Mi 19. Oktober 2016
20:00

Georg Graewe Quartet (D/GB/A)

Paul Dunmall: tenor, soprano saxophone
Georg Graewe: piano
Peter Herbert: bass
Mark Sanders: drums

Die Präzision in der spontanen Schöpfung

Aus einer konzentrierten, atmenden Akkordfortschreitung heraus, die den Beginn eines Solostückes markierte, ersann Georg Graewe ein feinstoffliches Gewebe bestehend aus rasanten, detailreichen Tonketten und das komplette tonale Dur-Moll-Spektrum durchmessende, von gelegentlichen atonalen „Mikroben“ durchsetzte Harmonietürmungen, in denen es vor spannenden Alterationen ziemlich brodelte. Dieses kurze Rezital, verdeutlichte schon Graewes herausragende Musikalität gepaart mit exzeptioneller technischer Versiertheit und improvisatorischer Imaginationskraft und war die Intrada zu zwei ausgedehnten Extemporationsereignissen. Realisiert von seinem neuen Quartett zu dem er drei weitere Krösusse der unter anderem spontanen Klangfindung/ originäre Stilisten hinzugezogen hat. In einem ausnehmend reaktionsschnellen Interaktionsablauf, gestützt auf eine engmaschige kollektive Gestik, verwirklichten die Musiker einen sprudelnden Vorwärtsdrang, umgesetzt mit sensitiver Energetik, in dessen Verlauf dynamisch ausdifferenzierte, transparent symbiotisierte, frappante Wendungen nehmende Aggregatzustände ihre Flüchtigkeit und emotionale Dringlichkeit zum Glänzen brachten. Außergewöhnlich war zudem die Genauigkeit im Formverständnis der spontanen Schöpfungen, eine entscheidende Fähigkeit für die Realisierung Improvisierter Musik, wodurch der Entstehungsprozess in seinen inneren wie äußeren Strukturen eine nicht häufig anzutreffende, zwingende Schlüssigkeit erlangte. Zusätzliche Qualität stellte sich durch das „In-Sich-Ruhen“ der Protagonisten ein. So waren die Töne und Klangfarben stets richtig platziert, was ihnen ihre Gewichtung verlieh. Das rhythmische Gefüge war, gleich wie das harmonische, keiner gängigen Periodizität unterworfen. Es dehnte sich in asymmetrischen, elastischen Pulsationen aus. Zumeist in einem quecksilbrigen Tempo, das dann doch ab und an im Zuge unbegleiteter Soli oder bei Duokonstellationen heruntergebrochen wurde. Ein solcher Moment war der grandiose Monolog von Peter Herbert – fokussiert, den Tönen Raum gebend, der Musik Substanz einspeisend. Oder einmal mehr Graewe mit seinen kristallinen Gebilden. Von besonderer Prägnanz waren weiters ein irrwitzig verschlungenes Duett von Dunmall und Graewe bzw. eine Quartettsequenz, wo sich abstrakte Verästelungen mit ausragenden Klangqualitäten in berückend hymnische, mit einer von Dunmall eingebrachten coltraneschen Färbung versehene Klangflächen verwandelten. An diesem Abend ereignete sich Improvisierte Musik in seiner klarsten Form hinsichtlich Struktur, Ausdruck und Kommunikationsebene. Übersetzt in einem von Graewe entwickelten, eigenmächtigen Idiom, gezogen aus den Diktionen europäische Musiktradition und experimenteller Jazzkanon. Weltklasse. (Hannes Schweiger)

„Das Ringen um eine individuelle Sprache, eine eigene Ästhetik, die sich nicht von den Strömungen der Tradition vereinnahmen lasst. So könnte man das Werk des intemational so renommierten Pianisten und Komponisten Georg Graewe umschreiben. Ein Werk, das über die Jahre hinweg so ungeheuer vielgestaltig geworden ist. Die freie Improvisation, die am Anfang stand, die Gründung des Grubenklangorchesters 1981, erste ausgeschriebene Kompositionen für Kammerorchester, schließlich mehrere Opern.“ – so Harry Lachner, SWR2, 2015. Im selben Jahr erhielt Graewe auch den renommierten SWR Jazzpreis, in der Jurybegründung als ein Musiker, „dem der Jazz in Deutschland richtungsweisende Impulse verdankt. Insbesondere durch die Ausformung einer ebenso freien wie konzisen Klang- und Formsprache, die von der amerikanischen Jazzklavier-Tradition genauso beeinflusst ist wie von der europäischen Kunstmusik, hat Graewe Maßstäbe gesetzt.“ Und er tut dies bereits seit vielen Jahren. Als Leiter von Ensembles wie dem legendären GrubenKlangOrchester, mit Soloprojekten und verschiedenen eigenen Formationen (etwa seinem langjährigen frei improvisierenden Trio mit dem Cellisten Ernst Reijseger und dem Schlagzeuger Gerry Hemingway oder in Quartettformationen), als Partner von Musikern wie Anthony Braxton, Evan Parker, Roscoe Mitchell, Dave Douglas, Phil Minton, Barry Guy, Barre Phillips, John Butcher, Mats Gustafsson oder Paul Lovens. Zahlreiche Einspielungen geben Zeugnis davon, beginnend mit der 1976 bei FMP erschienenen Debüt-LP „New Movements“ über „sonic fiction“ bis hin zum letztes Jahr erschienenen Soloalbum „Stills & Stories“.
Nicht zuletzt auch anlässlich seines 60. Geburtstag im Juni des Jahres hat die Jeunesse Graewe zur Zusammenstellung einer neuen Quartettkonstellation bewegt. Neben Mark Sanders, mit dem Graewe u.a. auch in Frisque Concordance verbunden ist, und Peter Herbert, der Teil seines aktuellen „österreichischen“ Trios mit Wolfgang Reisinger ist, dürfen wir uns mit Paul Dunmall auf eine Ikone des britischen Avant-Jazz freuen. (Ute Pinter)

Eintritt: 18.- €, 10.- € für Jugendliche und MemberCard-Besitzer
Eine Veranstaltung der Jeunesse im Rahmen von „Jazz & beyond“