen, die nach anknüpfenden Klangflächen, in intensiven Klangbauten im Minimal Music-Duktus, Arco- und Pizzicato-Spiel standen sich da gegenüber, ihre Auflösung fanden. Übrig blieb ein außerordentlich hypnotischer Sog. Das zweite Set gehörte wieder dem Kollektiv. Es trumpfte mit gewohnter Eingeschworenheit und dem sensitiven Reaktionsvermögen seiner Protagonisten auf. Konzeptseitig wurde partiell der Jazzfundus reflektiert. Mit geistreicher und vor Verve sprühender Mentalität. Marching Band-Anspielungen, Old Time Jazz- Entlehnungen, BeBop-Versatzstücke, Hard Bop-Funkyness oder völlig entkoppelte Kollektiventladungen flossen in einem originären „FANGenspiel“ ineinander, Daraus hervorbrechend, führten die unlimitierten, erneut famosen Improvisationen der Bläser die Klangerlebniswelt zum Siedepunkt: Hier ereignete sich bestätigend Musik zur Zeit im Jazzidiom, welches sich fortwährend häutet.  

 

MI 8. MÄRZ 2017
Trommelwirbelei und Luftsäulengestöber
GÜNTER „BABY“ SOMMER/ JOHANNES ENDERS
Günter „Baby“ Sommer (dr, perc, voice), Johannes Enders (ts, ss)

Beginnend mit dem Free Jazz und den aus ihm heraus entstandenen, weiterführenden stilistischen Nuancierungen etablierte sich diese Instrumentenpaarung (es sei nur auf John Coltrane/ Rashid Ali: „Interstellar Space“ verwiesen) fortan mehr noch in der europäisch verwurzelten Improvisationsmusik, denn in der amerikanischen, als eine oftmals präferierte Kommunikationsplattform. Dezidiert das zu einer prägnanten Melodierhythmik anregende Tenorsaxophon, mit seiner wirkungsmächtigen Klangfülle und deren sonorer Färbung, steht in besonderer Symbiose mit der „Rhythmuskeimzelle“ Schlagzeug. Ein Umstand den dieses so entspannt lustwandelnde Duo in stringentester Weise zu Gehör brachte. „Baby“ Sommer mit einer handvoll anderer Kollegen, der maßgeblichste europäische Schlagzeuger der Jazzavantgarde der letzten vier Dekaden, der lange vor dem Fall der Berliner Mauer, Mauern des konventionellen Time-Keeping niedergerissen hat, hat mit der spezifischen Erweiterung  seines Instrumentariums um aufeinander abgestimmte Trommeln und Cymbeln, die melodischen, harmonischen Aspekte des Schlagzeugspieles auf ein neues Level gehoben, in dem er die dahingehenden Erkundungen von Drum-Größen wie Max Roach oder Ed Blackwell weiter verfeinerte. Mit fast dirigierenden Bewegungen, in den Händen diverseste Anschlagwerkzeuge,  ließ er sein Set singen. Enders gesellte sich umgehend mit luftigen Girlanden auf dem Sopran hinzu und unterstrich welch stupender Melodiker er ist. Im weiteren Verlauf zog ein engmaschiges Interplay seine Bahnen, das einen wahren Ideenrausch zündete. Sommer zauberte mit ebensolchem melodischen Feinsinn sowie dynamischer Nuanciertheit detailreiche, perkussive Tonfolgen hervor, die er in repetitive Rhythmusmuster oder polyrhythmische Extravaganzen übergehen ließ, aus denen er wiederrum timebezogene Strukturierungen entwickelte. Und da ließ Sommer es mit Latin-Touch grooven, im Neo-Bop Flair tänzeln oder brach die metrische Bindung auf, was in pulsierende asymmetrische Akzentuierungen mündete. Enders, auf eindrucksvolle Weise auf seinem Hauptinstrument, dem Tenor, die Jazzgeschichte absorbierend und in persönliche Diktion verwandelnd, ließ einen irisierenden, immer tonal zentrierten Flow an vielgestaltigen motivischen Improvisationen, in bestem rollinsschen Sinne, aus diesem strömen. Sein flexibler, warmer Ton sprach zudem für sich. Glanzpunkte setzte der Saxophonist z.B. beim umwerfenden Zitieren und Paraphrasieren eines Monk-Potpourris oder dem von Rahsaan Roland Kirk inspirierten Simultanspiel auf  Tenor und Sopran. Diesen Spontanmomenten verlieh Sommer eine verschmitzte, vehement swingende Motorik. Im Zuge dessen wurde deutlich mit welch individueller Weitsicht das Duo seine Verwurzelungen in den Jazzanalen in der Gegenwart verankert. Wenn das in einem derartigen Spannungscluster seinen Ausdruck findet, formt sich daraus eine relevante eigene Geschichte. Diese reflektierte die Magie pluralistischer freier Improvisation, wie sie nur auf dem Jazzterrain zur Entfaltung gebracht werden kann. „Hörmusik Duette“ von tiefgreifender musikalischer und menschlicher Koinzidenz und Fantasieverschränkung.

 

MO 6. MÄRZ 2017
African Ceremony
ABDULLAH IBRAHIM & EKAYA
Abdullah Ibrahim (p), Andrae Murchison (flh), Lance Bryant (ts), Cleave Guyton (as, fl), Alex Harding (bs), Noah Jackson (b, cello), Will Terrill (dr)

Er ist der bis dato bedeutendste, einflussreiste afrikanische Jazzmusiker, der auch im hohen Alter nicht müde wird, seine ureigenste afrikanisch geerdete, von der abendländischen Tradition durchwehte und von ellingtonscher Eleganz und monkscher Verschrobenheit befeuerte Jazzvision in Konzerten zu zelebrieren. Er tut dies heute mit einer fast beschwörenden Entschleunigung  und fragmentarischen Strukturierung seiner modal basierten Musik. Sein Anschlag ist sanft geworden aber nicht vergreist. Sein Spiel umgibt eine Art mystischer Intensität, doch in den repetitiv wiederkehrenden Mustern pulsiert nach wie vor jene hymnische, hypnotische Kraft. Und das Kollektiv Ekaya fungiert quasi als sein „Zweitinstrument“, als die Potenzierung seines Klavierspieles. Mit der eben gleichen Reduziertheit und Introspektive. Es klingt ein enormes Wissen über die Kunst der Tonsetzung, den Sinn der Musik durch. Vollführt mit in sich ruhender Qualität und Abgeklärtheit. Konzentriert und vital wirkend betrat Ibrahim vorerst alleine die Bühne und breitete ein elegisches, transparent gegliedertes Klanggewebe aus, das in seiner melodischen Simplizität jazzimmanente Balladenhaftigkeit und Kürzel aus afrikanischer Melodik und europäischer Tradition, mit Anleihen von Schubert bis zu den Impressionisten, verschränkte. Nach und nach kamen seine Mitmusiker hinzu. Flöte und Cello verdichteten vorerst den introspektiven Charakter. Danach folgten die restlichen Instrumentalisten. Die Musik erhielt eine rhythmische Feinziselierung und die Bläser ergänzten in einem „mellow mood“ die Melodielinien des Pianos mit Unisonoausschmückungen oder Off-Beat gesetzten Tutti. Dazwischen platzierten sie auch knappe Soli in getragener Weise, die den lyrischen Duktus fortführten. Im zweiten Teil des Abends wurde das Tempo etwas forciert. Ausgehend von, die Kwela Musik Südafrikas reflektierenden Melodiefolgen, die mit den typischen chromatischen Bass-Ostinaten unterlegt waren. Auch zitierte Ibrahim aus einigen seiner bekannten Themen wie z.B. „The Wedding“, die jedoch jetzt in Half-Time einherstolzierten, was das Würdevolle in des Pianisten Musik verstärkte. Richtig beschwingt ging es kurzzeitig bei einer kauzigen Version aus einem Monk Themen-Mix zu. Seinen Abschluss fand der dramaturgische Verlauf mit berührender Klangpoesie. Wieder wie zu Beginn, erspielt im Trio mit Cello und Flöte und zuletzt in ein Piano-Rezital hinübergleitend. Eine feierliche Zeremonie von ausnehmend berührender Unmittelbarkeit. Jedwedes schwülstige Pathos war der Musik dabei abhold. Es wird sicher einiges an Verstörung unter dem/der einen oder anderen ZuhörerInnen ob der emotionalen Gemächlichkeit der Musik geherrscht haben - nachvollziehbar. Aber das wunderbare am Jazz ist doch, dass seine MusikerInnen sich prinzipiell nicht in Stillstand begeben. Und Abdullah Ibrahims gegenwärtiger Klangkosmos ist eben jener des beschaulichen Gleichmaßes und der Seelenruhe. Die wahre Autorität bleibt die Musik und das ist entscheidend.

 

MI 1. MÄRZ 2017
Cool Struttin´  in Wiener Melange
KOGLMANN/ARCARI/ PASZTOR
Franz Koglmann (tp, flh), Mario Arcari (english horn, oboe), Attila Pastor (cello)

„Kammertrompeter“ Franz Koglmann (extra für ihn müsste man diesen Begriff eigentlich etablieren) proklamierte einst ein wenig sarkastisch: „Das Jazz-Solo ist tot“. Seit jenen Tagen hat er dieses für sich entschlackt, von unnötigem Ballast befreit und es fortan kompromisslos in der Umgebung seines Amalgam einer Cool Jazz Formalistik und Funktionalismen einer weitgefassten  europäischen Traditionsspanne, auf seine Gültigkeit und Wirksamkeit hin kritisch beleuchtet. Immer bestimmter und konzentrierter erklärte sich der melancholische Poesiekanon seiner musikalischen Gedankenwelt mit den darin verankerten Brechungen eines wienerisch-slawischen Lyrismus. Koglmann konsolidierte in eigenständiger, fast könnte man sagen singulärer Haltung sein klar artikuliertes Ansinnen der Hege und Weiterführung der in der Jazzepoche der 1950er Jahre gereiften „Third Stream“- Explorationen. Darin erlangte er sowohl in seinen Kompositionen/Arrangements als auch in den konzisen Improvisationen eine meisterliche Stringenz der Präzision und Luzidität. Demnach könnte man in Bezug auf sein eingangs erwähntes Statement vielleicht sogar folgerichtig hinzufügen: „Es lebe das Jazz-Solo.“ Neben seinen Kompositionen für größere Besetzungen unterhält er speziell mit seinem aktuellen, unkonventionell besetzten Trio, mit den beiden klassisch ausgebildeten Musikern Mario Arcari und Attila Pastor, das in seiner Gründungsphase ALL´ ALBA hieß, eine eng verschränkte, dabei elegant luftige, geschmeidig bewegliche Klangrede in diesem, seinem Duktus. So gehört an jenem Abend. Die Porgy-Bühne umgemünzt in einen intimen Kammersaal, bestückt mit drei der roten Clubsessel und den Notenpulten. Gleich das erste Stück „All´ Alba“, ein Blues von Giorgio Gaslini, offerierte ein kauzig cooles Einschwingen. Formidabel durchwehten Arcari und Pastor ihre klassisch konnotierte Intonation mit wohldosierter, jazzimmanenter Freigeistigkeit – beweglich und geschmackssicher. Die helltönende Charakteristik ihrer Klangstränge verschmolz in homogenem Maße mit der introspektiven, dunkelnuancierten Färbung von Koglmanns Spiel. Im Fortlauf des Abends, der primär die Präsentation des  Gluck-Programmes des neuen Tonträgers des Trios mit dem Titel „G(ood)luck“ zum Inhalt hatte, befleißigten sich die Musiker einer beflügelnden Interaktion und frönten einer daraus resultierenden gehörigen Spiellaune. Alle tonalen Türen standen in den Stücken für die fokussierten  improvisatorischen Veräußerungen, in denen viel Verve loderte, offen und die Trompete tauchte schon auch einmal in losgelösten, kurzgefassten Klangfarbenrauch ab. Dreh- und Angelpunkt der musikalischen Vermessung des Oeuvres des Chamber-Terzetts blieben jedoch die  in der Hauptsache von Koglmann ersonnenen Kompositionen und Arrangements – oftmals inspiriert von literarischen Texten. Wirklich famos wie er die Instrumentalstimmen harmonisch ausweitend zusammenführt, polyphone Kontrapunktfinessen sprießen lässt und all das zwischen „laid back“-Feeling und Stretto-Modalität changieren ließ. Diverse explizite Themen berührten auch mit ihren schlichten, melodischen Binnenstrukturen. Gravitätischer „Kammer-Jazz“ im Spannungsfeld von „Yesterday´s Ezzthetics“ und „Today´s Visions“ mit vielen illuminierenden Pointilismen.

 

MI 22. FEBRUAR 2017
Bilderstürmende Philm-Musik
PHILM
Philipp Gropper (ts), Elias Stemeseder (p, electronics), Andreas Lang (b) & Gäste: Christian Reiner (voice, poetry), Michael Prowaznik (dr)

Im „Vorspann“ zu diesem, gleich vorweg gesagt packenden „Philm-Abend“, verlautbarte des Clubs geschätzter MC, dass einer der vier Hauptdarsteller, Schlagzeuger Oliver Steidle, einer kurzfristigen physischen Beeinträchtigung zufolge, seinen Drum-Hocker räumen musste. Doch das Philm-Kollektiv, eine deutsch-österreichische, jazzgeneigte Gemeinschaftsproduktion angeregt vom Berliner Saxophonisten Philipp Gropper, setzte eine gelungene ad hoc-Reaktion und lud sich zwei österreichische Gastmusiker ein. Ein wenig Schade, dass diese packende Vorführung vor etwas spärlich besuchtem Auditorium einherging. Was dem Kreativ-Output und der Spielfreude der Musiker in keinster Weise zum Nachteil geriet. Im ersten Set, welches mehr einer kontemplativ abstrakten Textur folgte - aus feinstofflich strukturiertem Wagemut stürzten sich die Musiker mit eruptiven Klangschüttungen allmählich in die freie Wildbahn - gesellte sich vorerst der Stimmperformer/Simultan-Poet Christian Reiner hinzu. Der Schaffensprozess, der auf freitonalem Terrain mit entspanntem Verhältnis zur Jazzhistorie ausgelebt wurde, folgte primär, einen ausgedehnten musikalischen Bogens spannend, der Prämisse einer freien Kollektivimprovisation. Deren versprengte Tonsetzungen mündeten in Abständen in, im Vorfeld ausgeklügelte, prismatische Gebilde. Als Initiator per se, fungierte mit bereits enormer Reife und tiefer Jazzaffinität der grandiose, junge Salzburger Pianist Elias Stemeseder. Eine markante, klar konturierte Anschlagkultur sein eigen nennend, platzierte er unablässig spritzige Ideen in Form kürzelhafter, kantiger harmonischer Inseln, melodisch verstiegener Tontrauben oder elektronisch generierter, perkussiver Sounds, die durch ihre repetitive Abfolge eine hypnotische Rhythmuskomponente erzeugten, in die Extemporationen. Seine Partner griffen diese Impulse lustvoll und leidenschaftlich auf, sponnen sie weiter und verdichteten die Handlung zu fließenden Fantasieverschränkungen. Insbesondere vollzog sich ein organisches Ineinandergreifen von Musik und der spontan artikulierten, wortwitzig geistreichen „Surreal-Poesie“ Reiners, wie man es seit Jandls sprachgewaltigen Diskursen mit Jazzmusikern wie Glawischnig und Ruegg nicht mehr erlebte. Im zweiten, ebenso in einem durchgehenden Verlauf angelegten Teil, kam der gleichfalls jungendliche Schlagzeuger Michael Prowaznik ins Spiel. Und wie. Ohne viel Vorbereitung spielte er verzwickt arrangierte Themen wie nix vom Blatt und brachte die kinetische Energie der nun muskulös angewachsenen Musik mit federndem Spiel zum Brodeln. In Kürzestem eng verbandelt mit einem über Funktionalismen weit hinaus agierenden Bassisten. Stemeseder brillierte nun mit flinken Läufen, die er mit massiven Blockakkord-Tiraden durchsetzte und in spannende Crescendo/Decrescendo Vorgänge einband – ein persönliches Destillat aus monkschen und tynerschen Welten. Der Saxophonist pflegte in seinen Phantasmen nicht den großen Ton in einem energischen Kraftakt, sondern das Spiel der Zwischentöne und geschmeidigen Wendungen im Sinne eines Getz oder Giuffre. Gegen Ende  lautmalte nochmals Reiner, in der Musik treibend, punktgenau mit Textfragmenten. Ziemlich großes Kino. Und wertes Publikum, gehen sie bitte wieder verstärkt auf Entdeckungstour, die junge Jazzgeneration hat Hochklassiges zu bieten.

 

MO 13. FEBRUAR 2017
Two Is A Company
AKI TAKASE & DAVID MURRAY
Aki Takase (p), David Murray (ts, bcl)

Einer jazzgeschichtlichen Lecture kam dieser, in den Bann ziehende Auftritt des über zwanzig Jahre existierenden Duos gleich. Jedoch war keine demonstrative Besserwisserei angesagt. Vielmehr manifestierten die Wahlberlinerin Takase, eine sehr stringent praktizierende Pianistin und der Wahl-New Yorker Murray, der vielleicht letzte wirklich herausragende Tenorsaxophon-Stilist der Nach-Free Jazz-Epoche, einen von tiefem Respekt und der Verantwortung der Transformation in eine Gegenwartsrelevanz zeugenden Umgang mit der Jazzhistorie. Also die beiden betrieben kein Stieren in der Asche, sondern trugen das Feuer der Jazzerrungenschaften, eingedenk der so wesentlichen persönlichen Note, weiter respektive spielten Takase/Murray nicht für Museen sondern für das Leben. Als Ausgangsmaterial für ihre von überbordendem Elan durchströmten, extemporierten Diskurse zogen sie Stücke von Monk, Strayhorn und Originale beider heran. Die Partner pflogen ein egalitäres Geben und Nehmen. Obschon Murray einiges mehr an Platz für sich requirieren konnte. Doch das dürfte auch in Takases Sinn gewesen sein. Sie schuf mit ihrem entschlackten Spiel, das eine eigens umgelegte Monk-Kontur als Primärintension auswies, sehr wohl aber auch exzessive, an Cecil Taylor gemahnende Clusterhäufungen oder lyrische, der impressionistischen Klassikperiode zugeneigte Versponnenheiten zuließ, jene Räume, die ein vor Einfällen sprudelnder Murray nur zu gut mit luzider Ereignishaftigkeit auszugestalten wusste.  Den „Standards“ wiederfuhr eine aufregende harmonische Umdeutung bzw. melodische Ausweitung. Ersteres zeugte von der dahingehenden großen Kunstfertigkeit Takases und betreffend zweiterem war Murray in seinem Metier. Eindringlich reflektierte er, in singuläre Soulfulness getränkt, fünf Jahrzehnte Tenorsaxophongeschichte in unnachahmlicher Individualsprache. Mit der Bassklarinette setzte er sonore Kontraste. Einzigartig ist auch sein Handling des kontrollierten Kontrollverlustes. Nämlich weil er seine ekstatischen, frei stehenden Klangballungen, denen eine wunderbar glasklare Strukturierung innewohnte und die sich aus tonal zentrierten Themenvorgaben herauslösten, in logischer Konsequenz wieder in tradierte Funktionalismen zurückführte - in eine erfrischende Aura kleidend. Mit eben jenem typischen voluminösen, leidenschaftlichen Ton, potenziert zwischen der Dialektik atemberaubender Multiphonic- und Zirkularatmungsschleifen und schlankem Lineament, dem auch diese fesselnde Eindringlichkeit geschuldet ist. Ein Dialog der gleichermaßen souverän „inside“ wie „outside“ in die Tiefe ging. Organic Saxophone meets Conceptual Piano.

 

SO 12. FEBRUAR 2017
Further Steps Across The Border
FRED FRITH TRIO
Fred Frith (e-g, voice), Jason Hoopes (e-b), Jordan Glenn (dr, perc)

Er gehört zu den bahnbrechenden Neuerern der Klangsprache auf der Gitarre, mit der britischen Art-Rock Gruppe Henry Cow lernte er dem Rock in den Siebzigerjahren den Freiflug, in den 1980er Jahren war er eine der zentralen Figuren der New Yorker Improvisations/Noise Szene um folglich auch in komponierten Texturen seiner Experimentierlust zu frönen. Jüngst widmet er sich, nach wie vor ein kompromissloser Klangforscher, wieder verstärkt mit Leib und Seele der Improvisation. Fred Frith, multitalentierter Instrumentalist und ein im „Zwischenstromland“ sich austobender charismatischer E-Gitarren-Stilist. Eines seiner momentan bevorzugten Projekte ist das Trio mit den jugendlichen Partnern Hoopes und Glenn in dem er erneut dieser „klassischen“ Rockbesetzung, wie schon mit seinen Trios davor, - mit Mark Dresser und Ikue Mori bzw. dem legendären namens Massacre  (Laswell & Maher) - angezettelt, eine Frischzellenkur angedeihen lässt. Mit großgeistiger Haltung wurden an diesem Abend Eingrenzungen, ob mit oder ohne Durchlässen, ohne wenn und aber niedergerissen. In einem weitestgehend freilaufenden, engverzahnten Interaktionsprozess, dem maximal einige Head-Arrangements übergeordnet waren, schufen die drei meisterlichen Tonkünstler ein pluralistisches Klangkonvolut, dem Praktiken aus Rock, Jazz und klassischer Avantgarde mit sinnfälliger Selbstverständlichkeit einverleibt wurden. Aus dem Moment heraus rockte Friths Gitarre, sehr durchdacht und bereichernd mit diversen Effektgeräten gekoppelt, mir urwüchsiger Wildheit, um sodann  splittrig spröde Klangpartikel herauszumeißeln oder mit metallischen Noiseattacken sich anschließend in harmonischem Wunderkerzenflair mit Pub-Rock Andeutungen zu verlieren. Dabei goss er ein Füllhorn an unerhörtesten Klängen aus. Diese besaßen z.B. orgelähnliche Charakteristik, sangen, indische Modi anreißend, wie eine Sarangi oder schnaubten in trockener Rock-Bissigkeit. Teils konterkariert wie auch harmonisierend verschmolzen mit der subjektiven Wesenhaftigkeit des Bassspieles, das streckenweise stimmnahe Sounds formulierte, aber auch in die tiefgründigen Vollen langen konnte. Für die notwendige rhythmische Durchmischung und druckvolles wie filigran auskleidendes Forcieren, machte sich der Schlagzeuger ganz stark. Mit spinnhaften Bewegungen, die fließende, metrisch ungezügelte Schlagkombinationen auslösten, überzog er das komplette Drumset. Aber er packte auch nonkonforme, verquer angeschlagene Rockbeats aus. Dabei immer die kollektive Energie im Sinn. Diese initiierte einen dramaturgischen Verlauf, jeglicher Engstirnigkeit entsagend, in dem Steigerung-Spannung-Entspannung, Symmetrie und Asymmetrie mit spielwitziger Lustbarkeit die Unmittelbarkeit des Ausdrucks mit äußerster Konsequenz ansteuerten. Es gibt zwei Kategorien von Musikern – die, die kreieren und die, die imitieren. Frith steht leuchtend für erstere. Stimmige „Entgrenzerfahrung“. 

 

SO 5. FEBRUAR 2017
String-framed Drum Madness
JEFF “TAIN” WATTS TRIO
Jeff „Tain“ Watts  (dr), Paul Bollenback (e-g), Orlando Le Fleming (b)

Ins Rampenlicht der Jazzbühne gelangte Jeff „Tain“ Watts als rhythmisches „Kraftwerk“ in den Bands von Wynton und speziell Branford Marsalis. Er bestach durch eine famose Leichtfertigkeit in der Schichtung komplexester Rhythmen. Und diese Fähigkeit hat er im Laufe der Jahre noch detailreicher ausgearbeitet und zu fulminanten, orchestriert angelegten – begründet in seiner Ausbildung als Orchesterperkussionist – Rhythmusaggregaten geformt. Watts steht in der stilbildenden Tradition der Schlagzeug-Lichtgestalten Elvin Jones und Tony Williams und deren Kunst der Bildung von verschachteltsten Triolenketten. Er hat diese Kunst auf ein neues Level gehoben. Dieser Fertigkeit frönte er mit seinem aktuellen Trio auf ausgiebige Weise.  Mit einer gefinkelten Version des Monk Klassikers „Brilliant Corners“ preschte dieses ausnehmend kompakte Trio, in dem blindes Einvernehmen herrschte, mit vollstem Elan und Biss los. Ausgesprochen gescheit changierten die Strukturen zwischen deftiger, vertrackter Funkyness und rasendem Up Tempo-Swinging. Die Tempo-, Rhythmus- und Harmoniewechsel vollzogen sich zeitweise im Sekundentakt. Der Schlagzeuger trommelte eine imposante Off Beat-Parade zusammen, gebündelt in aufwühlenden polyrhythmischen Ornamentierungen, nahm Tempo heraus, forcierte es übergangslos, retardierte, umspielte den Beat, verweilte in periodischen Sequenzen nur kurzzeitig,  unterbrach den Rhythmusfluss mit halsbrecherischen Breaks und schickte die Grooves auch gelegentlich in die „Freilandhaltung“. All das realisierte Watts mit ständig sich verändernden, über das ganze Drumset hinweg fegenden, abenteuerlichsten Schlagmustern und mit überwiegend  bestechendem ad hoc-Feeling. Selten hört man einen, den musikalischen Prozess doch stark dominierenden Schlagzeuger, mit soviel gruppendynamischer/ -dienlicher Übersicht und dialogischem Gespür in die Felle langen. Seine beiden begnadeten Partner explodierten in diesem Sog gleichfalls. In Gitarrist Bollenbacks melodiös flüssigem, harmonisch exaltiertem Spiel schwingen Verbindlichkeiten mit Instrumentenkollegen wie Kenny Burrell, Jim Hall oder John Abercrombie mit. Er war aber auch geneigt, immer wieder auf die andere Geschichte der E-Gitarre, die des Rockkanons, Bezug zu nehmen. So ließ es das Triumvirat beispielsweise in einer Bluestextur, in berstender Blues-Rock Manier krachen und unterstrich zudem seinen ungeheuren Spielwitz in einer Improvisation die als Chicken-Hommage ihren Ausgang nahm. Über einem John Lee Hooker-Stomp sinnierte der Dreier betreffend Hühnchenzubereitungen. Deliziös. Für das fassettenreiche Klangbild spielte gleichfalls Bassist Le Fleming eine entscheidende Rolle, da er seine rhythmischen Tiefton- und Ostinatiunterfütterungen mit melodischem Fantasieren, welches in wunderbaren kontrapunktischen Meandern ausschweifte, erweiterte. Sodann, ein aufregend brodelnde Gebräu eines großartigen Trios. Ein Gebräu, das in einer gegenwartsverankerten modalen Jazzdiktion verortet war und in quecksilbrigen Energieentlandungen kulminierte.

 

SO 29. JANUAR 2017
Mondschein Sonate im Außerfern
DAVID TORN "Sun Of Goldfinger"
David Torn (e-g, electronics), Tim Berne (as), Ches Smith (dr, electronics)

Zwei eigensinnige Koryphäen/Stilisten der amerikanischen Post-Free Jazz Avantgarde der zweiten Generation, Torn und Berne, und ein ausdrucksstarker, ausnehmend flexibel schlagwerkender Kreativkopf des jungen ImprovisatorInnen Pools, paktieren unter dem kryptischen Bandnamen „Sun Of Goldfinger“. Goldfinger respektive Goldhändchen besitzen sie zweifelsfrei die drei Herren. Dessen wurde man sich bei diesem schonungslosen Soundtrip an die Ränder, und darüber hinaus, des Jazzkosmos unverhohlen gewahr. Aus tastenden Klanggesten heraus entfachte das in stimmiger Chemie agierende Terzett kurzerhand ein furioses Crescendo. Angesiedelt im oberen Volume-Level, der für die musikalische Druckwelle von Nöten war, wurden metallische Phänomene geschmiedet. Unter hochenergetischen Bedingungen und einer radikalen Auslegung, die allerdings nie aus dem Ruder lief, vertieften sich die Musiker in eine „Brachial-Poesie“ in der Reminiszenzen an die Hard Core/Noise Rock-Bewegung der 1990er Jahre Platz griffen, um sich anschließend in einem jazzgetränkten Freifeld auszutoben. Währenddessen herumgewirbelt, umgedeutet und in einer ebenso nonkonformen Diktion mit originärer Maserung und reeller Emotionalität weitergedacht wurden. Torn warf seinen höchst individuellen, mit elektronischen Devices effizient erweiterten Gitarrensound ins Geschehen. Schwell- und Splitterklänge, glissandirende Melodiebänder, flächige Klangschüttungen aber auch rüde Akkordik verdichteten sich in diesem schneidenden, flirrenden Sound. Um nichts weniger zurückhaltend durchmaß Berne den Tonraum seines Instrumentes. Mit weiten Intervallsprüngen, tonale Zentren durchbrechend, in den höchsten Diskant jagend oder mit sägenden repetitiven Mustern. Aber er war es auch, der immer wieder den eindringlichen, melodischen roten Faden auswarf, den Torn rudimentär kommentierte. Keine Schubumkehr gab es für Smith. Er ließ mehrheitlich seine Stöcke mit martialischem Punsch auf Trommeln und Cymbals niederprasseln. Jedoch eingebunden in ein spontan ausgeworfenes, komplex geschichtetes Rhythmusflechtwerk - häufig außerhalb jeglicher Periodizität. In den wenigen Phasen eines abgedrehten Timekeepings, oft in Zwiesprache mit seiner Drum-Software, verlieh Smith der Musik eine abstruse Groovness, was Torn veranlasste eine dieser Sequenzen verschmitzt als eine Version von „Sophisticated Lady“ zu apostrophierten. Die Ausgestaltung des kollektiv forcierten Improvisationshappenings manifestierte sich in weitläufigen Bögen, mit der Stärke eines kurzweiligen Hergangs. Dieser erbrachte einen multiidiomatischen, tosenden Taumel, in dem die evidente Beweisführung für die heutige polyphone Konfiguration des Jazzhauses mitschwingt.

 

MI 25. JANUAR 2017
Klangpoesie unter Nordlicht
KUÁRA
Trygve Seim (ts, ss), Samuli Mikkonen (p), Markku Ounaskari (dr)

Er erweckt den Eindruck eines Einsiedlers, eines archaischen Mystikers. Mit seinem Rauschebart und dem ergänzenden langen, strähnigen Haar. Der Saxophonist des norwegisch/finnischen Trios Kuara – Trygve Seim. Der Norweger Seim repräsentiert die Nachfolgeschaft der garbarekschen Klangästhetik und Melodiebildung auf die eindringlichste und eigenständigste Weise. In stimmigem Einklang mit seinen beiden finnischen Partnern verfolgt er das Ansinnen einer tiefgründigen Wirksamkeit durch die Verschränkung tradierter Klangkultur, in diesem Falle sich auf jene aus dem russisch-finnischen Grenzgebiet beziehend, und einer europäisch verwurzelten Jazzsyntax. Auf Basis des Eindringens zu des Klanges Kern. Vorweg, selten hört man eine substanziellere Einschwingung zweier solch unterschiedlicher musikalischer Zugänge abseits von World Music-Blendwerk. Aus dem Stehgreif  tauchten die Musiker in eine echtzeitige, meditative Hingabe ab, der eine irisierende Erzähl- und Suggestivkraft entstieg. Seim entfesselte mit schnörkellosem, vollblütigem Ton eine hymnische Aura in die er, von gehaucht bis bissig, seine nuancierten, findungsreichen Melodieschnüre fortspann. Mit weitertragender Subtilität verdichteten Mikkonen und Ounaskari diesen kontemplativ betörenden Klangfluss. Der Pianist bestach als phantasievoller Harmonienbauer und linear denkender Improvisator, von rhapsodischer Befindlichkeit einerseits und rubatohaft flanierenden Einzeltonfolgen andererseits geprägt. In sensibelster Umsichtigkeit konstruierte dazu der Schlagzeuger, der die große Kunst des perkussiven Kolorierens eines Paul Motian würdigst aufgriff, ein feinnerviges rhythmisches Stützwerk. Spannungsintensivierend wirkten speziell sein Gespür für Auslassungen und der hellhörige Wechsel zwischen metrischer Ungebundenheit und strikter Zeitstrukturierung. Großer Reiz lag auch in den häufig in autarker Verantwortung erschaffenen Melodiefortschreitungen und deren eng verwobener Kommunikation zwischen Saxophonen und Klavier. Speziell auf dem Sopransaxophon setzte Seim mit gleißenden Glissandi, die eine indische Konnotation andeuteten, zu den kühlen Tastenmotiven überraschende Kontraste. Dieser trancehafte Rauschzustand war auch hinsichtlich kompositorischer Inhaltlichkeit und improvisatorischem Momentzustand wunderbar austariert. Was auch in der Meisterlichkeit aller drei betreffend des  Aufstoßens von Freiraum begründet lag. Ihre lyrische Ader bordetet aufs ergreifendste, bildkräftigste darin über. 

 

DO 26. JANUAR 2017
Free Jazz-Deutung im Jetztzeit-Modus
DAVE DOUGLAS/ MARC RIBOT/ SUSIE IBARRA "New Sanctuary"
Dave Douglas (tp), Marc Ribot (e-g), Susie Ibarra (dr, perc)

Drei umtriebige Drahtzieher der New Yorker Jazz-Avantgarde haben sich zusammengetan um einer Neuauslegung einer über zwanzig Jahre alten Komposition von Dave Douglas nachzugehen. Diese heißt „Sanctuary“, inspiriert von den Möglichkeiten der Architektur, und wird nun zu „New Sanctuary“ umgemodelt. Zwölf Skizzen hat Douglas angefertigt, jedes einen Notenzeile lang, die als eine Art vorgegebenes Passepartout für die, von den Anregungen ausgehend, frei assoziativen Improvisationen fungieren. Ein anfänglich sprödes, bizarr verästeltes Klangumfeld reifte in einem engverzahnten Ideenaustausch zu herzhafter Ereignishaftigkeit, prall angereichert mit vitaler Motorik bzw. energischer, ausdifferenzierter Expression. Als gedanklichen, stimmungsmäßigen Aufruf gaben sich die drei MusikerInnen das Referenzieren über das Free Jazz-Idiom aus. Diesen Impetus formulierten sie mit eingehendem Wissen und einem geneigten Zuspruch zu jener Spielhaltung und ihrer Ästhetik aus. Transformiert durch die Erkenntnisse, die ihnen dadurch eröffnet wurden, aber eben auch vernetzt mit der Klangkultur der Gegenwart. Beeindruckende Souveränität bestimmte das Spiel mit den Momentimaginationen und der einhergehenden unmittelbaren Formgebung. Aber auch das originäre Profil jeder einzelnen Stimme festigte den Tiefgang der Musik. Douglas näherte sich unter anderem in würdiger Form dem strahlend schnoddrigen Ton und der elementaren Melodiebildung Don Cherrys an. Diese Charakteristika ließ er geschmackssicher in sein jazzhistorisch umfassendes, eigengeprägtes Spiel einfließen. Verdichtet in kurze, erhitzte Sketches, verpackt in brillante weitgespannte Tonketten, die durch modale Skalen oder unorthodoxe Changes rasten bzw. punktuell gesetzt in Klangfarbenaktionismus. Unter dem Motto „While my guitar heavy howls“ gab Ribot sein multiples Können zum Besten. Gelassen schüttete er abstrakte Geräuschballungen aus, filetierte Songstrukturen, schleuderte bluesgetränkte Hooklines und krachende Rocksequenzen in den Raum. Ibarra umspielte diese Äußerungen in der ihr eigenen zumeist „taktlosen“ Subtilität. Sie entwarf entweder quirlige Klangfarbenornamente oder setzte einzelne Soundtupfer. Zusammengefasst in losen polymetrischen Vernetzungen wie auch präzisen Zeitwerten. Der Ereignishorizont des Trios fußte auf einem unverrückbaren Kollektivgedanken, der spontane Korrespondenz auf ungemein hohem Level und eine individuelle Gruppensoundidentität volltönend ausleuchtete. Gut, dass das andere Amerika, das die drei KünstlerInnen repräsentieren, worauf Douglas nachdrücklich verwies und das Ribot mit einem „Trump Nein Danke“-Button unterstrich, lautstark gegen Konservativismus und reaktionäre Gesinnung anspielt. Ein grandioses Klangkompendium als Plädoyer für Offenheit, Respekt und Humanismus. The cry of my people.

 

SO 15. JANUAR 2017
Die Inwendigkeit poetischer Feinstofflichkeit
PETER PONGER/ JUDITH SCHWARZ DUO
Peter Ponger (p), Judith Schwarz (dr, perc)

Als Trio eingeplant. Auf Grund der Erkrankung des Bassisten Peter Herbert, kurzfristig als Piano Recital angedacht und schlussendlich als Duo realisiert. Situationen wie sie nur das Jazzleben improvisiert und auslebt. Demzufolge wurde dieses Faktum zur Herausforderung beider ProtagonistInnen. Auf der einen Seite der vielleicht kompletteste österreichische Jazzpianist, der gestandene „Eigenbrötler“ Peter Ponger, auf der anderen die vital sprühende,  beeindruckend schlagfertige Judith Schwarz, markante Schlagzeugstimme der österreichischen Jazz-Nachkommenschaft. Die beiden stürzten sich vorbehaltlos in einen die freie Improvisation frönenden Dialog, eine zwingende Interaktionskultur manifestierend, in dem lediglich der tonale Rahmen einzige Vorgabe war. Ponger breitete unverzüglich seine lyrisch versponnenen, von romantischen Diktionen durchwehten, in flüssiger Beweglichkeit kulminierenden Klangwelten aus. Er tut dies mit, den musikalischen Prozess befördernder Virtuosität und seiner extraordinären Gabe als melodischer Fantast. Platziert in einen tonalen Raum mit flexiblen Grenzziehungen. Ponger versinkt binnen kürzester Zeit in einem Kontinuum vielgestaltigster Ereignishaftigkeit und ließ seine Affinitäten zu Bill Evans und Keith Jarrett in unumstößlicher Eigenverantwortung anklingen. Der Kontakt zur Schlagzeugerin brach jedoch nie ab. Und die etablierte eine befeuernde Reaktion. Sie setzte auf reduktionistische „Zuspielungen“. Heißt, sie ließ beispielsweise einzelne Klänge auf Metall und Fellen abtropfen, mit Sinn für melodische Textur oder entwarf transparente Rhythmuspattern in feinem Anschlag und elastischer Beschaffenheit. Dadurch und gepaart mit explizitem Formverständnis stieß Schwarz Räume auf, in die Ponger seine virtuosen Kaskaden pflanzte. Da perlten Singlenote-Meander dahin oder harmonisch ausgeklügelte Blockakkordtürmungen griffen Platz. Aus abstrakten Konstrukten ließ Ponger auch liebliche Melodieseeligkeit entstehen, ohne an Nachdruck oder Tiefgang zu verlieren. Aber da war auch Schwarz schon wieder zur Stelle und stachelte den Dialog mit dezent rocknahem oder rasant swingendem Timekeeping, welches sie auch, wenn angebrach, fallen lassen konnte, kompromisslos an.  Eine improvisatorische Feierstunde im Spannungsfeld von Introspektion und gemessener Ausgelassenheit.

 

SA 14. JANUAR 2017
Soulful Songs in glittering Soundshake
SHAKE STEW Introducing “QUEEN MU”
Angela Maria Reisinger aka Queen Mu (vocals), Lukas Kranzelbinder (e-, acc-b), Mario Rom (tp), Johnny Schleiermacher (ts), Clemens Salesny (as, acl), Manuel Mayr (e-, acc-b), Niki Dolp, Mathias Koch (dr, perc)

Das Einstimmen zu Episode 2 von Lukas Kranzelbinders Stageband-Projekt mit seinem derzeitigen Paradeensemble Shake Stew, übernahm auch diesmal wieder eine amüsante Klangcollage des vielseitigen Bassisten. Aus dem Dunkel der Bühne hervorbrechend. Sparsam gesetzte, wirkungsvolle Lichteffekte begleiteten den Beginn einer irisierenden Tour de Force durch das mit neuen Fassetten aufwartende kranzelbinderische Klangkontinuum. Dieses ist gespickt mit unvorherhörbaren Goodies. So setzte einen zusätzlichen Glanzpunkt, die zu diesem Abend eingeladene Sängerin/ Stimmperformerin Angela M. Reisinger mit ihrer wandlungsfähigen Kantabilität, die sie mit gleicher Überzeugungskraft Liedformen, Spoken Word Akklamationen oder klangfarbengenerierte Spontaninterventionen darbieten ließ. Auffallend ist bei ihr, dass sie kein Streben in den Diskantbereich besitzt, sondern sich auf eine detailreiche Modulation von Wörtern und Klängen im Altbereich konzentriert. Kranzelbinder hatte für Reisinger und seine restliche Mannen maßgeschneiderte Struktursegmente geschaffen. Primär sind diese, wie schon angemerkt, im Jazzkanon verwurzelt, doch als pluralistisch denkender Musiker bezieht der Bassist auch diverse andere Stilkomponenten mit ausgesprochenem Selbstverständnis mit ein. So entrang er seinen Bässen einfache Rockvamps oder knochentrockene Funkgrooves und verstand es, in geschickter Rollenverteilung mit seinem Basskollegen Manu Mayr und den beiden quirligen Schlagzeugern, Räume zu öffnen, in denen sich die Solisten in unbändiger Spiellaune, angereichert mit überbordender Imaginationskraft, weideten. Jeder dieser drei Stilisten ließ keinen Winkel seines Instrumentes ungenützt. Clemens Salesny zerschnitt mit messerscharfem Ton auf dem Altsaxophon die Luft und implantierte den Möglichkeiten der viel zu selten gehörten Altklarinette ein elektrisierendes Fluidum. Er jubilierte mit einer Mühelosigkeit sondergleichens, eine unglaubliche Logik und Dringlichkeit in seinen Klangbändern evozierend – Trompeter extraordinär Mario Rom. Das Tenor ergreifend hauchen, bluesaffine aufbegehren und frenetisch schmettern lassend brachte Johnny Schleiermacher auf den Punkt. Doch jedwede Einzelhandlung festigte und beschwor die grundlegende Intention der soundspezifischen Eigenart des Kollektives und der ausdrucksmäßigen Bandbreite. Diese umspannte ineinandergreifend und unverbraucht wirkend dichtmaschige Klanggewebe, kontemplative Introspektion oder auch psychedelisch grundierte, gelöst treibende Alterationen. Jazz kann aktuell schwerlich lebendinger und runderneuerter klingen. Diese Abendstund hatte Gold im Mund.

 

SO 8. JANUAR 2017
Jazzkanon in abendländischer Spiegelung
DAVID HELBOCK TRIO
David Helbock (p), Raphael Preuschl (b-ukulele), Reinhold Schmölzer (dr, perc)

Er gehört zu den umtriebigsten und aktivsten Akteuren des  jungen österreichischen Jazzzirkels. Der Vorarlberger Pianist David Helbock. In den letzten drei Jahren hat er sich einiges an nationaler wie internationaler Reputation erspielt. Die er völlig zu Recht genießt und die er mittlerweile unverrückbar gefestigt hat. Speziell mit seinem momentan im Zentrum seines Schaffens stehenden Piano Trio, welches er mit den beiden Altersgenossen, den gleichfalls profunden Musikern Preuschl und Schmölzer, bildet. Mit dem Titel „Into The Mystic“ ist das aktuelle Programm des Trios überschrieben. Und Helbock vertont als Hauptkomponist und primärer musikalischer Animator mit viel Tiefgang diese uralte menschliche Neigung. Wobei für ihn die Faszination im Mystischen des Klanges weilt. Als Intro des Abends wählte er ein musikalisches Werk welches für ihn nach wie vor jede Menge mystisches bereithält: Beethovens 7. Symphonie. Die daraus rezitierten Auszüge durchwob Helbock ungemein organisch und entschlossen mit jazzphrasierten Motiveinheiten und Klangerweiterungen im Inneren des Klaviers. Hier offenbarte sich die tiefe Verwurzelung des Pianisten mit der abendländischen Musiktradition, die ihm ständiger Bezugspunkt ist. Gelegentlich wirkte das Gefüge dann aber doch zu kalkuliert und eng gefasst. Was auch dem perfekten Zusammenspiel zwischen den Musikern etwas an spontanem Impetus raubte. Weiters würde eine Spur mehr Dirtyness in seiner sehr sauberen Intonation den musikalischen Spannungsgehalt erhöhen. Dem berauschenden Ideenfluss hinsichtlich Strukturverläufen und harmonischen wie rhythmischen Fortschreitungen tat dies keinen Abbruch. Vertrackteste Abfolgen wurden mit verblüffender Leichtigkeit und Spiellaune realisiert. Zusätzlich pochte im Spielprozess ein unbändiger Drive der äußerst kontrolliert (gelegentlich zu sehr) auf den Weg gebracht wurde. Ummantelt war das Geschehen von einem signifikant individuellen Gruppensound, was nicht zuletzt auch mit den bizarren Klangqualitäten der Bassukulele im Zusammenhang steht. Preuschl hat auf originäre Weise das Möglichkeiten dieses simplen Instrumentes durch Elektronifizierung ausgelotet respektive erweitert und einen trocken-perkussiven, originellen Klang entwickelt. Durch sein über eine grundierende Bassfunktion hinausreichendes, mit melodischen Nuancierungen angereichertes Spiel, brachte er, sich wechselnd auf Helbock und dann Schmölzer beziehend, fortwährend kontrapunktische Feinschattierungen ins Spiel. Darauf reagierten seine Partner mit teils findigen Improvisationsexkursen die sich bis an den Rand der Tonalität versprengten. Der Schlagzeuger erwies sich auf diesen Trips als unglaublich versierter Akzentuierungsjongleur. Wie überhaupt die Protagonisten mit gelöstem Selbstverständnis hinsichtlich der Zusammenführung von Parametern diverser musikalischer Entstehungsprinzipien zu überzeugen wussten. Helbock ist kein Musiker der gängigen Stilidiomen zuzuordnen ist. Er ist vielmehr ein umfassend denkender Musiker der in seinem musikalischen Weltbild unterschiedlichsten musikalischen Sprachen einen Platz einräumt. Elementares aus Jazz, Klassik, Rock oder Populärmusik gerinnt in seinem Formverständnis wie auch seinem bestechenden Klavierspiel zu aparten Klanggesten. Die Prozesshaftigkeit in der Musik des Trios scheint etwas in den Hintergrund getreten zu sein. Vielmehr zählt das momentbestimmte, simultane Spiel mit dem erkundeten Material. Angesichts des Potentials in diesem Kollektiv steht an Überraschendem noch einiges bevor. Out On The Rim.

 

SO 1. JANUAR 2017
Die hohe Kunst des “Laid Back”
KARL RATZER QUINTET
Karl Ratzer (g, voc), Johannes Enders (ts), Ed Neumeister (tb), Peter Herbert (b), Howard Curtis (dr)

Ans musische Herz gewachsener Usus sind die Jahresabschluss bzw. Jahresbeginn Konzerte der heimischen Jazzgitarren-Autorität Karl Ratzer. Diesmal in Quintettbesetzung abgefeiert.

Und derart entspannt und lässig, wie am heurigen ersten Tag des Jahres, hat man selbst den von Haus aus gelassenen „Mr Cool-Hand“ Ratzer mit seinem famosen Kollegium schon länger nicht angetroffen. Demnach offerierte sich das tief, aber nicht verbissen, in der Jazztradition wurzelnde, zeitlose Neo-Bop bzw. soultriefende, aktualisierte Hard Bop Spielideal, nicht zuletzt durch den reichhaltig zur individuellen Ausgestaltung vorhandenen Raum, enorm frisch und als Folge ergreifend, mitreißend. Entscheidend ist einfach die Vertrautheit mit dem tradierten Material, um mit deren Funktionsstrukturen und den zugrunde gelegten Changes spontan interagieren zu können. Diesbezüglich hörte man fünf ausgebuffte Meister. Ratzer hatte ein kurzweiliges, elegant dahinfließendes Sammelsurium aus Standards und Originalthemen, in deren Kernen balladeskes, rock & rollendes, bossa noviges, relaxt funkiges köchelte, zusammengestellt. Seine Mitstreiter genossen dieses Material um nichts weniger als Ratzer selbst. Eine Wonne zu hören wie er die Grundharmonien von Standards in „Real Time“ zerlegte, umdeutete und neuinhaltlich zurück ins modale, mid-tempo bestimmte Geschehen brachte und seinen Partnern inspirierenden Zündstoff lieferte. Die beiden Bläser von feinster Könnerschaft ließen es immer wieder einfach laufen und verwoben elementares Regelwerk mit sich in einem Normrahmen bewegenden, ausgedehntesten Improvisationsfantasien. Wenn in diesen, dann eben all die glatte Routiniertheit absorbiert erscheint, und der Momentzauber von Timing, Feeling und Imaginationskraft die Gewichtung der Musik definiert, wird das Wesen des „Inside the Music“ beschworen. Apropos Timing: Das dieses im rhythmischen Impetus, mit anspornenden Details wie Verschiebungen, Überlagerungen, Aussparungen, immer präzise tänzelte, hatten die restlichen beiden Koryphäen der Band Peter Herbert und Howard Curtis, zwei wahre „Nachtigallen“ auf ihren Instrumente, zu verantworten. Sie setzten eben nicht nur geschickte rhythmische Markierungen, sonder spielten auch ihren melodischen Feinsinn geschmackssicher aus. Wenn dann noch in diesem kollektiven Beseeltheitsrausch „Sir Karl“ zum Croonen ansetzte, war´s zum niederknien. Ganz große dem Jazz zugeneigte Klanginszenierung mit heutigen Wesenszügen - Weltklasse.

 

FR 23. DEZEMBER 2016
Dunkle Intervalle
KARL RITTER „SOUNDRITUAL“
Karl Ritter (g, devices), Isabelle Duthoit (voice, cl), Franz Hautzinger (tp, devices), Christian Eigner (dr)

In kürzester Zeit erfüllte ein mächtiger, mystischer Klangblock die Bühne. Karl Ritter, sympathische, nonkonformistische Fixgröße der heimischen Musikszene, kreierte diesen pulsierenden Drone, mittels Feedbacks, die er mit dem Wirbelbrett einer Akustikgitarre, das er über den Bühnenboden schleifte, als würde er Klänge einsaugen, erzeugte. Es lag unmittelbar auf der Hand, dass hier ein Musiker zur Tat schritt, der die klanglichen Möglichkeiten seines Instrumentes unter Einbezug der elektronischen Klangerweiterung, von Verstärkung und Live-Sampling, penibelst und wohlüberlegt ausgecheckt hat. Zusammengefasst hat er diesen Work-In-Progress Ansatz unter dem Titel „Soundritual“. Den er mit wechselnden Gästen verschiedenster Spielauffassungen ständig neu auslotet, um schlussendlich wieder bei sich selbst anzukommen. Für das aktuelle Ritual hat er sich zwei ebenso kompromisslose Klangstöberer in Person der französischen Vokalistin, Klarinettistin Isabelle Duthoit und des österreichischen Klangdenkers Franz Hautzinger an der Trompete und den popmusikgeadelten österreichischen Drummer Christian Eigner geladen. Es entwickelte sich alles in spontaner Interaktion, maximal mit Headarrangments als gelegentliche Angelpunkte. Kreativspange waren die Klangkonvolute von Ritter, die einen fesselnden Sog erzeugten. Durch zeitweilige rhythmische Strukturierung seines Spieles riss Ritter Fenster in die massiven Klangwände, in die seine MitspielerInnen ihre Zutaten pflanzten. Duthoit schraubte sowohl ihre Klarinette, primär jedoch ihre Stimme in diskante Stratosphären und erzeugte dann doch Verstörung Grund ihrer ausschweifenden Manieriertheit und übersteigerten Expressivität, wobei sie eine unglaubliche Intonationssicherheit wallten ließ. Hautzinger, der sich meistens ebenso diverser Effektgeräte bediente, ließ seine Trompete polyphon jubilieren oder mit abstrakter Klangfarbigkeit frohlocken bzw. erwiesen sich seine elektronifizierten Sounds als potenzierende Ergänzung zu jenen von Ritter. Der Schlagzeuger unterfütterte die Wuchtigkeiten mit präzisen rocktypischen Rhythmusvamps im Two Beat Prinzip, aufgelockert durch 16tel Triolen- und Paradiddle-Ketten. Dennoch implizierte die rhythmische Struktur eine gewisse Monotonie und Starrheit, untermauerte aber einen rituellen Charakter. Obschon diesem Aufeinanderprallen von martialischem Rockduktus und abstrakten Klanggruppierungen ein gehöriger Charme innewohnte, da Ritter es wirklich geschmackssicher zuwege bringt, Rockfunktionalismen mit dem Wagnispotential des Jazz in einander aufgehen zu lassen. Und stilistische Dogmen lässt er auf gescheite Weise außen vor. Der ritterschen Klangkosmos ist zweifelsohne signifikant persönlich, doch dieser an diesem Abend ritualisierte Teilbereich ließ eine durchwachsene Befindlichkeit zurück. Hochspannend bleibt jedoch der Umgang mit erimprovisierten Ordnungsprinzipien.

 

MI 14. & DO 15. DEZEMBER 2016
They got a kick out of it
KICK JAZZ
KOMPOST3/ CHUFFDRONE/ DAVID HELBOCK TRIO
EDI NULZ/ INTERZONE/ NAMBY PAMBY BOY

Welch düstere Aussichten wurden dem Jazz hinsichtlich seines Überlebens schon auf den Kopf zugesagt bzw. geschrieben. Nichts dahingehend fand seine Bestätigung. Der Jazz erfreut sich besten Befindens. Global hingehört, kann man speziell der jungen Jazzgeneration enorme Tatkraft, Umtriebigkeit, Originalität und höchstes künstlerisches Niveau bescheinigen. Gerade auch in Europa ist erstaunliches in Bewegung. Die österreichischen juvenilen JazzmusikerInnen spielen diesbezüglich zweifelsohne im Verbund der ersten Geigen. Das heimische Jazzfirmament hängt zurzeit reichlich voll mit ihnen. Unbeirrt diverser Widrigkeiten, die zunehmend brotlose Aussichten mit sich bringen, z.B. bedingt durch politische Sparidiotie oder das Aushungern des unterstützenden SKE-Fonds durch kaltschnäuzige Großkonzerne, werden klangweltliche Visionen mit bewundernswerter Hingabe ausgelebt. Gemein ist all diesen jungen Szenen, dass sie einem Faible für kniffligste Strukturbauten und Arrangements frönen und dieses mit unglaublicher Gewitztheit und Souveränität auskosten. Das Jazzbiotop hierzulande besticht demensprechend auffallend mit Originalität und Ideenfülle. Charakteristisch ist gleichfalls, dass die Muttersprache Jazz durch diverse andersartige Dialekte angereichert und nuanciert wird. Und nicht zu vergessen, die betonte soziale Kompetenz, die Vermittlung von Eigenschaften wie Respekt, Empathie und demokratisches Empfinden – Wesenszüge einer Menschenmusik.

Was lag näher, als einmal eine kompakte Bestandsaufnahme, im Einzelnen präsentiert das Porgy, auf der Hauptbühne wie in der Strengen Kammer, konsequent das österreichische Jazzleben, anhand von repräsentativen Projekten der jungen „Generation Jazz“ auszurichten.

So folgte eine Initiative des Music Information Center Austria/ Department „Austrian Music Export“, in der Verantwortung von Helge Hinteregger, mit Unterstützung des Porgy, die an zwei Abenden sechs Bands unterschiedlicher konzeptueller Provenienz auf die Bühne holten. Jeder der Bands war ein Zeitfenster von ca. 45 Minuten eingeräumt. Vor den Ohren eines zahlreich erschienenen Publikums unter denen auch einige internationale Promoter und Veranstalter weilten. Der erste Abend war dem Vernehmen nach schon ein Hochgenuss. Den Ankick des zweiten Abends übernahm das Trio EDI NULZ (Siegmar Brecher-bcl, Julian A. Pajzs-g, Valentin Schuster-dr, perc). Vitalität quoll aus allen Fugen, das Interplay besaß eine grandiose Kongruenz. So stimmte es auch nicht verwunderlich, dass komplexe Struktureinheiten, ausgestattet mit melodischen wie rhythmischen Finessen, mit einer umwerfenden Leichtigkeit aneinander gereiht wurden. Durchsetzt von atemberaubenden Breaks und Stops. Neben dem jazzfundierten Freiheitsdrang betreffend harmonischer und klanglicher Extrovertiertheiten, bezeugten die Tonsetzer auch eine Betuchtheit hinsichtlich Rockfeeling. Zudem saß ihnen auch der Schalk ordentlich im Nacken und ihr Spielwitz, der die instrumentaltechnische Fitness unterstrich, war ein Konzentrat aus „Spike Jones kalauert mit Frank Zappa“. Nur hätten sie in die Architektur phasenweise die eine oder andere Schneise mehr für improvisatorisches Parlieren schneiden können. Anyway, Edi is ready. Diesen perfekten Pass übernahm in vollem Lauf  das Trio MARIO ROM´S INTERZONE (Mario Rom-tp, Lukas Kranzelbinder-b, Herbert Pirker-dr) und schraubte die musikalische Ereignishaftigkeit noch ein Stück weit in die Höhe. Ein hard drivin´ Terzett, das mit der ganzen modernen Jazzhistorie auf Du und Du ist. Seine Jazzdeutungen transportiert es mit einem verdammt authentischen Zugang. Die Kommunikation zwischen den dreien lief mit offenherziger Lässigkeit ab. Der Improvisation im weitestgehend freien Austausch, wurde besonderes Ohrenmerk geschenkt. Aber auch  komplexe Arrangements und melodische Verläufe ließen die „Interzoner“ mit eloquenter Coolness vom Stapel. Ein zusammengeschweißtes Kollektiv von ausnehmender Güte. Melodisch hatte klarerweise Rom die Federführung und ließ sein „verbogenes“ Horn strahlend jubilieren, räudig krächzen, leidenschaftlich seufzen oder entlockte ihm eine knochentrockene, stakkatierende Attack. Kranzelbinder und Pirker richteten eine Rhythmuszone ein, in der fulminantes Treiben vor sich ging. Einmal driftete jenes von der periodischen Gangart ab, um im nächsten Momen,t antreibend wieder in deren Tritt zu kommen. Großartig wie Kranzelbinder singende melodische Kürzel mit pulsierenden Beats verschmolz. Pirker zauberte förmlich mit Off Beat Feuerwerken, rhythmischen Überlagerungen und melodisch-rhythmischen Akzentmustern, denen er zudem noch feine klangliche Schattierungen beimengte – frappante Tempowechsel inbegriffen. Klimax war ein moderater Blues in dem das Trio derart schwarz klang, als würde die Donau in den Mississippi münden. Hier offenbarte sich speziell, wie der Bezug zu tonalen Zentren ins „Freiland“ überführt werden kann. Patriotismus hin oder her, die Jungs gehören zu den Besten im heutigen Jazzzirkel, punkt.  Im abschließenden Spieldrittel tobte sich NAMBY PAMBY BOY (Fabian Rucker-as, Philipp Nykrin-keys, Andreas Lettner-acc & el dr) aus. Eine Dreieinigkeit, die ihre Jazzvisionen mit populärmusikalisch etablierten Elektronicsounds, die bis ins „Holozän“ der elektronischen Klangerzeuger rückreichte, unterfütterte. Ausgangspunkt waren zumeist simple zyklische Beats, gekoppelt mit monochromen Klangflächen, in trashigem Klangbild, der Keyboards, die sich in ausladenderen Stücken, infolge zu rasanten harmonischen bzw. rhythmischen Verschachtelungen auswuchsen. Dahinein setzte Fabian Rucker phantasietrunkene, leidenschaftliche Echtzeiterkundungen, versehen mit aufregenden Melismen. Die teils ausgefransten Keyboardsounds puschten schlussendlich die Spannung ziemlich nach oben, im Austausch mit quirligen Drumpattern. Dennoch war dem Verfasser dieser Zeilen ein zuviel an synthetischen Klangqualitäten vorhanden. Fazit: dieser Streifzug durch die junge heimische Jazzlandschaft offerierte deren mannigfaltige Topographie auf eindringliche Weise.

 

SO 11. DEZEMBER 2016
Stimmiger Saitenwind
ROM/SCHAERER/EBERLE
Peter Rom (e-g), Andreas Schaerer (voice), Martin Eberle (tp, flh)

SCHÖN – schweizerisch-österreichische Neigungsgruppe für quergedachten Jazz und Artverwandtes. Wobei bei diesem kongenialen Trio, gebildet aus dem phänomenalen Schweizer Stimmexpandeur Schaerer und den beiden österreichischen Ausnahmemusikern Rom und Eberle, die Frage nach stilistischen Präferenzen, obschon alle drei dem Jazz zugeneigt sind, völlig irrelevant erscheint. Die Herrschaften hören mit einer derartigen Sensorik nach links, rechts, oben und unten, das sie sich querbeet alle erdenklichen Ausdrucksformen und Klangqualitäten zu eigen machen können. Noch dazu mit zündender Einfallsgabe und Musikalität hellwachen Lebensgeistern. Eindrucksvoll zum Besten gegeben an diesem Abend. Wiewohl Schaerer von einer Erkältung heimgesucht wurde, er aber bravourös dieses Handycap in sein agiles Tun integrierte und somit eine „vox humana“ im wahrsten Sinne anstimmte, langte das Trio gleich in die Vollen. Vertrackte melodische Mäander, in forciertem Tempo, in grandiosem Unisono ausgeführt, und klangliche Extravaganzen legten sodann gleich offen, was an sound- und strukturmäßig Unerwartetem in dieser nonkonformistischen Besetzung steckt. Schaerer seinerseits pendelte behände zwischen textbezogener „Liederlichkeit“, muskulös groovendem Beatboxing, galanter Kunstpfeierei, teilweisem Abstract-Scating in weiten Intervallsprüngen dem er mühelos und zeitweise simultan, rhythmisch geordnete Schnalz-, Zisch- und Klappgeräusche beimengte und bildete gelegentlich mit der Gitarre die Rhythmsection, was ein bestens disponierter Eberle zu enorm vielgestaltig inspirierten, dahinfliegenden Soli nützte. Der wiederum sein Instrument im Wechselspiel bei Schaerers solistischen Ausflügen fallweise in eine „Drumpet“ umfunktionierte und trockene Beats auslegte. Für die harmonisch ausdifferenzierte, elastisch konstituierte Strukturalität stand Peter Rom. Er funkte schweißtreibend, rockte angriffslustig mit trashig, noisigen Versatzstücken oder setzte subtile Akkordfortschreitungen. Alles ereignete sich in einem ungemein austarierten Einklang unter den Musikern, dem jene irrlichtenden Polyphonien, närrischen Verspieltheiten und berührenden Songs wie z.B. die beiden von afrikanischem Liedgut inspirierten Stücke, in denen sie dieser Tradition respektvoll mit Eigengesetzlichkeit begegneten, die Gitarre wie eine Kora klang, die Trompete einem afrikanischen Naturtonhorn nahe kam und Schaerer mit den Sounds des Dschungels, die seiner Mundhöhle entströmten, in Staunen versetzte, geschuldet waren. Außerplanmäßiges drang ebenso konsequent durch. Zudem - eingeflochtener Spielwitz und spielerische Virtuosität ertönten ohne vordergründige Plakativität. Als visuelles Bonmot wurde am Ende des ersten Sets ein comichaftes  Animationsvideo zu einem der fetzigen Stücke aus des Trios Repertoire serviert - gelungen, vergnüglich, treffend. Conclusio: Tiefenschärfe statt Oberflächenpolitur. „My RSE“ – ausnehmend schön. 

 

SA 5. & SO 6. NOVEMBER 2016
Die beglückende Leichtigkeit der Komplexität
John Zorn „Bagatelles-Marathon“

Manchmal fügen sich die Umstände wie von geheimnisvollen Energien gelenkt. So geschehen im Bezug auf das Gastspiel des Ausnahmemusikers John Zorn mit seiner Werkschau im „Jazzclub exzeptionell“. Alleine deshalb stellen diese beiden Abende schon etwas Außergewöhnliches dar, da Zorn schon seit langem von Club-Konzerten Abstand genommen hat. Nachdem also der Veranstalter in Mailand das Konzert stornierte, sprang nach Anfrage ohne lange Überlegung, wiewohl schon seit einiger Zeit Kontakt zu John Zorn besteht, Porgy-Mastermind Christoph Huber in die Presche und offerierte seine Zusage die beiden Abende auf die Bühne des Clubs zu bringen. Dem Vernehmen nach wurde dies wohlwollend angenommen. Folglich leistete das gesamte Porgy-Team angesichts der Kurzfristigkeit und des enormen Aufwandes, fünf Acts pro Abend, 25 MusikerInnen und, und, und Außerordentliches.

Zorn, der in den 1980er Jahren in der aufkeimenden New Yorker Noise Music-Szene groß wurde und sich binnen kürzester Zeit als deren Gallionsfigur respektive hyperaktiver Katalysator etablierte, empfahl sich mit seinen visionären wie radikalen Klangvorstellungen, die nach einem cut-and-paste Prinzip, speziell Filmmusik hat diesbezüglich prägende Spuren hinterlassen, in pluralistischer Herangehensweise funktionieren und sich in einem „High Speed Soundnet“ verdichten, als quasi letzter herausragender Innovator im Jazzumfeld des letzten Drittels des 20.Jahrhunderts. Obschon, wie im Folgenden bewiesen, sich Zorn kein Stiletikett umhängen lässt. Zu obsessiv ist sein Interesse an der Musik und eben des letzten Jahrhunderts, mit all seinen stilistischen Schattierungen, im speziellen. Zorn hat als Komponist eine Art „Ganzheitsmusik“ entwickelt, in der seine Fähigkeit sich jedweder Stilistik, ob nun Blues, Jazz, Rock, Neue Musik (in diversesten avancierten Ausformungen), Ambiente, Elektronik oder Sonstiges annehmen und mit eigener Handschrift ausführen zu können, legitimiert ist. Zudem ist er zu einem begnadeten Improvisator bzw. originellen Altsaxophonisten gereift, für den die Textur, das Timbre, blitzschnelle Brüche eine bevorzugte Stellung einnehmen. 

In seinen Bagatellen, die bei diesem aktuellen Projekt im Mittelpunkt stehen, verdichten sich erneut all diese zornschen Eigenheiten zu fabulösen, hochkomplexen Kleinoden. Zorn hat aus seiner 300 Stücke umfassenden Bagatellensammlung ausgewählt und sie zehn Ensembles und einem Überraschungsgast überantwortet. Fünf Ensembles pro Abend, jedem waren ca. zwanzig Minuten Spielzeit zugedacht, setzten die komprimierten „Zornausbrüche“ in Szene. Zwischen den einzelnen Sets, in perfekt organisiertem Ablauf, fungierte Zorn als charmanter, strahlender MC. Opener des ersten Abends war der Meister selbst mit seinem schon legendären Quartett MASADA (Zorn-as, Dave Douglas-tp, Greg Cohen-b, Joey Baron-dr). Peitschende Up-Tempo Sequenzen in einem schräg gestellten Neo-Bop Raster verankert, gespickt mit bravourösen, hitzigen Soli, atemberaubenden Bläser-Tutti und verwinkelten Unisono-Passagen, reihten sich eine an die andere. Der Funke war gezündet. Die beiden stupenden Gitarristen GYAN RILEY (Sohn der Minimal Music-Ikone Terry Riley) und JULIAN LAGE realisierten auf ihren akustischen Instrumenten filigrane Netzwerke, in die klassische, folkloristische, jazztraditionelle Klangeindrücke eingewoben waren. Irisierende poetische Silhouetten waren das Ergebnis. THE NOVA QUARTET (John Medeski-p, Kenny Wollesen-vibes, Trevor Dunn-b, Joey Baron-dr) in der Ankündigung so treffend als „Modern Jazz Quartet on Acid“ angekündigt, blieben der Ankündigung nichts schuldig. Die Stücke waren in komplexe Arrangements verpackt und großteils ebenfalls in höllischem Tempo, welches in Händen und Füßen des großartigen Baron lag, zu spielen. Die musikalische Bezugsquelle war der Hard Bop, auf zornsche Weise transformiert. Bravourös und mit rauschhaftem Spielwitz, herausragend Wollesen am Vibraphon, schritten die Musiker zur kongenialen Umsetzung. Ein wahres kammermusikalisches Kleinod mit funkelndem Feinschliff, diesmal im Moderato angesiedelt, durchzogen von kristallinen Geweben, verschachtelt und gegenläufig angeordnet , entließen in einzigartiger Korrespondenz SYLVIE COURVOISIER (p) und MARK FELDMAN(v) in den Äther. Den vermeintlichen Schlusspunkt setzte die aus drei energiestrotzenden Twens formierte Avantrock-Band TRIGGER (Will Greene-g, Simon Hanes-b, Aaron Edgcomb-dr). Dieser Impulsivität und Leidenschaft geschuldet konstruierte Zorn eine brachial dahinpreschende, vertrackt verlaufende, mit bestimmendem rüden Rockappeal angereicherte Textur. Bis an die Ränder der Tonalität gedehnt, immer wieder mit Noiseattacken aufgebrochen. Mit unglaublich hohem instrumentaltechnischen Können und einer Entspanntheit sondergleichen rasten die Boys durch die diffizilen Stücke, bei denen man den Finger immer am Abzug haben muss. Das Adrenalin war am Anschlag und dann die Überraschung. Die letztendliche Schlusskadenz perlte aus den geschmeidig dahingleitenden Fingern des großartigen Pianisten CRAIG TABORN. Er vertonte in einem Piano-Recital sinnhaft ineinandergreifende lyrische Arpeggien und melodische Schlichtheit mit aufbrausenden Clusterhäufungen. Das mündete zum schlüssigen Ausklang des Abends in eine stoische Klangfläche die Räume öffnete. 

Der Zweite Abend wurde gleich wieder mit einem martialischen Klangfurioso eingeläutet. Durch das bestens eingestellte JOHN MEDESKI TRIO (Medeski-p, Dave Fiuczynski-g, Calvin Weston-dr). Diese Bagatellen vermittelten eine Affinität zum großen Tony Williams und seiner stilbildenden Band Lifetime. Zorn nahm eine irrwitzig meandernde Verortung dieses Klangkosmos im Heute vor. Enorm bereichernd für die Musik waren der massive Gruppensound und die solistischen Gustohappen. Wieder ging die Performance mit einer genüsslichen Leichtigkeit von statten. In eine eher kontemplative Handlung waren die beiden Cellisten ERIC FRIEDLANDER und JAY CAMPBELL integriert. Eine namhafte Koryphäe und ein junger Meister subsumierten in ihrer Konversation filigrane Klanginseln, in denen auch simpler Schönklang aufleuchtete, zu, zwischen bizarrer Abstraktion und verspielter Eleganz pendelnden Kraftkammer-Sketches. Diesen folgte ein grandioses Set des URI CAINE TRIOs (Caine-p, Mark Helias-b, Clarence Penn-dr). Als Basis diente auch hier eine unorthodoxe, weitergedachte Auseinandersetzung mit der jüngeren Jazzgeschichte. Tradierte Changes wurden in einem irrwitzigen Tempo auf den Kopf gestellt, respektvoll interpretiert und mit jeder Menge Raum für humoreske Floskeln, auch ein unpeinliches Mozart-Zitat oder bekannte Filmmusikzitate durfte sein, neu modelliert und mit Frischzellen versehen. Einmal in der Symmetrie, im nächsten Moment aber schon wieder in Schräglage. IKU MORI(electronics), ebenso eine zentrale Figur der ersten Stunde der Noise-Bewegung, stellte sich der immensen Herausforderung alleine mit artifiziellen und gesampelten Sounds Musik von Dringlichkeit und packendem Spannungsgrad abzurufen. Über immer wiederkehrenden ostinaten Figuren schichtete sie einerseits konkrete Klangpartikel, andererseits verfremdete oder computergenerierte Soundkonglomerate, denen durch die rhythmische Periodizität eine tänzelnde Makrostruktur eigen war. Es funktionierte insofern nicht gänzlich, da es an Lautstärkeintensität fehlte. Das Finale Grande, dieser beiden exzeptionellen Abende, richtete eine Trio um den Gitarrenhexer Marc Ribot mit dem Namen ASMODEUS aus. Ihm zur Seite saßen, so auch er, Trevor Dunn (el-b) und Kenny Grohowski (dr). Meister Zorn betrat ein zweites Mal aktiv die Bühne um die begnadeten Virtuosen mit Dirigaten durch die Stücke zu treiben. In diesen klangberstenden „Kleinigkeiten“ erreichte Zorn die Kulmination der Komplexität. Klangblöcke bauten sich auf, besaßen aber eine erstaunliche Transparenz und eine kaum zu glaubende rhythmische Elastizität. Auch brachen immer wieder die metrischen Stränge auf und das harmonische Gefüge wurde in der Atonalität zerstäubt. Dann kehrten wieder knochentrockene Beats in absurden Off-Beat Abfolgen und Takten und krachende Monsterriffs zurück. Zorn zog auf dem quasi Meta-Instrument alle Register. 

Mit dem Bagatelles Marathon, der durch seine geschickte dramaturgische Inszenierung nie überfordernd war, sonder durch eine, die Aufmerksamkeit durchgehend aufrechterhaltende Kurzweiligkeit bestimmt war, manifestiert der Perfektionist Zorn wie absolutistische stilistische Kategorisierungen in der zeitgenössischen Musik ausgehebelt werden können, obschon er das Ohr zu einem wesentlichen Teil am Jazz hat, doch das sichert ihm seine Freigeistigkeit, wie die Umsetzung kompositorischer Vorgaben über stures Interpretieren hinaus gehen kann, das Klanghäufungen nicht zu indifferenter Massigkeit führen müssen. Und er brachte die Kunst der Kontrapunktik anhand von Stilen, in bestem bachschen Sinne zu Gehör. Dass ihm das so eindrucksvoll gelingt liegt darin begründet, dass Zorn ein tiefgründig in den Nukleus jeglicher Musik eindringender Virtuose ist und die für ihn notwendige Essenz herauszufiltern im Stande ist. Beeindruckend zu hören wie Virtuosität sowohl seitens des Komponisten als auch der MusikerInnen nicht in inhaltsleere Vordergründigkeit verfällt, sondern die Musik beflügelt. Hinzu kommt noch Zorns Gabe die Substanz der musikalischen Aussage in kurzer Zeit eindampfen zu können und wie die AkteurInnen im Bruchteil einer Sekunde am Punkt sind. Nach wie vor polarisiert er, was ebenso für seine Qualität spricht.
Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, einer marathonschen, publikumstechnisch reichlichst gesäumten Sternstunde beigewohnt zu haben. Wien war für zwei Abende extrem modern. Großen Dank dem Verantwortlichen der dies ermöglicht hat, dass darf auch einmal gesagt sein.

 

MI 7. DEZEMBER 2016
Die Raumnot in der Komplexität
MARIUS NESET „PINBALL“
Marius Neset (ts,ss), Jim Hart (vibes, perc), Ivo Neame (p), Michael Janisch (b), Anton Eger (dr)

Als „Jazzwundertalent“ wird er allenthalben gefeiert und er steht knietief in Lorbeeren. Der Norwegische Saxophon-Jungstar Marius Neset. Ein wenig überzeichnet wird hierbei schon. Derzeit tourt er mit seinem aktuellen Projekt namens „Pinball“ durch die Weltgegend. Eine Stückesammlung an Hand derer Neset laut Eigendefinition die Beschäftigung mit dem melodischen Fundus von Klassik bis Rock, den Funktionalismen von Jazz Rock und Art Rock reflektiert. Er tut dies mit leidenschaftlicher „Jazz-Seele“. Doch besetzte von Anbeginn an ein technokratischer Konstruktivismus die Ereignishaftigkeit, was sich in atemberaubenden Tempo- und Rhythmuswechsel, aberwitzigen harmonischen wie melodischen Abfolgen, teils in unglaublichem Unisono bzw. verschachtelter Rollenverteilung, manifestierte. Fast ist der Eindruck von der Anwendung mathematischer Prinzipien evident. Wechselnd mit dieser energiebestimmten Ausformulierung tat sich elegische Introspektion mit einer etwas überzeichneten Schönklangschwelgerei auf. Des Weiteren wurden auch häufig die Stücke eröffnende ostinate Arpeggien überstrapaziert und die Musik setzte zu sehr auf „Reinheitsgebot“ und perfekt inszenierte Durchkonzeption. Demnach stand für Ecken und Kanten, klangliche Dirtyness, spontane Klangstöbereien und Waghalsigkeit kein Raum zur Verfügung. Über die beeindruckende Virtuosität aller Protagonisten kam keine Sekunde Zweifel auf. Neset selbst ist ein famoser Techniker. Intonation, Geläufigkeit, Ansatz – perfekt und er hat das Real Book penibel durchgeackert. Aber seinem Ton mangelt es noch an Charisma. Angesichts dieses Potentials hätte man sich allerdings den einen oder anderen überbordenden Ausritt auf der Überholspur erwartet. Sozusagen ein bisserl „ausflippern“. Doch verharrte das Geschehen in einer Form von Programm-Musik. Vielfalt konnte man ihr nicht absprechen, aber den Zug zum Unmitttelbaren. Dieses Ausloten von vertrackten Strukturen  und hochkomplexen Abläufen in rasantem Tempo, das demonstriert auch Nesets Band, bietet für die jüngere Generation an JazzmusikerInnen einen speziellen Anreiz. Sie ist drauf und dran, einen umfassenden, undogmatischen Ansatz eines Stilkonglomerates zu entwickeln und perfektionieren. Verwurzelt in der Jazztopographie. Die Rolle eines Pinball Wizard füllt Neset noch nicht gänzlich aus. Aber in seinem Talent ist alles für eine tiefgreifende Meisterschaft angelegt. 

 

MI 16. NOVEMBER 2016
Tanz die Dekadenz
Naima-Marilyn Mazic & William Ruiz-Morales
LANDL & HORNEK & RIEGLER

Willi Landl (voc), Michael Hornek (p, tp, keys), Leo Riegler (electronics)
STUDIO DAN
Daniel Riegler (leader, composition), Clemens Wenger (p, keys, electronics, composition)
+ 18 MusikerInnen

Das Inro dieses kunstsinnigen Abends gestalteten auf sehr subtil, stoffliche Weise die Tanz/PerformancekünstlerInnen Naima-M. Mazic aus Österreich und der Kubaner Ruiz-Morales, die auch für Choreographie und Dramaturgie verantwortlich zeichnen, mit ihrem Tanz/Musik-Projekt „Sharing Home“. Zu deren Umsetzung haben sie noch zwei Tänzerinnen/Performerinnen und das MusikerInnen-Quartett Klangzeug Orchester hinzugezogen. In einer intensiven Arbeitsphase war ein multimediales Stück entstanden, das den Begriff Home (Heimat) in künstlerischer Bezugsetzung abhandelt. In schwelgenden Grundzügen, in fokussierter Beweglich- und Klanglichkeit. Die Musik die afrokubanische Anregungen aufnimmt, speziell betreffend des rhythmischen Aspektes, und diese spannungsreich in ein modales Jazzterrain verpflanzt, befand sich mit der tänzerischen Ausdruckssprache, die eine feine Synergie aus schroff und geschmeidig bildete, in einem regen, organischen Austausch. Gelegentlich beanspruchte die Musik jedoch zuviel Raum für sich. Ein hochmotiviertes, engagiertes, twenty something Kollektiv.

Mit der Dekadenz beschäftigte sich im „Hauptabendprogramm“ zuerst das Trio Landl & Hornek & Riegler. Von artifiziellen, interferenten Soundscapes umspült, die zeitweise wie R2D2 in Weinlaune klangen, immer wieder unterfüttert von harschen Break-Beats, verkündete Landl seine Sprachexperimente – inhaltlich sarkastisch, dadaistisch, bizarr. Die Texte waren explizit vorgefasst, wobei durch das gelöste Interplay zwischen den Musikern, des Öfteren der Eindruck entstand, dass diese auch aus dem Stehgreif erimprovisiert wurden. Wie überhaupt die Musiker ziemlich gewandt mit der Spannungsintensität der Momenthandlung umzugehen wussten. Als Ausgangspunkt dürfte es maximal „Head Arrangements“ gegeben haben. So wurden abstruse Songs, von noisig, trashigen Klangwusten aufgesogen. Großartig war dahingehend eine durchgeknallte Version von Aylers „Ghosts“.   In die kauzige Vergnüglichkeit platzten dann doch einige Längen, anhand derer die  polarisierenden Handlungsstränge an Bissigkeit einbüßten.

Schlusspunkt: Der MusikerInnen-Pool Studio Dan, der je nach Projekt in unterschiedlicher Besetzungsstärke agiert, gehört zweifelsfrei zu den vielsagendsten Großformationen hierzulande, die durch die kompositorischen/ konzeptuellen Visionen der beiden diesbezüglich Hauptverantwortlichen, der Posaunist Daniel Riegler und der Pianist Clemens Wenger, einen „eigenmächtigen“, profunden Ansatz zwischen einer tiefverwurzelten, aufgeschlossenen Jazzrhetorik und den der klassischen Avantgarde des 20. Jhdts entstammenden Klangeindrücken und –qualitäten ausfindig gemacht haben. Das Programm Dekadenz wurde überarbeitet und in opulenter Besetzung präsentiert und war auch als Statement gegen die globale gesellschaftlich Verrohung und den um sich greifenden Respektverlust angelegt. Ideenreichtum und große Arrangierkunst markierten die kniffligen Stücke. Dicht verwobene kompositorische Strenge, in der jede Menge harmonischer Waghalsigkeiten eingeflochten sind, und die Grund der leichthändigen Umsetzung der hochklassigen MusikerInnen eine grazile Beweglichkeit erlangten, glitt bruchlos in Fenster aufstoßende Improvisationskonzepte hinüber. Eine solche Situation nützte der Saxophonist Clemens Salesny zu einem aus den Nähten platzenden, stürmischen Solo, kommentiert von polytonalen, berstenden Ensembleclustern. Den hochindividuellen Ensemblesound zeichnet das effektive Changieren zwischen wuchtigen Klangblöcken und feinziselierten Gespinsten aus. Aber auch für Humoreskes war Platz. Es fand seinen Ausdruck als der Elektroniker Leo Riegler sich zu jazzimmanent, nonchalant swingenden Soundwalls ein Schnitzel zubereitete. Ein kompromissloses, klangfanatisches Ensemble mit enorm viel authentischer Energie und unbeugsamer Haltung. Und sie gehören mit einem Haufen anderer bemerkenswerter MusikerInnen und Ensembles zu jenen, die den österreichischen Jazz permanent unter Strom setzen. Dekadenz als Widerstand.

 

SO 23. OKTOBER 2016
Neo-Country From Outer Space
BILL FRISELL BAND feat. Petra Haden
Bill Frisell (g), Petra Haden (voice), Thomas Morgan (b), Rudy Royston (dr)

Der „Planet Frisell“ bewegt sich unbeirrt in seiner eigenen Umlaufbahn. Der Gitarrist, der die heutige Klangwelt, von den Jazzsphären bis zum Pop/Rock-Terrain, mit höchst individueller Stilistik und einer neuartigen pan-harmonischen Auffassung einschneidend bereichert, schickte sich mit seinem aktuellen Quartett an, ein paar Sternchen vom Filmmusikhimmel in seiner unvergleichlichen Herangehensweise zu pflücken. Hierfür hat er eine äußerst homogene Band geformt, die in die Umsetzung viel Elementares einer Jazzspielhaltung wie improvisatorischer Freiraum, non-konforme Klangästhetik, rhythmische und harmonische Ausweitungen, spontanes Interplay, einfließen ließ. Demzufolge wurden die unsterblichen Melodien und Themen in Klangräume außerhalb ihrer Konzeption verpflanzt. Frisell agiert bei den Dekonstruktionen mit viel Respekt vor und viel Wissen um das Ausgangsmaterial. Songs wie z.B. „When You Wish Upon A Star“ (so auch der Titel des Programmes), „The Shadow Of Your Smile“, „You Only Live Twice“ oder „Goldfinger“ offenbarten bizarre neue Details oder wurden auf ihre nackte Binnenstruktur zurückgeführt und folglich in einen neuen erhellenden Kontext versetzt. Plötzlich swingte die Musik in höllischem Up-Tempo, flanierte herzerweichend durch kontemplative Traumlandschaften oder inspirierte zu findigen, die musikalischen Fortschreitungen fördernde Soli. Da war natürlich der Ausnahmemusiker Frisell von prägender Gestalt. Mit seinem singulären schwebenden Sounds, Schwellakkorden und entschlackten Singlenote-Linien. Ein Stil, den er aus der Jazzgitarren-Tradition in Konfrontation mit Rocktexturen und dem amerikanischen Country Music Duktus entwickelte und perfektionierte. Ziemlich beeindruckend war diesbezüglich, auch seinen MitstreiterInnen zugesprochen, der differenzierte Umgang mit Dynamikschattierungen, das entschleunigte Agieren, die lyrische Intensität, die gelegentlich kratzbürstig und verquer hervortrat und die unprätentiöse Ausführung. Betreffend letzterem war auch die Sängerin Petra Haden, Tochter der Basslegende Charlie Haden, ein wichtiger Faktor. Schnörkellos, trocken, ohne Vibrato versetzte sie ihre Country Roots mit einer zarten Jazzphrasierung. Voll der Hingabe sang sie textbezogen oder non-verbal die melodischen Linien der Themen im Unisono mit Frisell. Währenddessen Bassist und Schlagzeuger wieder die ebenfalls die Musik kennzeichnenden, fließenden kontrapunktischen Raffinessen auftischten. Gelegentlich überließ Haden ausschließlich dem Trio das Feld. Das Geschehen erblühte durch das konzentrierte Herumstöbern „inside the songs“. Diese glänzten in geschmackssicher veränderten Formgebungen und Farbnuancen. Lediglich bei den Zugaben wurde für europäische Ohren etwas zuviel an Country-Schmonzette ausgebreitet. Speziell bei der Bonanza-Kennmelodie gewann das Kuriosum die Oberhand. Konklusio: „Die Reise zum Stern“, unternommen in unbändiger Spiellaune, war großes Kino. Frisell as well.

 

MI 19. OKTOBER 2016
Die Präzision in der spontanen Schöpfung
GEORG GRAEWE QUARTET
Paul Dunmall (ts), Georg Graewe (p), Peter Herbert (b), Mark Sanders (dr, perc)

Aus einer konzentrierten, atmenden Akkordfortschreitung heraus, die den Beginn eines Solostückes markierte, ersann Georg Graewe ein feinstoffliches Gewebe bestehend aus rasanten, detailreichen Tonketten und das komplette tonale Dur-Moll-Spektrum durchmessende, von gelegentlichen atonalen „Mikroben“ durchsetzte Harmonietürmungen, in denen es vor spannenden Alterationen ziemlich brodelte. Dieses kurze Rezital, verdeutlichte schon Graewes herausragende Musikalität gepaart mit exzeptioneller technischer Versiertheit und improvisatorischer Imaginationskraft und war die Intrada zu zwei ausgedehnten Extemporationsereignissen. Realisiert von seinem neuen Quartett zu dem er drei weitere Krösusse der unter anderem spontanen Klangfindung/ originäre Stilisten hinzugezogen hat. In einem ausnehmend reaktionsschnellen Interaktionsablauf, gestützt auf eine engmaschige kollektive Gestik, verwirklichten die Musiker einen sprudelnden Vorwärtsdrang, umgesetzt mit sensitiver Energetik,  in dessen Verlauf dynamisch ausdifferenzierte, transparent symbiotisierte, frappante Wendungen nehmende Aggregatzustände ihre Flüchtigkeit und emotionale Dringlichkeit zum Glänzen brachten. Außergewöhnlich war zudem die Genauigkeit im Formverständnis der spontanen Schöpfungen, eine entscheidende Fähigkeit für die Realisierung Improvisierter Musik, wodurch der  Entstehungsprozess in seinen inneren wie äußeren Strukturen eine nicht häufig anzutreffende, zwingende Schlüssigkeit erlangte. Zusätzliche Qualität stellte sich durch das „In-Sich-Ruhen“ der Protagonisten ein. So waren die Töne und Klangfarben stets richtig platziert, was ihnen ihre Gewichtung verlieh. Das rhythmische Gefüge war, gleich wie das harmonische, keiner gängigen Periodizität unterworfen. Es dehnte sich in asymmetrischen, elastischen Pulsationen aus. Zumeist in einem quecksilbrigen Tempo, das dann doch ab und an im Zuge  unbegleiteter Soli oder bei Duokonstellationen heruntergebrochen wurde. Ein solcher Moment war der grandiose Monolog von Peter Herbert – fokussiert, den Tönen Raum gebend, der Musik Substanz einspeisend. Oder einmal mehr Graewe mit seinen kristallinen Gebilden. Von besonderer Prägnanz waren weiters ein irrwitzig verschlungenes Duett von Dunmall und Graewe bzw. eine Quartettsequenz, wo sich abstrakte Verästelungen mit ausragenden Klangqualitäten in berückend hymnische, mit einer von Dunmall eingebrachten coltraneschen Färbung versehene Klangflächen verwandelten. An diesem Abend ereignete sich Improvisierte Musik in seiner klarsten Form hinsichtlich Struktur, Ausdruck und Kommunikationsebene. Übersetzt in einem von Graewe entwickelten, eigenmächtigen Idiom, gezogen aus den Diktionen europäische Musiktradition und experimenteller Jazzkanon. Weltklasse.

 

SO 16. OKTOBER 2016
Das Gewicht der schwarzen Linie
TIA FULLER TRIO
Tia Fuller (ss, as), Ivan Taylor (b), Joe Dyson (dr)

Die Mitgliedschaft in der Tourband des R´n´B-Superstars Beyoncé ist ihr lukrativster Job. Aber auch die pädagogische Tätigkeit ist ihr ein Anliegen. Für ihre ureigensten Klangwelten, speziell in der Trioversion, verortet sich die illustre Saxophonistin knietief in der afro-amerikanischen Jazzhistorie, deren traditionelle Formabläufe sie rudimentär einfließen lässt, und knüpft ziemlich kompromisslos, zielstrebig beseelt an die Entwicklungen der Post-Free Jazz Weiterführungen, dereinst von der Journaille etwas unbeholfen als „Loft Jazz“ tituliert, wie sie von „Great Black Musicians“ wie etwa Oliver Lake, Julius Hemphill, Henry Threadgill (dessen legendäres Trio Air ein Blaupause für Fullers Triovision gewesen sein könnte) formuliert wurden, an. Eine schwarzen Linie in der das Authentische in der Expressivität, Bluesverwurzeltheit, die rhythmische Mannigfaltigkeit der afrikanischen Musik und der „soulful cry“ als ursächliche Impulsgeber fungieren. Demzufolge durchdringt sich Tradiertes und Fortschreitendes in sehr homogener Weise in den Soundscapes des Trios. Ohne Umschweife schraubten, gleich zu Beginn, Fuller, am Sopransaxophon, und Drummer Dyson in einem hitzigen, formal offen gehaltenen Dialog die Musik auf einen vibrierenden Energielevel. Legendäre solcher instrumentellen Paarungen schossen einem durch den Kopf. Danach griff Fuller zum Altsaxophon und das Trio entfachte in einem offenen Interplay einen Himmelssturm an überraschenden, melodischen Verästelungen, expressiven Tonwandlungen und motorischen Capricen. Ihren schneidenden, trockenen Ton, gepaart mit schroffer Intonation verbindet Fuller zu einer eigenständigen Spielweise. Diese kulminierte in findigen, von Skalen und Changes weitestgehend losgelösten, impulsiven Improvisationen die im Austausch  mit den inspirierten Interventionen ihrer gleichfalls meisterlichen Partner, in einen stringenten Kollektivzustand mündeten. Aus diesem traten bereichernd auch unbegleitete Soli bzw. variierende Duos hervor. Bravourös modulierte der Schlagzeuger vertrackt geschachtelte Rhythmen, schlüsselte diese auf und setzte sie neuerlich zu flexiblen Musterfolgen zusammen. Darüber streute er noch melodisch konnotierte Kolorierungen. Der Mann am Bass bestach mit klangbewusster, überlegter Herangehensweise, der zufolge er das niederfrequente Fundament mit Eloquenz ausformulierte. Die thematischen Inseln folgten in ihrem Erscheinen keinem konventionellen Muster, sondern wurden nach spontanem Befinden ins Spiel gebracht. Tonale Zentren waren Dreh- und Angelpunkt der Musik, doch manövrierten die MusikerInnen freimütig und souverän die Musik ebenso in den Orbit der Freitonalität, aber immer einen variablen Formgehalt einfordernd. Mit Imaginationskraft und viel Herzblut wurde hier die progressive afro-amerikanische Jazzspielhaltung, die in den 1970er Jahren ihre letzten bahnbrechenden Neuerungen manifestierte, aufgegriffen und erfrischend in die Gegenwart verpflanzt. Und es gelingt Fuller durch ihre offensive Präsenz mit diesem Ansatz eine unprätentiöse Hipness zu versprühen.

 

FR 7. OKTOBER 2016
Famose „Taschenspiele“
RAY ANDERSON´S POCKET BRASS BAND
Ray Anderson (tb), Steven Bernstein (tp, slide tp), Jose Davila (sousaphone), Tommy Campbell (dr, perc)

Andersons Pocket Brass Band ist so etwas wie eine Bonsai Ausführung einer herkömmlichen Brass Band. Dieser komplette Musiker und posaunende Alleskönner hat dieses Format über die Jahre auf hohem Niveau sublimiert. Zusammen mit Mitmusikern, die ebenso profund über die Jazztradition verfügen und als aufgeklärte „Modernisten“ mit allen erweiterten instrumentellen und formalen Errungenschaften zu spielen wissen. Da wurden in einer sehr pulsierenden, vor Vitalität strotzenden, den Jazz feiernden Gegenwartsmusik mit humorvollem Respekt und überbordendem Spielwitz Walzer und Quadrillen durch den Fleischwolf gedreht und kubistisch rückverwandelt. Blechbeseelte, archaische New Orleans Jazz-Elemente jubilierten synergetisch mit Rhythm & Blues- oder BeBop Sequenzen und kulminierten in einer heutigen freitonalen, klanglichen Buntheit. Die baute auf ein markantes kollektives Spielverständnis, zuzüglich harmonisch kontrapunktischer Erweiterungen. Auch ein eloquenter Bezug zum und ein weitergedachter  Ansatz  der Musizierweise des Old Time Jazz. Anhand solch blinden Verständnisses war den Musikern jedwede musikalische Kapriole erlaubt. Swingende Up-Tempo Parforceritte verzweigten sich in hitzig groovende Funkyness, die sich folglich z.B. in plungerbestimmte, jaulende Balladenhaftigkeit ausbreitete oder auch in perkussive Geräuschabstraktionen verstieg. Von großem Spannungsgehalt war ebenso der Umstand, wie die Protagonisten das Formgefüge auseinanderfallen ließen und mit spontaner Gestaltungsgabe neu organisierten. Dazwischen gab´s grandiose, unbegleitete improvisatorische Veräußerungen, die besonders die Stellung von Ray Anderson und Steven Bernstein, letzterer speziell hinsichtlich der Slide Trumpet, als prägende Stilisten hervorhoben. Hinreißend war aber auch das von sprühendem Witz gekennzeichnete, klangbewusste Schlagzeugsolo von Campbell mit den integrierten Quietschtieren. Am eindringlichsten widerspiegelte sich dieser musikalische Kosmos im Herzstück des Abends, der Komposition „Sweet Chicago Suite“ in der Anderson seine musikalische Sozialisation in der Geburtsstadt reflektiert. Vom räudigen Blues bis zu den bahnbrechenden klangästhetischen und –qualitativen Neuerungen der AACM-Community spannte sich der Bogen. Hiermit erklärt sich sein außerordentliches musikalisches Profil. A pocketful of gold.  (Hannes Schweiger)

 

MO 3. OKTOBER 2016
Fliegender Stoffwechsel
VIJAY IYER TRIO
Vijay Iyer (p), Stephan Crump (b), Justin Brown(dr)

Das war schon bester Jazzstoff den der Tastenvirtuose Iyer, einer der markantesten Formulierer einer pluralistischen, heutigen, jazzverbundenen Klangästhetik, mit seinem verschworenen Trio in berauschender Relevanz auftischte.  Iyers Klanguniversum ist ein vielschichtiges harmonisches, melodisches, rhythmisches Kompendium, das von den drei gleichberechtigt verantwortlichen Musikern permanent umgestaltet, in Einklang gebracht oder in Reibung versetzt wurde. Die meisten der dargebotenen motivischen Vorgaben, für die der Pianist verantwortlich zeichnet, entstammen der aktuellen Trioeinspielung „Break Stuff“. Sind sie dort zu konzisen Elaboraten verdichtet, so wurden sie in der Live-Situation zu geschickt ineinanderfließenden Bögen ausgebreitet. Souverän spielten die Musiker mit dem gelösten Formverlauf, der das Solo/Begleitung-Prinzip zugunsten überaschender dramaturgischer Steigerungen auflöste und demzufolge die fast telepathisch zu nennende Interaktion zwischen den Akteuren, zu ereignisreichsten Klangausdehnungen führten. Eine pluralistische Musikauffassung lebend, durchstreift Iyer auch popmusikalische Gegenden und macht mit großer Feinsinnigkeit Anregungen, etwa aus dem Techno- oder Housebereich, für sich verwertbar. In all diesem Flow sind inspirierende Rückgriffe auf die „Modern Jazz“-Historie allgegenwärtig. Mit seinem eigenwillig federnden Anschlag replizierte Iyer in persönlichster Verfasstheit beispielsweise eine Blockakkordik a la McCoy Tyner und mit besonderer Hingabe die harmonischen Vertracktheiten und sperrig kantige Rhythmik von „the one and only“ Monk. Als das Ganze entsprechend tragend, respektive zum Fliegen bringend, entpuppte sich die galante Entspanntheit in der Umsetzung dreier brennender Klangstöberer. Bravourös jonglierten sie mit kontrapunktisch geführten Linien und den Beat umkreisende Komplementärrhythmen, die von den teils abenteuerlichen Fills und Verzierungen des Drummer angefacht wurden, der gelegentlich zu überbordend agierte, aber trotzdem immer in der musikalischen Kongruenz verankert war. Ein Höhepunkt war zweifelsohne eine gut fünfzehnminütige Fassung des von Steve Porcaro stammenden, von Micheal Jackson zum Hit gekrönten Popsongs „Human Nature“,  in der geadelten Version von Miles Davis im Verlauf  derer Iyers  musikalisches Konzept der Wechselwirkung wohltemperierter Klanggruppierungen und abstrakter Verschachtelungen mit breiter dynamischer Wirksamkeit, konzentriert auf das wandlungsfähigen Kreisen um tonale Zentren, ereignishaft ausgespielt wurde. In der zurzeit blühenden Piano Trio-Landschaft gehört das Vijay Iyer Trio mit seiner individuellen Soundgewandung und einer uneitlen Hipness zu den auffallendsten. Great Stuff.

 

DI 27. & MI 28. SEPTEMBER 2016
Orchestraler Sternenstaub
CHRISTOPH CECH JAZZ ORCHESTRA PROJECT
Chapter One: „The Major Tom Tales“

„Wie vom anderen Stern“ – ein Ausspruch der für wahr einigermaßen abgenudelt daherkommt. Doch in vorliegendem Fall sei es gestatte, diesen wieder einmal aus dem Köcher zu ziehen. Es betrifft das aktuelle großorchestrale Jazzprojekt des nicht anders als Ausnahmemusiker zu bezeichnenden Komponisten, Arrangeurs, Pianisten, Dirigenten, Orchestergründers und nicht zu vergessen engagierten Musikpädagogen und sonst noch, Christoph Cech. Wie sehr ihm das Tonsetzen und der kreative Schaffensprozess mit großformatigen Klangkörpern unter den Nägeln brennt, und welch hochqualitatives Niveau er dabei anstrebt, beweist Cech seit vielen, vielen Jahren. Mit seiner neuesten „Very Big Band“, 27 Frau/Mann hoch – er hat die herkömmliche Big Band Besetzung modifiziert und um ein weibliches Gesangstrio, ein Streichquartett, einen Akkordeonisten erweitert -  und die erste unter seinem Namen, steuert dieser sympathische Klanginszenierer einen weiteren Qualitätslevel an. Zudem gelang es ihm, von vier langjährigen Mitstreitern abgesehen, die Creme der jungen österreichischen JazzmusikerInnenriege unter einen Hut zu bringen und auf einen gemeinsamen Fokus einzuschwören. Mit dieser unorthodoxen Formation verkündete er das erste Kapitel einer neueren Kompositionssammlung. Was war jetzt das Besondere an dem zu hörenden Output: Als Intrada entwickelte sich aus einer Geräuschcollage ein fulminantes Crescendo mit messerscharfen Tutti der Blechbläser, ausdifferenzierter Satzarbeit der Holzbläser, feinen Schwebungen von Stimmen und Streichinstrumenten und als bewegungsdynamisches Triebwerk eine rockaffine, elastisch herumwirbelnde Rhythmik mit wandelbarer Periodizität. Diese Texturen pflanzten sich in immer wieder überraschenden Wandlungen fort. Weiters ist es dieser ureigene Sound den Cech erschuf. Resultierend unter anderem daraus, dass er einen undogmatischen Zugang zu seinem weitgefächerten Jazzverständnis, ohne ein stilistisches Klein/Klein, pflegt. Wie er überhaupt mit den Entwicklungen der Musikgeschichte der letzten zweihundert Jahre umzugehen und sie in seinen wunderbaren Breitwandsound, ohne jäh damit zu erdrücken, hereinzuholen weiß. Hier erfährt der Begriff „Freie Musik“ eine elementare, losgelöste Bedeutung. Beeindruckend ist zudem Cechs enormes Geschick, trotz aller Festlegungen, in denen er nicht mit komplexer Architektur geizt, Grund großer Arrangierkunst, harmonischer wie melodischer Flexibilität und den eingepflanzten „Freihandelszonen“, die Musik in all ihren Nuancen in einem natürlichen, organischen Fluss sich entwickeln zu lassen. Kreisend um ein tonales Zentrum. Dazu gehört natürlich ein derart zusammengesetztes Orchester das zu einem „OHRchester“ mutierte, denn die Beteiligten legten eine außerordentliche Hingabe und Wachsamkeit an den Tag und verstanden es die Kompositionen bis ins kleinste Detail, mit all seinen Reibungen Verschiebungen, mikrokosmischen Inseln, auszuleuchten und zum Glänzen zu bringen bzw. solistisch mit Perlen anzureichern. So z.B. die Trompeter Mario Rom und Martin Eberle, die Saxophonisten Astrid Wiesinger und Chris Kronreif, der Gitarrist Andreas Erd (der die „Erd“ zum Beben brachte) oder Flötist Sascha Otto. Aber Cech legte ihnen auch fast maßgeschneiderte Fährten aus. Das ist ebenso eine seiner speziellen Gaben. Captain Cechs Klangkunst pulsierte in einem Maelstrom aus berstender Energie, Vitalität, Vielgestaltigkeit und emotionaler Dringlichkeit. Die Töne flogen irrlichternd durch den Raum – unter sensorischer Groundcontrol des Leaders. Überschrieben sein könnte Cechs Musik mit dem Credo des großen afro-amerikanischen Pianisten Mal Waldron: „And don´t forget that the definition of music is organised sound“. CCJOP = CCTOP. 

 

DO 22. BIS SO 25. SEPTEMBER 2016
Werkstattnotizen
JAZZWERKSTATT WIEN presents VIENNA ROOMSERVICE

Seit sieben Jahren ist es Usus, dass der unbeugsam aktive und das kulturelle Leben dieser  Stadt bereichernde und speziell für die heimische Jazzszene förderliche MusikerInnen-Pool der Kooperative Jazzwerkstatt Wien ihren viertägigen Roomservice im Porgy & Bess anbietet. Die Tage waren neuerlich ein aufweckendes und bannendes Konzentrat der aktuellen Standortbestimmung der ProtagonistInnen dieser Initiative. Und unumstößlicher Pluralismus ist eine der bestimmenden Maximen der WerkstätterInnen geblieben. FMK sozusagen – freigeistige Musik-Kultur. Stilistisch wie geopolitisch. Wie tut das gut in diesen Tagen.

So war der Abschlusstag:

Der klingende Roomservice dringt wie gewohnt in fast jede Räumlichkeit des Porgy vor. So war in der MusikerInnengarderobe unter Anwesenheit der, auf Grund der begrenzten Platzgegebenheiten gelosten Zuhörenden, der Wiener Cellist LUKAS LAUERMANN mit einem Recital zu hören. Lauermann spielte mit zunächst fein abgestimmten, „vielharmonischen“ Polyphonien und Melodiefortschreitungen, die er mittels Sampling aufbaute und zu einem „Ein Mann-Streichquartett“ erweiterte, ehe er final sehr bedacht alles in einem strukturierten Klangdonner eruptieren ließ. Eine ergiebige „Conversation with himself“. In der strengen Kammer wurde der letzte Teil von KIRSTIN GRUBERs Text „Embracing Shitstorm – A Divine Service“, mit der musikalischen Zugabe von PETER ROM  und MARTIN EBERLE, zelebriert. Kraftausdruck und –klang.  Selbstredend waren auch die „stillen Örtchen“ zu klingenden Klangoasen umgestaltet. Mittels elektroakustischer Collagen aus konkreten Wassersounds und persiflierenden Klangwolken mit „Wellnessfaktor“. Im Mainroom eröffnete zunächst die sensitive, radikale Stimmperformerin AGNES HVIZDALEK. Mit Bestimmtheit frönte sie einer nonkonformen Utopie kontrastierend zu musikalischer Einsilbigkeit und „Lauwärme“. Ihr gleißender Gegenentwurf war ein Mikrokosmos aus gutturalen Laut- und Geräuschanhäufungen, die teils in faszinierende Obertonbereiche aufstiegen, in immensen multiphonen Tontrauben kulminierten oder in perkussiven Arabesken aufgingen. Zwischen Kopfstimme und Kehllauten, die auch diverse ethnische Gesangspraktiken reflektierten, changierend. Zischen, schnarren, gurgeln, schnalzen, schmatzen, brutzeln – qualitativ geformt, entrissen der Imagination des Momentes.

Was man vermisste, war die letztendliche musikalische Schlüssigkeit, die die Klangsplitter und Soundschlaufen auffädelten. Es war zu häufig eine effektvolle Aneinanderreihung von Klangsituationen. Doch angesichts des künstlerischen Potentials wird Hvizdalek dahingehend auch einen Weg finden. Den Epilog der diesjährigen tönenden „Raumpflege“, lautmalte das Quintett CHUFFDRONE. Ein junges Kollegium äußerst versierter InstrumentalistInnen, namentlich Astrid Wiesinger (as, ss), Lisa Hofmaninger (ss, bcl), Hubert Gredler (p), Judith Ferstl (b), Judith Schwarz (dr, perc), das sich bereits einiges an Reputation, über die Grenzen hinweg, erspielt hat. Mit einer offensiven, jetztzeitigen „Modern Jazz“ Auslegung. Diesen Abend funktionierte jene allerdings nicht sonderlich effektiv. Die Band gab sich zu zurückhaltend – kollektiv wie individuell, verweilte zu häufig in einer elegischen Dramaturgie, und war zu zaghaft in der improvisatorischen Weiterführung der zweifelsohne spannenden harmonischen Kadenzen und Akkordbauten die einfallsreich arrangiert waren. Demzufolge dominierte eine konturierende Weichzeichnung und ein Verharren in zu starrer Konzeptionalität. Trotzdem die jugendliche Energie und Phantastik wird sich fraglos durchsetzen.

Wiederholt stellte sich das VIENNA ROOMSERVICE als (t)raumhaftes Projekt dar, das die Jazzgemeinde hoffentlich bis auf weiteres klangspeziell servicieren wird. Hannes Schweiger

 

FR 16. SEPTEMBER 2016
Allerweltsexotik
CHICO FREEMAN TRIO EXOTICA
Chico Freeman (ts), Svante Henryson (cello), Reto Weber (perc)

Konservativ und angepasst ist er geworden, der stimmgewaltige Saxophonist Chico Freeman, einer jener Feuereiferer der seinerzeitigen pluralistischen Post-Free Jazz Bewegung rund um die Chicagoer AACM. Die letzten aufregenden Tonspuren zog er mit Fritz Pauer in vertrackt modalen Klanguniversen. Mit seinem aktuellen Trio hat sich Freeman nun auf das für ihn glatte Parkett der „alternativmassentauglichen“ World Music begeben. Und er kam leider einigermaßen ins Schleudern in diesem Umfeld einer kontroversfreien, harmonischen Diktion, mit seinem schon hundertfach bemühten Formablauf und den doch schon sehr ausgewaschenen Melodielinien bzw. bestens bekannten Rhythmuspattern, mit ihren halbherzigen Entlehnungen aus der afrikanischen und lateinamerikanischen Tradition. Ein chromatisches Ostinato am Cello da, eine Sechszehntelschlagfolge dort. Dem zur Seite stellte Freeman sein perfektes Gleiten durch die Skalen und eine umfassende Auslegung von Jazzchanges. Doch über weite Strecken war das Ergebnis zu inhomogen und das bekannte Feuer in seinem Spiel nur ein Glosen. Auch brach er oftmals seine weitestgehend konsonanztrunken angelegten Monologe zu abrupt ab, sodass er einen gerade sich entspinnenden Spannungsfaden durchtrennte, wodurch sich eine irritierende Leere auftat, der seine Partner auch mit groovigen Arpeggien am Cello oder rhythmischen Pattern an den Perkussionsinstrumenten nicht entgegenwirken konnten. Zu klischeehaft war deren Inhaltlichkeit. Da scheiterte man auch mit dem Aufgreifen einer Elvin Jonesen-Schlagfigur und dem Versuch dessen einmalige Intensität, in deren Genuss Freeman ja einst kam, einzufangen, zumal Reto Weber, eigentlich ein beschlagener Drummer, sich in einem missglückten Djembe Solo verhedderte und ziemlich überfordert war. Natürlich war das beschränkte Perkussionsinstrumentarium einengend und prägte somit eine gewisse rhythmische Strukturierung und Ästhetik. Melodieseeligkeit und Harmoniesucht ließen die Performance zu einem auf hohem technischen Niveau sich bewegenden, höchst durchwachsenen  Ereignis erstarren. Eine Unschuldigkeit von Klischees ließ sich nicht mehr argumentieren. 

 

SO 11. & MO 12. SEPTEMBER 2016
Lieder über die Niedertracht
MICHAEL MANTLER´S SONG ZYKLUS
Himiko Paganotti (voice), Michael Mantler (tp), David Helbock (p) & Max Brand Ensemble, Leitung: Christoph Cech

Mantler hegt ein großes Faible für Stimmen und ist ein ausgewiesener Literaturaficionado. Nun ist es so, dass Mantler ein besonderes Ohr für charismatische SängerInnen (man denke an Jack Bruce, Robert Wyatt, Mona Larsen) und die unumwundene Gabe besitzt, diese Stimmen und ausgewählte Texte in einen organischen Klangfluss einzubinden. Ein Klangfluss gepaart mit unorthodoxem Formdenken, wo er mit unverkennbarer Handschrift Tieftonbereiche, dunkle Klangfarbenschattierungen, mollgefärbte Konsonanzen, vertrackte Rhythmusraster, verquere Taktwechsel, unter gelegentlichem liebäugeln mit Rockparametern und repetitiven Mustersträngen, auslotet. Über die Jahrzehnte hat Mantler seine Kompositionsweise, seine Klangqualitäten ausdifferenziert und etablierte eine eigenständige, aperiodisch gegliederte Kunstliedform, die primär seiner Jazzzuneigung entspringt, aber für die Mantler auch von klassischen Funktionalismen, speziell jener der Impressionisten und, wie er selbst einmal betonte, den Sonoritäten des Avantgardisten Edgar Varése Anregungen entleiht. Mantler bekleidet diesbezüglich eine Ausnahmestellung, die er mit seinem aktuellen Songzyklus „Comment c´est (How It Is)“, in dem Themen über eine Welt die derzeit ziemlich aus den Angeln gehoben scheint reflektiert werden, untermauert. Im Zentrum des Liederreigens steht die phänomenale Stimme der französischen Sängerin Himiko Paganotti, die mit enormer Hingabe und Fertigkeit die Texte Mantlers, eingebettet in komplexe Melodielinien, angereichert mit teils abenteuerlichen Intervallsprüngen, zum Leben erweckte. Die instrumentale Umgebung bildete eine kammerorchestrale Inszenierung. Zum Erblühen gebracht von einem bestens disponierten Max Brand Ensemble, zuzüglich der beiden weiteren herausgestellten Solisten David Helbock am Klavier und Mantler selbst an der  Trompete, unter der souveränen und motivierenden Leitung des großartigen Christoph Cech. Dem folgte, dass das Kollektiv mit Bravour die harmonischen, wie melodischen Nuancen mit all seinen aufregenden Verzweigungen aus der Partitur heraus kitzelten. Trotz all der strukturellen Gebundenheit besaßen die Lieder jene anregende elastische Beweglichkeit, was nicht zuletzt an Helbocks impulsiver Umsetzung seiner Parts lag, und zum anderen eine dynamische Leichtigkeit und veritable Atemfreiheit. In diese hinein pflanzte Mantler einige scharf konturierte, melodische Leuchtpunkte. Freigeist Mantler schuf mit „Comment c´est“ ein Opus von kontemplativ kammermusikalischer Grandezza mit pluralistischem Gestus, das durch die warme Klangfarbigkeit, gegeben durch die Instrumentierung mit viel Holzblas- und Streichinstrumenten, einfach eine dunkelgetränkte Schönheit verlautet. Abschließend sei dem einen oder anderen Journalisten ins Notizbuch geschrien: Alle Texte zum Song Zyklus „Comment c´est (How It Is)“ stammen aus der Feder des Herrn Mantler. So ist es.

 

DO 8. SEPTEMBER 2016
Faustisch fokusiert
ZELLINGER/ KOGLMANN/ HERBERT
Alfred Zellinger (voice, el-g), Franz Koglmann (tp, flh), Peter Herbert (b)

Entgegen den Zeithorizonten gewohnter Faustinszenierungen, die sich in einem mehrstündigen Rahmen bewegen können, haben die Schöpfer der an diesem Abend zu hörenden Version von Goethes „Faust I“, die Herren Alfred Zellinger (Text) und Franz Koglmann (Musik), das Werk auf eine Stunde eingedampft und es ins Jetzt transferiert. Zellinger hat äußerst geschmackssicher und kompetent die Handlung  im heutigen Bankensektor angesiedelt - unter dem Titel „Doktor Faustus in London“. Dem fanatischen Gelehrten Johannes Faust schrieb Zellinger die Rolle eines getriebenen Bankers zu, der all sein Vermögen verspielt und dem Nihilisten Mephisto schanzt er die Rolle eines Börsentraders zu, der mit unlauteren Mitteln Fausts Vermögen zum Wiedererstarken bringen soll. „Crossroads“ auf Neoliberal, sozusagen. Soweit so gut und dramatisch. Eingeflochten in diesen Handlungsstrang sind Nebenarme aus Joyces Ulysses und Sequenzen aus den Faustfassungen von Thomas Mann und Christopher Marlow, sowie gegenwärtige brennende globale Probleme, die den Unwillen und die Hilflosigkeit der Regierenden aufwirft.  Zellinger gelang ein pointierter, mit teils sarkastischem Unterton versehener Text von aktueller Brisanz. Sein semi-professioneller Vortrag im Rahmen eines Jazz-Slam, während dem Zellinger auch gelegentlich zur E-Gitarre griff, war umgarnt von ziemlich vital swingenden, verdichteten Klangdramoletten Koglmanns, in die er mit viel Esprit neben jazzspezifischen Verbindlichkeiten, wie etwa elegante Coolness, Mid-Tempo Neo Bop-Kapriziosen, eine Bluesparabel oder fiebrige Freistilistik, weiters ein Gstanzl, ein Sinatra Songzitat („That´s Life“) bzw. eine Refrainsequenz des Lennon Songs „Give Peace A Chance“, geformt mit seiner melancholischen Sophistication, einspeiste. Und seine melodischen Linien ließ er, wie schon lange nicht, losgelöst tänzeln. Dass der Musik die nötige Substanz anheimfiel, lag an dem famosen Einvernehmen zwischen Koglmann und dem wieder einmal grandiosen Peter Herbert, der den rhythmischen, melodisch kontrastierenden Nukleus, angereichert mit raumgreifenden, befeuernden Figurbewegungen, markierte. Demzufolge erlangte das verschroben, kauzige Timing und die Performance Zellingers ebenso einen reizvollen Charme. Ein zeitrelevantes, textlich und klanglich homogen verschränktes Statement dreier erklärter Humanisten, derer es in der Öffentlichkeit, angesichts des immer infamere Züge annehmenden Neo-Liberalismus, als Mahner mehrerer bedürfte. 

 

FR 12. AUGUST 2016
Schwelgende Tastenessays
ANAT FORT TRIO
Anat Fort (p), Gary Wang (b), Roland Schneider (dr)

Die Gattung Piano Trio, die in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ihre Geburtsstunde erlebte, besitzt einen äußerst hochgeschätzten Nimbus in der Jazzgeschichte. Zudem steht außer Zweifel, dass dieses Format für die harmonischen Fortschreitungen des Jazz von eminenter Bedeutung war und ist. Bis heute zählt das Piano Trio zu den am häufigsten sich zusammen findenden Konstellationen. Gerade in den letzten zwei Dekaden hat jene einen regelrechten Boom erlebt. Das Label ECM widmet sich mit großer Aufmerksamkeit und Sorgfalt der Präsentation und Förderung dieser Besetzung. Zum Pool dieser Trios gehört auch jenes der israelischen Musikerin Anat Fort. Sie gastierte in der „Sommerzeit-Konzertschiene“ des Porgy mit ihrem seit fast zwanzig Jahren bestehenden Trio eben dort. Anat Fort absorbiert und resorbiert die wegweisenden Errungenschaften von Bill Evans, die über Paul Bley zu Keith Jarrett führten, in einer eigenmächtigen, episch introspektiven Ausgestaltung. Sie brillierte mit ausgeklügelten Kadenzen, quirligen Läufen, federnden Arpeggien und filigraner Ornamentik. Eingebettet in ein gleichberechtigtes Interplay mit ihren Partnern, die sich als umsichtige, solide Mitgestalter einbrachten. Viel Raum war den melodramatischen Aggregatzuständen zugedacht, deren dichte Harmonik aber zu selten aufgebrochen wurde, die das Pflegen einer Ästhetik der Wohltemperiertheit und der harmonischen Konsonanz der Pianistin unterstrichen, und denn doch an und an einen zu hohen Süffigkeitsgrad aufwies und ein wenig zu stereotyp in den Klangereignissen sich wähnte. Die eine oder andere kratzbürstige Wendung hätte die Musik beflügelnd aufgewühlt. Nichts desto trotz klangschöpfte hier ein Trio mit stupendem Interaktionsverständnis und großer spontaner Gestaltungskraft, die schon auch mal vom Ensemble-Duktus losgelöst auftrumpfte bzw. die „Funkyness“ eines Horace Silver oder die afrikanisch gefärbten Pattern eines Dollar Brand aufgriff. Post-romantische, modale Jazzpikanterie mit Tiefgang.

 

MI 13. JULI 2016
Über das Trotzen von Handicaps
BILL EVANS/ DEAN BROWN BAND
Bill Evans (ss, ts, e-p, voc), Dean Brown (g), Darryl Jones (b), Dennis Chambers (dr)

Eigentlich war ja die Mike Stern/ Bill Evans Band feat. Jones & Chambers angekündigt. Doch der Tourbeginn der Band stand unter keinem guten Stern. Unmittelbar vor Tourneestart riss Mike Stern auf New Yorks Straßen einen Stern und verletzte sich beide Schulterblätter und Unterarme schwer. Kurzerhand einigte man sich den Gitarristen Dean Brown ins Boot zu holen. Ein Musiker mit hoher Reputation in der Fusion- und Studio-Szene der zwar nicht über einen solch strahlenenden Namen verfügt, aber in dieser Band bravourös glänzte. Zudem erwähnte Evans, dass er sich vor kurzem eine Verkühlung einhandelte und Jones an einer Beinverletzung laboriere. Doch Musiker mit Leib und Seele welche sie sind, ließen sie sich davon nicht aus der Bahn werfen. Eine packende Spiellaune griff sofort Platz und das neu zusammengestellte Programm fand in einem traumwandlerischen Interplay, durchzogen von quirligem Spielwitz, seine Umsetzung. Diesen Spielwitz steuerte vor allem Dean Brown bei, der die Funktionsharmonik des Fusion-Modus mit einem erweiterten Harmonieverständnis aufpeppte. Nicht nur tat er dies mit nuanciertem Sound, sondern auch anhand differenzierten Vokabulars, mit dem er kernige Rockriffs, lässige Bop-Akkorde oder irrwitzige Singlenotelines originär ausformulierte. Ihm war auch der größte Improvisationsfreiraum zugedacht. Und Evans schien davon ziemlich inspiriert. Mit perfekter Intonation bzw. Phrasierung und eindringlich schneidendem Ton setzte er konzentrierte, von einiger Spontanität durchwehte Soli in den Raum. Den leichtfüßigen, in swingende Funkyness verpackten rhythmischen Flow besorgte das über die Maßen bestechende Gespann Jones, Chambers. Wobei Jones, ein „E-Bass-Monolith“, und seinen satten wie wendig modellierten Pattern eine tragende Rolle zufiel. Einerseits als Kontrapunktsetzer mit praller Akkordik zu den Melodieinstrumenten, andererseits mit spannungssteigernden Kreuzrhythmen, die er häufig „laid back“ anlegte, im Austausch mit Chambers federnden Schlagfiguren, die dieser mit größter Selbstverständlichkeit  mit kniffliger Polyrhythmik aufbereitete. Chambers bediente sich hierfür des  klassischen Drumsets und praktizierte einen für seine Verhältnisse dezenten Trommelzauber. Was der musikalischen Ereignishaftigkeit sehr förderlich war. Zumal das Quartett sich einem deutlicheren Jazzapproach zuwandte  und Rock-/ Funk-Chiffren viel abstrahierter einflossen. Derart können gängige Fusion-Klischees und über die Maßen bekannte Strukturen frisch zubereitet werden. Da hat ihnen Großmeister Miles vieles mit auf den Weg gegeben. Dem erwies man mit einer harmonisch einfallsreich gedeuteten Version seines „Jean Pierre“ die Ehre. 

 

FR 10. JUNI 2016
Schwarz hören – listen Black
GINA SCHWARZ UNIT feat. JIM BLACK
Gina Schwarz (b), Jim Black (dr, perc), Fabian Rucker (ts, bcl), Benjamin Schatz (p, keys), Heimo Trixner (g) + guest: Marco Balscetta (voc)

Gleich auf den ersten Schlag, stark besaitet. Bass und Schlagzeug umspielten einen glühenden tonalen Kern. Mit ausnehmender Wendigkeit und Elastizität, gepaart mit melodischer und rhythmischer Raffinesse in einer ad lib-Zeitlichkeit. Hier war der Anstoß gegeben für die kommende ereignishafte Klangrede. Dieses unmittelbare Verständnis zwischen der zu den im heutigen Jazz-Biotop herausragendsten Nachkommenschafts-Koryphäen am Kontrabass zählenden Gina Schwarz und dem „Vom anderen Stern“- Schlagzeuger Jim Black war umwerfend, ließ nichts anbrennen und schon gar nicht locker. Folglich zentrierte sich dieser Energieschub zu einem offensiven, kochenden Groove, Jazzduktus meets Rockappeal, dem sich die drei restlichen Musiker frischen Mutes anschlossen und unumwunden bedacht waren dessen Wucht mit harmonischen Kleinoden weiter auszufüttern. Nachdem bei diesem Eröffnungsstück der Stimmperformer Balscetta, der in seiner Sangeskunst ein Konzentrat aus Charismatikern wie Beefheart, Morrison und Waits für sich verwandelte, eingestiegen war vollzog sich eine vertrackt eigenwillige Umdeutung deren Musik. Diese rhythmisch intensive, brodelnde Vielschichtigkeit mit den melodisch leuchtenden Ornamentierungen war der prägenden Impulsgeber sämtlicher Musik dieses Abends. Fortwährend zündeten Schwarz und Black die nächste Stufe, hieß, Schwarz durchmaß mit Bravour und Eleganz, auf den Herzschlag der Musik konzentriert, mit voluminösem Ton den Tonumfang ihres Instrumentes und in Blacks Händen schienen die Rhythmen wie Plastelin zu sein. Er formte, knetete, dehnte, zerriss, verknüpfte diese nach Belieben, eingetaucht in eine üppige perkussive Farbpalette. Außerdem spielten beide mit bestechendem Timing, welches auch gelegentlich lustvoll ausgehebelt wurde. Solistisch eine Hauptrolle bestritt der famose Holzbläser Rucker, der souverän mit Klangverschleifungen, Multiphonics, Changes in seinen brennenden, teils vor Intensität berstenden Soli verfuhr. Er hat die Tradition des afro-amerikanischen Tenorsaxophonspieles überzeugendst adaptiert, inklusive einer „Schleifpapier Ton“-Schattierung eines Shepp. Als zurückhaltender, überraschende Farbtupfer setzender Mitgestalter bewies sich Szeneurgestein Trixner, der bei dem einen oder anderen Solo seine reiche Musikalität in die Waagschale warf. Er wie Rucker trieben ihre Exkurse formgebend auch in freitonale Randbereiche. Lediglich Pianist Schatz wirkte einigermaßen unauffällig und gab sich in den Soli etwas zu steif und klassisch etüdenhaft. Derart aufregend klang die Gina Schwarz Unit, ein über jedwede stilistische Einzäunungen erhabenes, organisch voranschreitendes Kollektiv, in dem nicht alleine die Fähigkeit des Improvisierens von Bedeutung ist, sondern ebenso die vielgestaltigen, kompositorischen Entwürfe von Schwarz eine entscheidende dramaturgische Rolle einnehmen. Eines der kreativkräftigsten, besten heimischen Jazzensembles – schwarzes Gold.

 

SO 29. MAI 2016
Kirk`s Works
KIRK KNUFFKE TRIO
Kirk Knuffke (cornet), Mark Helias (b), Bill Goodwin (dr, perc)

Da setzt sich jemand ausschließlich mit dem Kornett auseinander. Einem Instrument, das in der Jazzhistorie eigentlich ein Schattendasein fristet. Derweilen entwickelte Louis Armstrong einst seine bahnbrechenden Visionen darauf und ein weiterer großer Jazzstilist nannte es sein Instrument: Bix Beiderbecke.  Zu ihrem Hauptinstrument machten es Nat Adderley, Clifford Thornton oder Butch Morris. Don Cherry, Thad Jones, Kenny Wheeler um nur einige wichtige Stilisten zu nennen, setzten es gelegentlich an die Lippen. In jüngerer Zeit reüssierte der schwarze Musiker Graham Haynes auf dem Kornett. Nun ist der aus Denver stammende in New York ansässige, deutsche Wurzeln aufweisende Musiker Kirk Knuffke angetreten dem Kornett wieder neuen Glanz zu verleihen. Knuffke wurde durch seine Zusammenarbeit mit Butch Morris bekannt und ist seitdem eine wesentliche, gefragte Stimme der zeitgenössischen New Yorker Jazzszenerie. In Europa ist er allerdings ein noch relativ unbeschriebenes Blatt. Mit zwei engverbundenen Musikern präsentiert er jetzt sein aktuelles Trio. Dessen evoziertes Klangbild ist ein sehr luftiges, transparentes und lässt viel Raum für Knuffkes geschmeidiges, wendiges Spiel, das er mit strahlendem, schneidendem Ton krönt. Allerdings beschnitt er mit seinem rigorosen Konzept, das eine Sammlung konziser Stücke vorsieht, die Möglichkeiten längerer Interaktionsbögen. Wodurch ein Eindruck des Unausgegorenen, des übermäßig Bruchstückhaften entstand. Dies wurde noch zusätzlich durch die verschleppten, etwas unentschlossen wirkenden Akzentuierungen und Interventionen des Schlagzeugers verstärkt. An sich überzeugten die Stücke, etliche als Hommagen an große Persönlichkeiten des Jazz konzipiert, so beispielsweise Steve Lacy, Sun Ra, Art & Jim Pepper, die einer modalen Textur versetzt mit einem libertären Modern Jazz-Verständnis zugedacht sind, durch melodische Raffinessen und groovige, rhythmische Sophistications. Letztere wurden  primär von einem überragenden Helias, umsichtig und überlegen, umgesetzt, da eben Goodwin oftmals zu zögerlich zwischen kolorierender, ungebundener Perkussivität und einhackendem “in time“-Spiel hin und her sprang. Wirklich packend geriet das Interplay zwischen Knuffke und Helias, da hier auch die verschroben schöne Ästhetik und die individuellen Klangqualitäten ihre Entsprechung fanden. Eine Formation jedenfalls in der etliches an Potential steckt und die ein wesentlicher Workshop von Knuffke bleiben sollte. Und dem Kornett lässt sich folglich zurecht wieder mehr Gehör schenken. 

 

DI 17. MAI 2016
Einmal Saturn und zurück
SUN RA ARKESTRA
Marshall Allen (as, ewi), Tara Middleton (voc, perc), Cecil Brooks (tp), Knoel Scott (ts, voc, dancing), Danny Ray Thompson (bs, fl), Dave Davis (tb), Dave Hotep (g), Elson Nascimento (perc), Stephen Mitchell (b), Wayne Anthony Smith jr (dr)

Sternzeit 170 520 1620´45“. Im Zuge ihres „never ending astral travelling“, welches nun schon unglaubliche 60 Jahre währt, dockten die Arkestrianer, die nun schon drei Generationen umfassen, unter der inspirierten Leitung von Sun Ra „Saxapostel“ Marshall Allen, sich im sagenhaften 92. Lebensjahr befindend,  an das österreichische Jazzclub-Mutterschiff Porgy an. Gewandet in ihre obligaten funkelnden Pailettenkostüme, erschienen sie auf der Bühne und swingten sich mit ungeheurem Esprit auf eine gemeinsame Wellenlänge ein. Diese bündelte sich in einem Jazzgestirn mit interplanetarischem Ansatz. So zogen gleich zur intergalaktischen Eröffnung in Up Tempo-Manier Stücke von Fletcher Henderson, Mitbegründer des großorchestralen Swing, in Arrangements die Sun Ra für das Henderson Orchester in den 1940er Jahren schrieb und nun von Allen mit kauzigen strukturellen Erweiterungen angereichert wurden, die er teilweise spontan bei seinen MitmusikerInnen anregte, ihre Umlaufbahnen. Trotz abgespeckter Bläsersection wirbelten jene typischen ineinandergreifenden Sätze von Blech und Holz prächtig voluminös durch den Raum. Dazwischen setzte Allen seine nie fehl am Platze sich befindenden exzessiven Glissandoketten mit schneidendem, schnörkellosem Ton in quirliger Beweglichkeit. Er verstand es bravourös mit diesen  konzisen Einwürfen/Soli spannungsintensive „Sonnenexplosionen“ auszulösen, die seine PartnerInnen enorm anstachelten. Wahrhaftigst erstrahlten diese Momente dann in den Sun Ra Klassikern mit ihren aufregenden polytonalen respektive afro-zentrierten, polyrhythmischen und in den „Outer Jazzspace“ weisenden Texturen, die leidenschaftliche Soli nach sich zogen. Speziell der Tenorist Knoel Scott, der seine Spielweise auf Einflüssen von Coleman Hawkins und Joe Henderson aufbaut, und auch kurze akrobatische Showeinlagen darbot, der Trompeter Cecil Brooks mit geradlinig strahlendem Ton und natürlich der unverwüstlich wirkende Allen, setzten zu intergalaktischen Höhenflügen an. Dazwischen gab´s auch einen Stopp auf Planet Blues, ergreifend intoniert von der souligen, ausdruckstarken Altstimme von Tara Middleton, aber auch banale Songfragmente mit skurrilen esoterischen Texten, die auch persiflierend verstanden werden können. Aber selbst solche Sequenzen oder altbackene Klanggefüge gestalten sich angesichts der außerordentlichen Vitalität und Spiellaune der kosmischen Kuriere wie Sternschnuppen. In diesem Ensemble verdichtet sich die komplette orchestrale Jazzgeschichte mit unbestechlicher Authentizität und es hält die Strahlkraft der Innovationen des musikalischen Kosmopoliten Sun  Ra weiterhin mit bemerkenswerter Lust und Hingabe am Leben. Trotz Retro-Bezügen glitt die Inszenierung nie in Peinlichkeiten oder Beliebigkeit ab. Selbst die unvermeidlichen Wanderungen durch den Publikumsbereich sind liebgewonnene Dramaturgien geworden. Und schon zogen sie weiter auf ihren „Spaceways“. Das war großer Sonnenaufgang.

 

DI 16. MAI 2016
Makin´ Jazz-Rock to Jack-Rozz
BILLY COBHAM BAND
Billy Cobham (dm), Steve Hamilton, Camelia Ben Naceur, (keys), Jean-Marie Ecay  (g), Christian Galvez (b)

Am Vorabend eines innerösterreichischen Wahldesasters mit den Folgen von viel gesellschaftspolitisch verbrannter Erde durch einen rechtspopulistischen Flächenbrand, jonglierte „Drum-Colossus“ Billy Cobham mit atemberaubendem Zauber mit einem Füllhorn an Off-Beats und Paradiddles und fulminanten, melodiesinnigen Schlagabfolgen auf seinem ausladenden, feinstens getunten Set, quasi einer Meta-Trommel“. Jedoch immer durchflutet von zwingender Musikalität. Man konnte einen aus dem „Jazzbauch“ kommenden Musiker erleben, der einer der ganz wichtigen Fährtenleger des „Jazz-Rock“, einer Ausrichtung im Windschatten von „Dark Magus“ Miles, war und ist. Wiewohl man der Stilistik einst keine Nachhaltigkeit zugestand, obschon sie sich zeitweise selbst einigermaßen verwässerte, hat sie aus heutiger Sicht sehr wohl unüberhörbare Spuren hinterlassen. Man denke nur an Kollektive wie e.s.t. oder The Bad Plus und Konsorten. Und Cobham vollführte eindrucksvoll wie Authentizität in diesem Genre, das er mit findiger Funkyness und Latin-Groovigkeit auflud,  klingt und man diese auf gültige Art ins Heute holt. Voraussetzung ist allerdings ein „Premier League“-Level. Musikalisch wie Instrumentaltechnisch. Mit beidem sind er und seine Truppe ausreichend gesegnet. Ohne Umschweife entfachte die Band, angetrieben vom unbändigen Drive und Kraftstoff Cobhams, ein Furioso an irrwitzigen strukturellen Abläufen - kollektiv oder stimmtragend ausgeführt. Faszinierend zu beobachten war, wie Virtuosentum nie dem Selbstzweck anheimfiel, sondern dem Überraschenden, dem Unvorherhörbaren, einer als technokratisch verschriehenen Spielweise den Raum öffnete. Es schienen rhythmisch wie metrisch keine Limits im engmaschigen Interplay der Band zu existieren. Standen zwar  Cobhams unantastbare Fähigkeiten im Fokus, waren diese jedoch nie von egomanischer Dominanz. Ein wunderbares Beispiel war z.B. die erfrischende Version des Cobham-Klassikers „Stratus“ innerhalb derer sich ein herrliches Gitarre/Schlagzeug-Duo herauskristallisierte, das auch die im Rahmen einer derartigen Spielhaltung mögliche Offenheit und Spontaneität darlegte. Auch sonst zeigten alle MusikerInnen in den Soli ein bestechendes Maß an Fantasie und Originalität. Die beiden Tasten VirtuosInnen lieferten, zumal nicht alle Sounds glücklich gewählt waren, in den Klangqualitäten von Mini-Moog und Rhodes mitreißende Beiträge, denen die zwei Saitenakrobaten in zumeist rockgetränkter Klangästhetik, die sie jedoch immer wieder ausweiteten, gleichwertiges hinzuzufügen wussten. Hier agierte eine Band die zu sich steht und sich gemeinsam trägt und, allen voran Cobham, überschäumende Spielfreude und packenden Spielwitz in die Nacht legte. Ganz großer „Shabazz“.

 

FR 13. MAI 2016
Das Lächeln des Drum Giant
AL FOSTER  QUARTET
Al Foster (dr), Dayna Stephens (ss, ts, ewi), Adam Birnbaum (p), Doug Weiss (b)

Schon die ersten Becken und Trommelschläge waren eine Offenbarung. Sie saßen genau dort, wo der Klang aufgeht. Und dann nahmen die fosterschen Zaubereien unaufhörlich ihren Lauf. Wieso Al Foster in den letzten beiden Dekaden in Miles Davis´ Schaffen dessen bevorzugter Partner am Schlagzeug war, ward einem auch wieder in Erinnerung gerufen. Ihm zur Seite standen eine Generation jüngere Musiker, die allesamt technisch versiert waren, das Real-Book aufmerksam durchgearbeitet haben, aber hinsichtlich der eigenen Note noch ordentlich feilen müssen. Doch der Genius von Foster, der erst einmal der Intuition seiner Partner einen gehörigen Schub verlieh, brachte selbst ausgelaugte Changes in den Soli seiner Buddys, abgedroschene Jazzstandardfloskeln oder trockenste Schlagzeug-Rudiments zum Glänzen. Faszinierend wie er, und dazu genügt ihm ein Standard-Set, Rhythmen übereinanderschichtet, kreuzt oder addiert bzw. ein Füllhorn an perkusssiven Klangfarben in den doch eher konventionellen Modern Jazz Impetus der Musik initiiert. Plötzlich stellten sich Fragen nach Stilistischem oder Aktuellem nicht mehr. In der Musik swingte unbändigst etwas berührend und authentisch Zeitloses. Was keineswegs verwunderlich ist, da Foster mit überschäumendem Einfallsreichtum den Beat modellierte, verlagerte, umspielte, das Tempo im richtigen Moment herausnahm oder forcieret – mit einer Leichtigkeit sondergleichen. Hinzu kommt noch dieser singuläre Schlagzeugsound, der auf der Verwendung von dicken Cymbals mit geringem Sustain und seinem nuancierten, patternbezogenen Melodieverständnis auf den penibel getunten Drums beruht. Im Repertoire des Quartetts fanden sich Originale der Bandmitglieder und überlegt gewählte Fremdkompositionen, darunter eine geschmeidig tänzelnde Version von Herbie Hancocks „Cantaloupe Island“, ein quirliger “Freedom Jazz Dance“ und als Zugabe eine Hommage an seinen Mentor Miles in Form einer höllisch groovende Variation von „Jean Pierre“. Al Foster – in time, out of stiffness. Ein wahrer „Weltmeister“ verschenkte mit strotzender Vitalität, fortwährend begleitet von einem strahlenden Lächeln, seine große Kunst. Die Schlagkraft positiver Vibrations lässt sich nicht so ohne weiteres beugen.

 

SA 30. APRIL 2016
Die Kunst des Weglassens
CHRISTIAN MUTHSPIEL & STEVE SWALLOW
Christian Muthspiel (tb, p, e-p), Steve Swallow (e-b)

JACKY TERRASSON TRIO
Jacky Terrasson (p), Thomas Bramerie (b), Leon Parker (dr)

Den UNESCO International Jazz Day, 2011 unter der Schirmherrschaft von keinem Geringeren als Herbie Hancock - in seiner Funktion als UNESCO-Botschafter für interkulturellen Dialog - ins Leben gerufen, feierte man hierzulande heuer mit einem umfangreichen Ö1-Jazztag. Unter der profunden Federführung des neuen Leiters der Ö1-Jazzabteilung und ausgewiesenen Jazzkenners Andreas Felber, widmete sich der Kultursender (der einzige wirklich, öffentlich rechtlich qualitative in diesem Lande) den ganzen Tag über in diversen Sendeformaten in unterschiedlichsten Zugangsweisen dem Jazz. Einer Musik, der Purismus, „Klangxenophobie“, nationalistisch kleingeistiges „Grenzzaunmanagment“ gänzlich fremd ist. Einer Musik also, die mondial blüht, von hybridem Streben geprägt ist und für die Musikgeschichte mit Beginn des 20. Jahrhunderts als Visionsinitiative, Impulsgeber und Weiterdenker, neben der Dodekaphonie von singulärer Bedeutung ist. Der amerikanische Jazzjournalist Kevin Whitehead schrieb in seiner wunderbaren Liebeserklärung an den Jazz („Warum Jazz? 111 gute Gründe): „Jazz ist eine Universum für sich selbst…Jazz kann von Noblesse, von Lust, von Humor gekennzeichnet sein und ebenso das Gehirn in Schwung bringen wie die Füße…Jazz ist faszinierend, da er die Erfindungsgabe eines Musikers auf die Probe stellt und ein Teilgebiet der afroamerikanischen Kultur ist, das Menschen auf der ganzen Welt anspricht. Das wäre aber nicht von so großer Bedeutung, wenn diese Musik nicht auch so gut klingen würde“.

Welch wahre Worte das sind, unterstrichen die beiden Konzerte an diesem Abend, die Andreas Felber gemeinsam mit Clubchef Christoph Huber aushirnte und die in der Sendereihe „On Stage“ live aus dem Porgy übertragen wurden. Ein stimmiges Ganzes und schlussendlich magischer Abend. Wieso?

Der begnadete Multiinstrumentalist Christian Muthspiel und der Bass-Gigant und E-Bass Erneuerer Steve Swallow verklangbildlichten ihr Programm „Simple Songs“. In knisternder Unaufgeregtheit und tonsetzerischer Überlegenheit erkundeten die beiden die emotionale Wirkung der Einfachheit in der Melodie und der Liedform. Sie verstanden sich blindlings  und jonglierten in ihren Dialogen mit großer Behändig- und Beweglichkeit mit dem konkreten Material. Aus den melodischen Linien und den akkordischen „Dramoletten“ lösten die Musiker behutsam ihre innigen, sinnesrauschigen Improvisationen. Thematisch schwadronierten die Songs durch Klangtopographien wie bluesgetränkter Soulfulness, so in einer Adaption von Miles berühmtem „All Blues“, einem irrwitzigen Walzer furioso, einem alpenländisch ethnischen-impressionistisch-neo-boppisch groovenden Patchwork oder einer ergreifenden Paraphrase über das Schubertlied „Mein!“. Zudem wurde vorgeführt, wie Schönklang eine Bedeutungsschwere angediehen lassen werden kann, ohne in die Harmoniesüchtigkeitsfalle zu tappen. Kontrastierend saß noch ein pirchnerscher Schalk in Muthspiels Nacken. Es war viel Mut im Spiel und schwalbenhaft motorische Virtuosität. Einfach gut. Die nachfolgende Performance des Terrasson Trios setzte dem Abend dann die Krone auf. Willkommen war hier im Besonderen auch die Wiederbegegnung mit dem lange abwesenden Ausnahmedrummer Leon Parker. Terrasson, dieser phänomenale, umfassend gebildete Pianist, hat die Kunst der Dekonstruktion/Neuordnung bzw. Revitalisierung von Fremdkomposition aus dem Jazz- und Popularmusikkanon zu höchster Reife gebracht. Mit Respekt und verehrendem Verständnis. Das expansiv interagierende Trio zelebrierte eine rauschende Feier des Melos und der Intuition. Durchstreift wurde das gesamte tonale Spektrum mit immer wieder überraschenden Ausweitungen der Funktionsharmonik bzw. metrischen wie rhythmischen Kapriolen. Letzteren huldigte vornehmlich Parker in famoser Weise. Welch klangliche und qualitative Buntheit er auf seinem spartanischen Set aus vier Trommeln und einem Becken, eine Hi-Hat hatte er zudem ausgespart, ausgoss, dass grenzte schon an Zauberei. Bravourös und sinnerfüllt nahm der Pianist das Material auseinander, filterte es wohldosiert durch diverse Stilistiken, von Bill Evans über Jarrett bis Taylor, und überführte es in seinen zutiefst eigenständigen Klangkosmos. Da fielen z.B. „Smoke Gets In Your Eyes“, „Smile“, Michael Jacksons „Beat It“, „Caravan“ oder Herbie Hancocks „Chameleon“ mit dem krachenden Bass-Vamp, in einen irisierenden Jungbrunnen. Stupend auch das umspannende Agieren des Bassisten. Beide Ensembles holten mit ausgesprochener Gegenwartsverankerung die Essenz der Musik an die Oberfläche - was einer Prämisse folgte: Klangkunst ist die Kunst des richtigen Weglassens. Schädeldecke hebend. Therefore Jazz.

 

SO 10. APRIL 2016
Schlagfertige Menschenmusik
TOM RAINEY TRIO
Ingrid Laubrock (ts), Mary Halvorson (el-g, devices), Tom Rainey (dr)

Als enorm gefragter Spielpartner bietet sich dem, mit umfangreicher Reputation ausgestatteten New Yorker Schlagzeuger nicht allzu oft Gelegenheit mit Projekten, denen er als „CEO“ – wie er es augenzwinkernd bezeichnet – vorsteht, „on the road“ zu sein. Derzeit tourt er jedoch mit seinem superben Trio durch die Lande, zu dem er zur Partizipation zwei hervorstechende, höchst eigenwillige Stilistinnen der jüngeren Jazzgeneration gebeten hat.

Ohne Umschweife hievte die Trias die Ereignishaftigkeit und emotionale Dringlichkeit der Musik auf ein zielstrebiges Niveau. Da jede(r) auch katalytisch seine Fähigkeiten in die Waagschale warf. Den Humus der determinationsfreien Improvisationen bereitete die flexibel meandernde Schlagwerkskunst Raineys, die in ihrer organischen Wechselwirkung zwischen Komplexität und Freimut in der Entwicklungslinie von Schlagzeuginnovatoren wie Motian, Williams oder Jones steht. Seine ausgeprägte Klanglichkeit und der melodische Feinsinn korrespondierten eindringlichst mit den harmonisch-melodischen Beweglichkeiten von Halvorson und Laubrock. So ließ er immer wieder schlichte 4/4-Beats mit multidirektionalen, geräuschimprägnierten Rhythmus-Katarakten in Austausch treten. Sowohl im Zeitmaß treibend als auch in offen flanierendem Zeitverlauf. Dieses permanente rhythmische Brodeln versetzten die beiden Musikerinnen, von Seiten Halvorsons, mit feinzisilierter Ornamentik, geformt aus ausdifferenzierten Akkordfortschreitungen und abenteuerlichen, teils sehr klug effektangereicherten Singlenotefolgen bzw. die Freitonalität ausreizende Ton/Geräusch-Unikate von Seiten Laubrocks. Beide Musikerinnen agierten zudem in einer bestechenden Bandbreite, von schlankem Ton mit lyrischer Färbung bis kernig kompromissloser Intonation reichend. Findig schöpfte das Trio für seine pluralistische Klangästhetik, wohldosiert, aus der Jazztradition gleichermaßen wie aus Klangeindrücken des Rockkanons oder der klassischen Avantgarde, was sie in spannungsdurchtriebene Crescendo-Decrescendo Abfolgen einbetteten. Faszinosum war schlussendlich die Wirksamkeit der subtilen Energetik, der vitalen, libertären Interaktion und die demokratische Achtsamkeit.

 

SO 20. MÄRZ 2016
Umdrehungen pro Minute
ORCHESTER 33 1/3
Gäste:  Isabelle Duthoit (voice, cl), Mats Gustafsson (bs), Franz Reisecker (g)

Diese großorchestrale Formation war das pulsierende Konzentrat von Christoph Kurzmanns musikalischer Ästhetik und Klangvision. Er ein hellwacher Zeitgenosse, Genreverweigerer und Charismatiker, Als Co-Konzeptionisten hatte er den Soundtüftler Christian Fennesz eingeladen. Um sich versammelten die beiden eine Horde spielwütiger Klangaktionisten, die alle möglichen Spielhaltungen abdeckten. Von Punk über Avant-Rock, Free Jazz/Improvisierte Musik bis zu elektronischer Soundware. Grenzzäune wurden niedergewalzt. Freigeistigkeit und Egalität, Respekt und Kollektivität wurden gelebt. Das war 1996. Dokumentiert auf dem als Intrada gezeigten, damals entstandenen 33 1/3 Minuten dauernden Dokumentarfilm. Zwanzig Jahre später kam es nun zur Wiederbelebung der orchestralen Idee und zur Revitalisierung des einstigen Programmes. Mit großteils MusikerInnen der nächsten Generation und ein paar Haudegen der 33 1/3 Ursuppe. Und das seinerzeit bestellte musikalische Freiland wussten die ProtagonistInnen unter den Anregungen Kurzmanns, der vornehmlich an Holzblasinstrumenten zu hören war, mit Hingabe und Einsatzfreude weidlich auszukosten. Die Dramaturgie der Performance war erfrischend durchdacht, Kleingruppierungen wechselten mit dem vollen Orchester, ebenso wie die Aggregatzustände mit all der sympathischen Imperfektion, die in brachialer Rockmotorik ausuferten, sich in kollektiven Furiosi entluden oder in introspektiven, elektronisch generierten Flächen ausdehnten. Ein illuminierendes elektro-akustisches Amalgam von nach wie vor prickelnder Energetik und unbändiger Vitalität. Die Lustbarkeit sprudelte nur so aus den MusikerInnen heraus und verpasste dem Klangkosmos seine gegenstrichige, wilde Schönheit von unverhohlen authentischer Gewichtung. Ein Glanzpunkt war die Eigendeutung von Michael Mantlers „Preview“ aus seinem legendären Album „Communication“. Großartiges Klanggestöber mit im ersten Teil einem himmelstürmenden Mats Gustafsson und im zweiten Teil einer grandiosen „Schreikantate“ von Isabelle Duthoit. Auch wenn einige Momente durchwachsen waren, speziell die kontemplativen Phasen haderten mit einer gewissen Starre, eingedenk allerdings der nur sehr sporadischen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, stand doch ein unverrückbares Statement der jüngeren österreichischen Musikgeschichte im Raum. Ein Orchester 78 hätte zweifelsohne seinen Reiz.

 

SA 19. MÄRZ 2016
The New Cool
JORGE ROSSY QUINTET
Jorge Rossy (vibes), Mark Turner (ts), Pete Bernstein (g), Doug Weiss (b), Al Foster (dr)

„Hauptinstrumental“ ist Jorge Rossy Schlagzeuger. Und ein außerordentlich guter noch dazu. Vor allem im Trio des Tastenmagiers Brad Mehldau hat er vielbeachtet aufgetrumpft. Bei gegenständlichem Projekt kapriziert er sich ausschließlich auf das Vibraphon. Den Schlagzeughocker hat er einem der ganz Großen in der Welt der Jazzrhythmik überlassen. Dem unvergleichlichen Al Foster (Miles Davis, Sonny Rollins usw. Sie wissen schon). Aber auch die anderen Positionen des Ensembles sind handverlesen. Charismatische Persönlichkeiten der heutigen Modern Jazz-Szene sind jene. Fünf distinguierte Herren betraten die Bühne und gaben gleich mit dem Opener den galanten „Laid Back“-Modus für die nächsten hinreißenden eineinhalb Stunden aus. Kreatürlich entspannt füllten die bestens harmonierenden Musiker die  komponierten Überbauten, deren raffinierte Einfachheit und melodische Grandezza überzeugten, mit Leben und entwickelten daraus ihre geschmeidigen, detailreichen Improvisationen. Die solistische Hauptrolle besetzte in souveräner Manier Mark Turner. Sein von Hawkins wie Rollins gleichermaßen angeregtes Spiel ruhte in sich und vollzog sich mit einer verblüffenden inneren Logik. Und er ließ den Tönen, die individuell markant eingefärbt waren, Zeit sich zu entfalten und formte sie zu, man möchte sagen, cooler Ereignishaftigkeit. In eben jenem Couleur gestaltete auch Pete Bernstein seine gediegenen Soli aus, die zuweilen in der Slow bzw. Mid-Tempo Umgebung der zumeist aus Rossys Feder stammenden Stücke, in einem spannenden Wechselspiel mit Turners Entäußerungen aufgingen. Rossy selbst bespielte das Vibraphon aus der Sicht des Zweitinstrumentes mit einfacher Schlägeltechnik – nicht mehr und nicht weniger.  Seine teils gefälligen Soli entbehrten jedoch der Eleganz jener seiner Partner. Dennoch hatten seine Beiträge im Kontext des Ensembles seinen Platz. Der überragende Musiker des Abends der das Geschehen wie eine Klammer zusammenhielt war Al Foster. Mit untrüglicher Übersicht, kolorierendem Fingerspitzengefühl und rhythmischer Präzision, was in einem enorm ökonomischen Spiel kulminierte, ließ er die Musik fliegen und war zugleich ihr Anker. Man tauchte schlicht und einfach in betörend schöne Musik, deren klassizistische, konventionelle Rahmenbedingungen eine originäre Belebung erfuhren. Die Konzentration auf Parameter wie Introvertiertheit, Kontemplation und dynamische Linearität könnte man als „New Cool“-Ästhetik umschreiben. 

 

MI 2. MÄRZ 2016
BassDrumPhone
DAVE HOLLAND TRIO
Dave Holland (b), Obed Calvaire (dr), Chris Potter (ts, ss)

Wenn es schon einmal angemessen ist, dann soll man sie ansprechen, die Sternstunde. An diesem Abend trug sie sich zu. Wir tragen jetzt keine Eulen nach Athen, die könnten wahrlich anderes gebrauchen, und breiten nicht seine grandiose Laufbahn hier aus. Der Name steht für sich: Dave Holland. Nur soviel: er ist eine der Lichtgestalten des Jazz und dessen begnadetsten Bassisten einer. In vornehm zurückhaltender Überlegenheit tat Holland kund, wie man die magische Kraft der Musik unumwunden zur Wirkung bringt und das Jazz ein unabdingbares, lebensdurstiges Kreativbiotop ist. Einmal mehr hatte sich der Bassist die richtigen Partner an seine Seite geholt. Einen veritablen Saxophonkoloss und langjährigen Mitstreiter in Person von Chris Potter, der kurzfristig für den verhinderten Gitarristen Kevin Eubanks einsprang, und den phänomenalen, farbigen Drummer Obed Calvaire, der Jüngling unter den dreien. Alleine in der personellen Rochade zeigte sich schon die außerordentliche Improvisationsgabe der Protagonisten. Doch hinein in das Klangbad. Quasi im Moment war das Trio in der Musik. Mit gehaltvollem Ton und Geschmeidigkeit par excellence, fortan spannungsinfiltrierende Wendungen vollziehend, verantwortete Holland jenes entschlossene innere Gefüge , das der Musik die Kontinuität sicherte, diese sich aber auch an die Randzonen ausdehnen ließ. Das komplette modale Universum schien durchschritten. Ausgeführt in einem kontinuierlichen Flow in dem die Themenmotive, alles Eigenkreationen der Musiker, von balladesk bis hitzig groovend angelegt, und Moods nahtlos ineinander flossen. Als Überleitungen fungierten solistische Preziosen oder improvisierte Dialoge. Schon zauberte Holland erneut eine packende Hookline hervor-das Tonkonstrukt atmete, Calvaire jonglierte im nächsten Moment auf atemberaubend spielerische Weise mit Time und Metren, Off, Back und Down Beats – boppig swingend, funkig trocken, freimütig pulsierend. Darüber breitete Potter seine improvisatorische Kunstfertigkeit, gespeist aus reichhaltigstem melodischen Fundus, mit gewinnender Lässigkeit aus. Sein Spiel widerspiegelte die Errungenschaften des Jazzsaxophones, transformiert durch seine eigenen sheets of sound und Intonation. Wie überhaupt das Feuer des wegweisenden, legendären Sonny Rollins Trios auf dem Niveau eines einmaligen Kommunikationslevels neu angefacht wurde. Herzerfrischend war es zu hören wie Freiheit in diesem Trio pluralistisch gelebt wurde. Offenen Geistes wurden diverse Parameter des „modernen“ Jazzkanons aufgegriffen, individuell beleuchtet und weitergeführt - in dynamischer Feinabstimmung. Holland wirft den Schatten wieder einmal weit voraus. Bass is, Music is. 

 

DI 23. FEBRUAR 2016
Wonnevolle Wassermusik
ANDY SHEPPARD QUARTET
Andy Sheppard  (ss, ts), Eivind Aarset (g, electronics), Michel Benita (b), Michele Rabbia (dr, perc)

Audiophile Weichzeichnungen zogen ihre Bahnen durch den Äther. In rhythmische Behutsamkeit gehüllt, der jede Menge perkussiver Details und geschmeidige ostinate Figuren eigen waren. Schlagzeug und Bass taten sich da gütlich daran. Die E-Gitarre gekoppelt mit diversen elektronischen Devices entwarf ein sphärisches Klangumfeld, welches dann doch zu sehr in fatalistischem Schönklang dahin wogte. Diesem Ambiente verpflichtet sangen die Saxophone ihre weitgeschwungenen, verklärten Kantilenen. Deren Jazznimbus war jedoch stark von Folklorismen domestiziert. Man badete in pastelligen Romantizismen. Dargebracht wurden diese konsonante Innigkeit vom britischen Saxophonisten Andy Sheppard, eine prägende Persönlichkeit des zeitgenössischen Jazz mit beachtlicher internationaler Reputation, und seinem neuen Quartett mit dem er dessen aktuellen Tonträger „Surrounded by Sea“  promotete. Auffallend war, dass Sheppard häufig seinen markanten, satten Ton mit „Garbaresken“ anreicherte, ungewohnt bedächtig wirkte, in vielen Stücken der spezifisch nordischen Jazzästhetik frönte und zu melodramatisch agierte. Demzufolge haftete der Aura  der kurzgehaltenen Klangträume ein gewisses Gleichmaß an. Im zweiten Set schraubten die Musiker den Energielevel denn doch deutlich in die Höhe. In zwei längeren, sehr offen angelegten Zwischenspielen, schlug das Geschehen entsprechend hohe Wellen, trat über die Ufer, verschrieb sich dem Wagemut. Sheppard brillierte mit einem zirkularbeatmeten Sopranexkurs einerseits und forcierendem Tenorausbruch andererseits. Aarset schickte plötzlich rotzige, rockgetränkte Soundwaves ins Rennen. Emotionale Buntheit kehrte ein. Aber von der Wohlklang-Süffigkeit konnte man folglich doch nicht lassen. Tiefen Eindruck hinterließen jedenfalls der famose kompakte Bandsound und das kongeniale Interplay. Auch die Authentizität stand außer Frage. Dennoch war´s ein Zuviel der funktionsharmonischen Opulenz und der neuen Biedermeierlichkeit, die eine fixe Konstante im heutigen Jazzgeschehen darstellt. Aber Dialektik belebt ja.

 

SO 7. FEBRUAR 2016
Heavy ORGAN-isation
OLIVER LAKE ORGAN QUARTET
Oliver Lake (as), Josh Evans (tp), Jared Gold (hammond organ), Chris Beck (dr)

Als „The Beast“ wird die Hammond Orgel im Jazz-Jargon auch gerne bezeichnet. Und um dieses nicht nur optisch protzige, sonder auch klangmächtige Instrument gruppiert der afro-amerikanische Saxophonist Oliver Lake sein aktuelles Projekt. Lake verschaffte sich als charismatischer Stilist und innovativer Komponist im freigeistigen Jazz der 1970er Jahre, mit seiner pluralistischen Jazzkundigkeit, aufmerksamstes Gehör und ist bis heute eine prägende und gewichtige Persönlichkeit geblieben. Seine musikalischen Großtaten sind hinlänglich bekannt, seine Expetimentierfreudigkeit ungebrochen. Mit jenem Projekt bekräftigt er erneut seine Verwurzelung in der schwarzen Tradition. Die pflegt er allerdings nicht museal, sondern fürs Leben spielend. Soll heißen, er erschafft dadurch seinen eigenen, nonkonformistischen Weltenklang. Um diesem eine neue Farbenuance hinzufügen zu können, versammelte er drei herausragende, enorm versierte Musiker in seinem Organ Quartet. Stand die Orgel zwar namentlich im Mittelpunkt, so war praktisch eine von Lake umsichtig und unaufdringlich gelenkte paritätische, instrumentelle Sozietät vorhanden.  Als perfekter Humus der Musik dienten die von Lake konzipierten und arrangierten, relativ kurz bemessenen Stücke, in denen erneut seine große Meisterschaft einer Symbiose aus raffiniert gebauten, ausnotierten Segmenten und improvisatorischem Freiraum, sowie der Anregung zu kollektiver und solistischer Kreativität zum Vorschein kamen. Begeisternd mit welch Wendigkeit weitläufige Polytonalitäten, in teils abstrakten Verästelungen, respektive ausgefuchste kontrapunktische Texturen kollektiv in Szene gesetzt wurden und nahtlos zu wildwuchernden, sich keinerlei Schranken auferlegenden Improvisationen aller, aufbrachen – immer die Übersicht behaltend. Gold, der einzige Weiße des Ensembles, kennt die Geschichte der Hammond genau, brach aber deren Sonorität geschickt und weiterführend mit geballten Clustern und metrisch gelösten Schwellklängen auf. Rhythmisch auf agilste gepuscht von Chris Beck, der sein Membran-, Metallophon-Set mal in time und dann wieder time out in Vibration brachte.  Davon beflügelt zeigten sich der famose Trompeter Josh Evans, der den regulären, ebenso begnadeten Blechbläser der Band Freddie Hendrix vertrat, mit Veräußerungen von inbrünstigem Feuer und emotionaler Tiefe und natürlich der Saxophonkoloss Lake, in dessen Spiel jeder Ton nach wie vor ein impulsiv vitales, quirliges Elementarteilchen darstellt. Durchflutet vom nachhaltigen Vermächtnis zweier anderer Koryphäen und großer Post Parker-Stilisten des Altsaxophones Eric Dolphy und Jackie McLean. Ein Quartett von ziemlich besten Partnern.  

 

MO 1. FEBRUAR 2016
Instabile Klangarchitektur
JEMEEL MOONDOC QUARTET
Jemeel Moondoc (as), Matthew Shipp (p), Hilliard Green (b), Newman Taylor Baker (dr)

In der letzten Dekade bestand nur ein sehr geringes Interesse seitens europäischer Veranstalter an den musikalischen Visionen dieser schillernden Persönlichkeit. Glücklicherweise gibt es in dieser Stadt einen Club der dieser Nachlässigkeit jetzt ein Ende setzte. Jemeel Moondoc avancierte in den 1970er Jahren zu einer der neuen, belebenden Stimmen der sogenannten Loft Jazz-Bewegung. Man erinnere sich nur an die auf der Platte „New York Live“ verewigte irrwitzige, dahin rasende Version seines Quartetts Muntu von „Salt Peanuts“. In den Jahren trat seine musikalisches Schaffen immer wieder in den Hintergrund. Jetzt meldete er sich mit neuem Quartett, dem auch der fantastische Matthew Shipp angehört, zurück.

Den Beginn des Konzertes hatte das Quartett konventionell angelegt. Das längere, einer Post-Bop-Diktion folgende Stück, diente als warm up bzw. als Plattform für improvisatorische Exkurse jedes Einzelnen. Das dabei Gehörte muss als durchwachsen umschrieben werden. Lediglich Shipp zeigte sprühende Fantasie, setzte fassettenreiche Initiativen, trieb die Musik voran.  Nichts desto trotz offenbarte sich eine gewisse Unschlüssigkeit und Zerfahrenheit in der Interaktion heraus. Moondocs sonst so wendiges in verschlungenen Legatobögen meanderndes Spiel mit dem schneiden Ton wirkte doch einigermaßen flapsig und das Rhythmusteam zeigte Unentschlossenheit, da der steif wirkende Schlagzeuger Baker zu den kraftvollen walkenden Basslinien Greenes nicht aufschließen konnte. So hinterließ das erste Set ein laues Gefühl. Im zweiten Set fing die Band dann doch entsprechend Feuer. Es war die lässige „Looseness“ in ihrem Agieren, sprich jeder folgte seinem eigenen Tempo und die Musiker bezogen sich nur auf wenige vordefinierte Parameter – wie eine pentatonische Skala oder ostinate Riffs, die die freie Interaktion florieren ließ. Was stark berührte war die Authentizität und die Unmittelbarkeit der Spielhaltung des Quartetts. Demzufolge wehten Geist und Seele der Great Black Music vehement herüber. 

 

DO 21. BIS SA 23. JANUAR 2016
Multidirektionales Trommelfeuer
PORTRAIT – WOLFGANG REISINGER

Im Englischen gibt es den so poetisch klingenden Begriff “Prompter”. Dies meint weit gefasst den/die  Souffleur/ Souffleuse, den/die VeranlasserIn, den/die InitiatorIn. Als solcher Prompter, mit riesigen Ohren und einem außerordentlichen, verbindenden, sensitiven Gespür, setzte sich einmal mehr der famose, erfahrene Wiener Masterdrummer Wolfgang Reisinger im Zuge seines drei Tage währenden Porträts in Szene. Binnen kurzem war einem wieder bewusst, welche musikalischen und im Speziellen schlag(über)zeugende Marksteine dieser wunderbare, sympathische Musiker in der österreichischen Jazzszene in den letzten drei Dekaden gesetzt hat und diese immer wieder neu vermisst. Gleichwohl als aktiver Musiker wie auch als Pädagoge. Für dieses besagte Porträt hat Wolfgang Reisinger eine stimmige Werkschau, von langlebigen Projekten mit alten Meistern – wie etwa J.P. Céléa, Dave Liebman, Wolfgang Mitterer, Franz Hautzinger – bis zu aktuellen Kooperationen mit den jungen Chicagoer MusikerInnen und dem Georg Graewe Trio reichend, arrangiert. Jedem der Projekte haftete ein eigenwilliger Mood und eine charakteristische Klangästhetik an. Jene Eigenschaften finden sich ebenso in Reisingers unverkennbarem Personalstil, respektive in seinen musikalischen Konzepten. Geprägt sind diese von differenzierter formaler Strukturierung und überlegter Offenheit, bei gleichzeitiger flexibler Organisiertheit. Improvisation und Komposition bilden keine separaten Blöcke sondern leben ein dialektisches Verhältnis. Und was er vor allem in seinem vielschichtigen, findigen Spiel unterstreicht, ist die Ausformulierung eines zwingenden Mittels aus Weichzeichnung und schroffer Kontur im Wechselspiel von rhythmischer Periodizität und losgesagter Fließbewegung. Was ihm auch noch fremd ist, ist ein Kaprizieren auf einen bestimmten Stil. So umspannt Reisinger in seiner Musik organisch und behände Jazz, freie Improvisation, Avant-Rock und Neue Musik-Maxime zu einem luziden Klangkosmos Marke Eigenbau. Außerdem präsentierte Wolfgang Reisinger, der auch immer seine Sensoren nach jungen Talenten ausstreckt, zwei Entdeckungen. Die erste war Teil des Trios YESS ORNETTE – Reisingers nach wie vor blühende Frankreich-Connection. In Person des außergewöhnlichen jungen französischen Saxophonisten Émile Parisien. Dritter im Bunde ist der fantastische Bassist Jean-Paul Céléa. Wie der treffende Name des Trios unmissverständlich andeutet, dreht sich in dessen Musik alles um den musikalischen Nachlass des großen Ornette Coleman. Überraschend war alleine schon die Auseinandersetzung mit Colemans Musik in dieser Besetzung und die Konzentration Parisiens ausschließlich auf das Sopransaxophon. Auf diesem bestach er mit grandioser Intonation und Tonbildung, gepaart mit außergewöhnlichem Sinn für den Melos. Spannungsgeladen war die Herangehensweise an das colemansche Oeuvre. Primär tauchten die Themenentwürfe Colemans aus dichtgewobenem Interplay unverhofft auf und trieben in sowohl konkret umrissenem wie auch frei ausgebreitetem Umfeld dahin. Konzise und konzentriert ausformuliert. Diese Würdigung wurde der Coleman-Diktion der Egalität von Melodie, Harmonie und Rhythmus eindrucksvoll gerecht. Ein explodierender Auftakt. Das zweite Set des ersten Abends bestritt der „Schlagmann“ mit seinem jüngsten Projekt, dem ELASTIC CHICAGO QUARTET – Jaimie Branch (tp), Paul Giallorenzo (keys), Jason Roebke (b). Unter Einsatz minimaler Instruktionen, die sich ausschließlich auf Klangqualitäten beschränkten, traten die MusikerInnen in assoziative Kommunikation. Spontane Klangfindungsgabe und momentbezogenes Formbewusstsein waren hier gefordert. Die frei improvisierte Interaktion war beweglich und entschleunigt, aufbrausend und lyrisch und von substantieller Binnenstruktur. Dennoch geriet der lange Ereignisbogen mit Fortdauer zu langatmig und die Spannkraft hing etwas durch. Die junge Trompeterin war Entdeckung Nr. Zwei. Mit druckvollem Spiel und scharfem Ton, den sie durch das komplette Register ihres Instrumentes jagte und einer in diesen jungen Jahren erstaunlichen Souveränität im Jazzvokabular, setzte sie das eine ums andere Mal gleißende Blitzlichter. SPIRITS nennt Wolfgang Reisinger sein Work In Progress-Projekt zu dem er zur Eröffnung des zweiten Abends langjährige und neue Weggefährten zusammengetrommelt hatte. In Aktion traten John Schröder (g, keys), Franz Hautzinger (tp, devices), Karl Ritter (g) und Clemens Salesny (bcl, as). In diesem Fall war der ausgedehnte Entwicklungsverlauf von dringlicher und gewichtiger Inhaltlichkeit. Mit einer dichten kollektiven Geste vertonten die Protagonisten Reisingers lodernde Affinität zur elektrischen Periode von Miles Davis. Im zweiten Set kam einer der großen Stillisten der dem Free Jazz nachfolgenden Loft-Jazz-Bewegung ins Spiel: David LIEBMAN (ss, ts, flutes, p). Mit ihm und Jean-Paul CÉLÉA (b) unterhält REISINGER ein langlebiges Trio. Zum gegebenen Anlass endlich wieder zusammengekommen, nahmen die drei Könner den Faden sofort wieder auf  und inszenierten aus dem Stehgreif ein strotzendes, aus dem Jazzkanon der letzten vier Dekaden gespeistes Klangkompendium, dem ein paar motivische Inseln eingewoben waren. Angelpunkte dieses offensiv befreiten Diskurses waren die melodischen und rhythmischen Finessen die mit einer stupenden Leichtigkeit ausgebreitet wurden. Liebmanns Vitalität und Ideenreichtum waren von zusätzlicher Brisanz. Als Nachschlag gesellte sich Èmile Parisien hinzu und man spielte eine hinreißendes Potpourri aus zwei Klassikern der Free Jazz-Literatur: Ghosts und Lonley Woman.  Den Finaltag leitete das seit ca. zwei Jahren bestehende GEORG GRAEWE TRIO ein. Der aus Deutschland stammende Pianist und Wahlwiener lud zwei der profundesten österreichischen Improvisatoren hinzu. Eben Wolfgang Reisinger und den begnadeten Bassisten Peter Herbert. Als verschworene Einheit formulierten sie eine weitere ergreifende Variante von Graewes Konzept einer feingezeichneten Echtzeitmusik, in die er sporadisch auftauchende Richtungsweiser integrierte. Der entscheidende Entstehungsprozess der Sonic Fictions, so bezeichnet Graewe u.a. seine Klangschöpfungen, beruhte auf sensorischer Interaktion, blitzschnellem Reaktionsvermögen und sprießender Fantasie der Protagonisten. Klangeindrücke und –qualitäten abendländischer Tonorganisationsprinzipien verschmolzen mit Formalisen des Jazzduktus auf elementare Weise. Aus den Tasten ergossen sich fließende Arpeggien und perlende Tonketten, die vom Bass mit klangmächtigen Singlenotes oder Akkorden in stoischer Genauigkeit und bestechendem perkussiven Kolorit des Schlagzeuges, in einem prinzipiell rubatierenden Zeitmaß, feinsinnig komprimiert wurden.

Schlusspunkt des fulminanten Porträts war Reisingers besetzungsmäßig rochierendes Projekt REFUSION – ein polystilistisches Konglomerat. Diesmal unter Beteiligung der MusikerInnen des Elastic Chicago Quartets zuzüglich Dave Liebman, John Schröder (g), Wolfgang Mitterer (electronics) und Raphael Preuschl (e-b). Als Reisinger erstmals Miles Davis Bitches Brew hörte, so erzählt er, war er überwältig von diesem Klangdschungel und ihm war klar, da wollte er hinein. Und so klang er aus Reisinger Sicht. Berauschende Aggregatzustände die nie kollabierten, sondern mit ausgefuchsten Nuancierungen spielten. Auf einem kochenden Fundament der beiden Bassisten aufbauend, das Reisinger inspirierend anreicherte bzw. in das er sich subtil groovend einklinkte, extemporierten die restlichen MusikerInnen voll Esprit, berstender Energie und herzhafter Lust. Das Potential reichte von noisig-trashigen Interventionen, zu an die Grenzen der Tonalität stoßenden Soli. All das kulminierte in einem brüllenden Kollektiv aus dem heraus schlussendlich eine famose Version eines Themas von Davis´ On The Corner LP leuchtete.  Durchschlagende Begeisterung. 

 

FR 1. JANUAR 2016
Berauschende String-enz
KARL RATZER SEPTET
Karl Ratzer (g, voc), Peter Tuscher (tp), Johannes Enders (ts), Ed Neumeister (tb), Larry Porter (p), Peter Herbert (b), Howard Curtis (dr)

Ein liebgewonnener Usus über die Jahre sind die beiden Konzerte zum Jahreswechsel, eines zu Silvester, eines am Neujahrstag, von Altmeister Ratzer geworden. Mit ansteckender Gelassenheit swingte sich Ratzer mit seinem handverlesenen Septett mit dem neuen Jahr ein, nachdem er und seine Mannen tags zuvor mit ebensolcher Lässigkeit das alte ins Ausgedinge schickten. Von diesmal besonderer Spielfreude angetrieben, flogen die Klänge irrlichternd durch den Club, was nicht zuletzt an einem Ratzer in bester Feierstimmung, die er mit launigen Ansagen anreicherte, lag. Er feierte „seine“ Musik. Eine Musik deren Nährboden die Tradition des Bebop ist, die aber auch elegant funkende Appetithappen in Hard Bop-Manier auftischt.  In authentischster Weise fließt all das durch sein geschmeidiges, an Jazzgitarren-Legenden wie Kenny Burrell, Barney Kessel und Jim Hall geschultes Gitarrenspiel. Seine Mitstreiter sind ihm hellwache, ideenreiche Partner, die seinem musikalischen Credo einer beseelten Klangkunst voll des Herzblutes, hingebungsvoll zusprechen. Grundstock des Programmes waren originäre, von eigener Handschrift geprägte Deutungen von Stücken aus dem „Great American Songbook“. Platz für Eigenkompositionen des einen oder anderen fand sich jedoch ebenso. Eindrucksvoll und überzeugend verlautbarte dieses eingeschworene Kollektiv wie man im „In the Tradition“-Gestus Abgedroschenheit umspielt und formalistische Gegebenheiten befeuern und auffrischen kann. Sowohl in der begleitenden Rolle - es war eine Ohrenweide zu hören wie spontan Ratzer mit fixierten Akkordprogressionen umgehen kann oder Peter Herbert Basslines ausweitete, immer eng vernetzt mit den ungemein beweglichen Schlagfiguren von Howard Curtis - oder eben solistisch, wie der Leader und die kompetenten Bläser, Ed Neumeister mit phänomenaler Dämpfertechnik, mit souveräner Kundigkeit des Jazznukleus zum Besten gaben. Lediglich Pianist Larry Porter verblaste dagegen ein wenig. Und da war noch als I-Tüpfelchen das gelegentliche schädeldeckenhebende Croonen von good old Charlie. While his guitar coolest swung. Somit, das neue Jahr kann kommen.

 

SA 14. NOVEMBER 2015
TERRY BOZZIO solo

Er war in den 1970er Jahren die schlagzeugende Ausnahmeerscheinung in Frank Zappas Talentschmiede.  Über die Jahre entwickelte sich dieser Schlagzeugtitan zu einem universellen Musiker mit einer ausdifferenzierten Spielweise und Klangsprache. Gewandt bewegt sich Bozzio durch unterschiedlichste musikalische Gefilde. Von Jazz über Rock, ethnischen Musiken bis zur avancierten Klassik. Er spielte an der Seite von Jazz- und Rockgranden wie Joe Henderson, Tony Coe, Brecker Brothers oder Jeff Beck. Seine Österreich-Connection bestand vor Jahren in der Zusammenarbeit mit Alex Machacek und Gerald Preinfalk bis hin zum Barden André Heller auf dessen legendärer Platte „Basta“. Eine Sonderstellung im zeitgenössischen Musikzirkel nimmt er hinsichtlich seiner Schlagzeug-Soloperformances ein. Mit einem singulären Set aus einer Unmenge von getunten Trommeln, feinstens aufeinander abgestimmten Cymbals, Gongs und sonstigen Perkussionsinstrumenten. Das perkussive „Meta-Instrument“ nahm sich wie eine Skulptur von Jean Tinguely aus und füllte fast die ganze Porgybühne aus. Bozzio entfachte darauf ein Feuerwerk an polyrhythmischen Schichtungen aus irrwitzigsten Kreuzrhythmen und addierten Rhythmen, zuzüglich eines ausgereiften melodischen Vokabulars. Vom Schema her funktionierten die meisten Stücke allerdings auf ähnliche Weise. Über einer Hookline, abwechselnd gespielt auf sechs Bassdrums, ergossen sich Bozzios Melodiebauten. Alles hat er penibelst ausgecheckt, was jedoch einiges von der musikalischen Magie raubte. Demnach darf die musikalische Notwendigkeit und Substanz in Frage gestellt werden. War das ganz doch eher ein eindrucksvoller Showcase für Bozzios stuppende Technik, seine akrobatischen Fähigkeiten und sein profundes Rhythmusverständnis. Seine Stärke ist die Rolle des druckvollen Motors einer Band. Nichts desto trotz ist dieses Trommel-Recital ein authentisches Projekt mit Alleinstellungsmerkmal. Jedoch einmal gesehen, gehört ist ausreichend.

 

MI 4. NOVEMBER 2015
WADADA LEO SMITH
Wadada Leo Smith (tp, electronics)

Die Intimität auf der Bühne, ein vital wirkender Mann älteren Semesters mit seiner Trompete vor einer weißen Leinwand, wurde auf ernüchternde Weise vom Publikumszuspruch reflektiert. Derweilen stand Leo Smith da oben. Eine der zentralen Avantgardefiguren der Chicagoer  „Creative Music“-Szene rund um den Kreativpool AACM. Er entwarf einen verquer sinnlichen, konkreten Erzählfluss anhand einiger energischer Dramolette. Diese formten sich, auf Basis von Tönen die in ihrer Tonhöhe und Tondauer indeterminiert waren, ebenso zu Legato- wie Stakkatoabläufen. Das Ambiente des Monologes verstrahlte eine Sprödigkeit und Brüchigkeit, was häufig Zerissenheit zur Folge hatte. Demzufolge staute sich der Klangfluss auf und verlor des öfteren seine innere Spannkraft. Dennoch, die Substanz des Gespielten und die Strahlkraft von Smiths Ton glichen vieles aus. Mit beeindruckender Schonungslosigkeit und Konsequenz legte der Trompeter seine Gefühle offen – die Nacktheit und Verletzlichkeit der künstlerischen Seele. Die teils begleitenden Visuals waren keine wirklich erhellende Zutat, ebenso wie der einmalige kurze elektronische Klangexkurs, der einem Science Fiktion Film-Gezirpe ähnelte. Summa summarum: zwingende Erzählkunst.

 

DO 29. OKTOBER 2015
Alto-Madness
GARY BARTZ QUARTET
Gary Bartz (as, ss, voice), Barney McAll (p), James King (b), Greg Bandy (dr)

SA 31. OKTOBER 2015
LEE KONITZ & JEFF DENSON TRIO
Lee Konitz (as, voice), Dan Zemelman (p), Jeff Denson (b, vocals), Alan Hall (dr)

Auch er, Gary Bartz, erlangte die letztendliche Schärfung seines musikalischen Profils durch die Zusammenarbeit mit Miles Davis in den frühen 1970er Jahren. Diese Zusammenarbeit ließ ihn auch das musikalisch Eigene finden. Eine Musik von hymnisch singender Intensität mit markanten melodischen Themen und packenden Grooves in denen das afrikanische Vermächtnis mitschwingt und das Jazzerbe mit Soul und Funkbezügen aufgefettet wird. Von nach wie vor schneidener Prägnanz ist sein Ton und seinem intonationssicheren Spiel ist noch immer jene überraschende Flexibilität eigen. Mit dem Alter, das unterstrich dieses Konzert,  ist auch Bartz konformistischer geworden und deutlich dem konventionellen Jazzduktus zugetan. Wiewohl er in einer launigen Ansage betonte, dass er, wie soviele andere seiner KollegInnen, den Begriff Jazz ablehne. Darin manifestiert sich eine afro-amerikanische Haltung.Der Saxophonist brachte eine solide Band mit, die ihm den Nährboden für seine phantasievollen Improvisationen bereitete. Dennoch ließen auch Bartz´ Partner, vom Drummer abgesehen, improvisatorische Einfallskraft einfließen. Vor allem Pianist McAll, der „Benjamin“ und einzige Weiße der Truppe, war diesbezüglich auffallend und er hielt neben  dem harmonischen ebenso das rhythmische Gerüst beisammen, was den zeitweilig sich in zu viel Lässigkeit und Ungenauigkeit verlierenden Schlagzeuger entlastete. Gelegentlich hatte dessen Agieren etwas freimütig Sympatisches an sich, doch mit Fortdauer brachte er die Musik immer wieder in zerfransende, unrunde Bewegung.  Am Ende wars ein lebendiges, authentisches Momentschaffen einer charismatischen Jazzpersönlichkeit. Weniger „Uhuru Bush Music“, als vielmehr „52nd Street“-Reminiszenz.

Ein völlig diametraler Ästhet ist der 1927 (!!) geborene Altsaxophonist Lee Konitz, einer der letzten noch lebenden Giganten des Jazz. Einer der nachhaltig  Jazzgeschichte geschrieben hat, diese noch immer belebt, neue Klangqualitäten eingebracht hat und die sogenannte „Cool“-Ästhetik neben Lennie Tristano entscheidend prägte. Seine von einem vibratolosen Ton, der mittlerweile einen luftige Expressivität aufweist, gekennzeichnete Legatospielweise, die er zu eindringlichen Klangbändern, die im Mezzoforte-Bereich herumflanieren, verknüpft, hat nichts an Eleganz, Frische und Imaginationskraft verloren. An diesem Abend konnte man beeindruckt und ehrfürchtig Zeuge davon werden. Mit den um sicher vierzig Jahre jüngeren Partnern des Jeff Denson Trios, mit dem Konitz seit einigen Jahren arbeitet, hat er kongeniale Klangpoeten gefunden. Welche, die seinen kautzigen Lyrismus und dessen lineare Fortschreitung inspiriert tragen. Mit subtilen Walkingbass-Linien und melodisch farbigem Arco-Spiel von Denson, reduktionistischer Akkordik, sensibel ausgebreitet, vom Pianisten, der aber ein wenig zu häufig im mittleren Register seines Instrumentes verweilte und somit oftmals die Kontrastierung zu Konitz schuldig blieb, und einem Schlagzeuger der ein wahrer Klangkolorist ist und mit seinen Aussparungen im Spiel einerseits die Spannung noch oben schraubte und andererseits durch unorthodoxe Akzentuierungen die Motorik der Musik entscheidend vorantrieb. Als Novum stellt sich Konitz` gelegentlicher Stimmeinsatz dar, er sang mit Spielwitz gepaart sozusagen seine Saxophonlinien, was ihn als coolsten non-verbalen „Crooner“ auswies. Hingegen die Gesangseinlagen des Bassisten über Standards wie „Body & Soul“ oder “Skylark“ stellten die Notwendigkeit in Frage. Apropo Standards, einmal mehr demonstrierte Konitz auch seine große Kunst, Standards bis auf´s Skelett entkleiden und ihnen eine neue Haut überziehen zu können. Absolute-Lee amazing.

 

FR 10. BIS SO 12. APRIL 2015
Die Verortung der Erinnerung unter Gebrauch der Vision
PORTRAIT FRANZ KOGLMANN

Eine würdige, markante Stimme der österreichischen Szene welche sich im Sog der Post Free Jazz-Haltung ihr Terrain eroberte, manifestiert sich in der Person des Trompeters und Flügelhornisten Franz Koglmann. Ein Musiker der einerseits mit den letzten bahnbrechenden sowie radikalen Umwälzungen im Jazz in den 1960er Jahren und mit den wegweisenden Entwicklungen der Wiener Klassik bzw. den nicht minder radikalen Ideen der Dodekaphonie der Wiener Schule sozialisiert wurde. Aus eben diesen Musikästhetiken schuf Koglmann ein zutiefst eigenständiges Klangbild, das in seinem grundsätzlichen Wesen einer europäischen Klang- und Formqualität zugeneigt ist. Aber doch auch ausreichend, wie es Koglmann lakonisch formuliert, Jazz zulässt. Letzteres betreffend, mit einem ausgeprägten Hang zum „Cool Jazz“ und dem daraus resultierenden „Third Stream“, was sich ja auch in der Zusammenarbeit mit Lee Konitz niederschlug. Koglmann bezeichnete diese Spielauffassung seinerzeit wellenschlagend als die weiße Linie im Jazz. Gemeint hatte er damit, fernab jeglichen Rassismus, einen wichtigen Beitrag zur im Wesentlichen von der schwarzen Community getragenen amerikanischen Jazzgeschichte. Jene „Third Stream“ Textur ist eine Fassette seiner Klangphilosophie, die mit der zweiten einer, abendländischen kammermusikalischen Konstruktivität, bestens kooperiert. Von weiterer Relevanz ist selbstredend der improvisatorische Aspekt, der den doch ziemlich detaliert durchdachten und ausgetüftelten Kompositionen eine fördernde Leichtigkeit, Elastizität, gediegene Aufgekratztheit und Unberechenbarkeit zubilligt. Eine repräsentative Bestandsaufnahme seines Schaffens der letzten dreißig Jahre, gleichfalls solange besteht auch Koglmanns Großformation Pipetet, bot die wohlprogrammierte Personale im Porgy & Bess. Subsumiert unter dem Titel „Third Stream & Chamber Jazz“. Tag eins bot gleich drei verschiedene Projekte von ausnehmend hohem Niveau. Die Intrada bestritt das traumwandlerisch agierende Duo KOGLMANN/ Peter HERBERT. Flügelhorn und Kontrabass in klangerlesener, sublimer Flaniererei. Mit einem hinreißenden Programm aus Koglmann Originalen und Fremdkompositionen offenbarten die beiden Musiker geniale melodische Ausdruckskunst und zusätzlich von Seiten Herberts außergewöhnliche, rhythmische Grandezza. Ausgespielt mit Eleganz und Sinnlichkeit. Aufgetrumpft hat auch in Folge das PIPE TRIO, das Koglmann mit den beiden Pipetet-Mitbegründern Rudolf Ruschel(tb) und Raoul Herget (tuba) auch bereits in den 1980er Jahren gründete. In ebenfalls konzisen Stücken eingedampfter koglmannscher lyrischer Klangessenz, gaben sich kontrapunktische Finessen in der Stimmführung und harmonische Kapriolen ein glanzvolles Stelldichein. Das Salz in der Suppe an diesem Abend war der abschließende Auftritt der aktuellen Version des PIPETETs. Teils, teils besetz mit langjährigen Weggefährten und neuen Persönlichkeiten. Letztere sind bereits bestens integrierte Kreativkräfte des Ensembles. Besonders Martin Fuss am Sopransaxophon stach mit einigen irrlichternden solistischen Beiträgen hervor. Dargeboten wurden leuchtende Abhandlungen des ersten Programmes „Schlaf Schlemmer, schlaf Magritte“, das Koglmann feindosiert mit frischem Odeur angereichert hat. Die Kompositionen, wobei die Hommage an Franz West „Tanzmusik für Paszstücke“ eine zentrale Stellung einnimmt, besitzen nach wie vor hinreichend Überzeugungskraft und strukturelle Brisanz. Die Musiker stolzierten unter dem unaufdringlichen Dirigat von Gustav Bauer, gewandt, lustvoll, hingebungsvoll durch Koglmanns Klangentwürfe. Auf jedwede Anregung reagierend und ausgestaltend. Ein großes Epos aus einem „Zwischenstromland“. Der Samstag verlief durchwachsen. Das ansonsten auch sehr homogen und spielwitzig auftretende Duo KOGLMANN/ Oskar AICHINGER (p), das Auszüge aus ihrer Bacharach-Reverenz zu Gehör brachte, wirkte ein wenig außer Atem, wiewohl die Qualität der Stücke und der Ausführenden unumwunden durchschimmerten. Sehr ausführlich der klassischen Formensprache zugewandt sind Koglmanns Kompositionen für das exxj… ensemble XX. jahrhundert. Er nimmt diese Formensprache aber nicht eins zu eins als Vorlage, sondern paraphrasiert, verbiegt, modifiziert sie und infiltriert sie mit Jazzparametern. Alles sehr gescheit und bewegend. Dieser Grenzgang zwischen europäischer Kunstmusik-Avantgarde und „drittstromigem Chamber Jazz“ war letztlich doch ein wenig steinig an diesem Abend. So konzentriert das exxj die klassischen Texturen umsetzte, so unausgegoren wurden die Jazzsequenzen offeriert. Den Abschlusstag eröffnete Koglmanns aktuellster „Tonkünstler-Zusammenschluss“ das Trio ALL´ ALBA, mit den beiden famosen Musikern Mario Arcari (oboe, englischhorn) bzw. Janos de Pasteur (cello). Benannt ist das Trio nach einem Stück des italienischen Jazz-Pianisten Giorgio Gaslini. Gegründet wurde es 2014 anlässlich der  „Gluck Opernfestspiele“. Auch in dieser Triomusik verlautbarte Koglmann sein enormes Fingerspitzengefühl für die Synergie aus ausgeschriebenen, klassischen Ordnungsprinzipien entspringenden Sequenzen und jazzaffiner Unbestimmtheit. Wunderbare kammermusikalische Ereignishaftigkeit. Den Schlusspunkt setzte nochmals ein etwas umbesetztes PIPETET, schlagzeuglos und mit dem unvergleichlichen Grandseigneur des europäischen Jazz Tony Coe (ss, cl) als einem der Hauptsolisten. Zur Aufführung gelangten die beiden Koglmann Kompositionen „Let´s Make Love“ und „Bix Button Mix“. Zwei ausladende Werke von generell kontemplativem, sonorem Temperament, schroff in Kontrasten, angereichert mit scharfen Durchzeichnungen des musikalisch-strukturellen Geschehens, eingetaucht in herrliche dynamische und agogoische Wechselbäder und mit genügend Platz für solistische Finessen. Ein genussvoll flamboyantes Finale voll frischer Erinnerungen und novistischen Fakten.