Mi 15. November 2017
20:30

Wolfgang Muthspiel Trio (A/USA)

Wolfgang Muthspiel: guitar
Larry Grenadier: bass
Jeff Ballard: drums

Wolfgang Muthspiel ist der interessanteste und beste derzeit spielende österreichische Gitarrist. Als Musiker von Weltrang, der lange Zeit auch in den USA lebte, schöpft er musikalisch aus dem Vollen und spielte gestern mit seinem Trio mühelos und zugänglich klingende, dabei aber komplexe und hochinteressante Musik.

Wolfgang Muthspiel wurde in der Steiermark geboren, machte sich später aber nach seinem Gitarrenstudium in Graz in die USA auf. Dort spielte er mit Musikern, die weltweit zu den besten ihrer Zunft gehören, unter anderem mit Gary Burton, John Patitucci und noch einigen klingenden Namen mehr.

Für einen versierten Musiker ist es in den USA außerdem Ehrensache, zumindest ein paar Jahre in New York zu leben und dort musikalischem aus dem Vollen zu schöpfen. Das tat Muthspiel. 2002 kam er allerdings wieder zurück nach Österreich. Er lebt seither in Wien, hat ein Plattenlabel und spielt noch immer nur allzu gerne mit der amerikanischen Musiker-Elite zusammen. Derzeit ist das zum Beispiel der Gitarrist Ralph Towner.

Es gab somit Anlass anzunehmen, dass am Donnerstagabend ein Musiker auf der Bühne steht, der schon in so vielen musikalischen Kontexten unterwegs war, dass ihn nichts mehr erschüttern und vom Weg abbringen kann. Tatsächlich ist Mutspiel ein Gitarrist, dem scheinbar mühelos alles gelingt. So auch am gestrigen Abend.

Das Konzert war leise, der selbst mitgebrachte Tontechniker sorgte für einen subtilen, differenzierten und hervorragend ausbalancierten Gesamtsound. Muthspiel hatte außerdem nicht nur seine fantastischen Mitmusiker mitgebracht, mit denen er erst kürzlich auf Japan-Tournee war, sondern auch ein Sammelsurium an Effektgeräten.

Damit hätte es Anlass gegeben skeptisch zu werden. Gitarristen, die sich mit (zu) vielen Effektgeräten umgeben sind nicht immer diejenigen, die ihre technischen und musikalischen Hausaufgaben gemacht haben. Effekte können auch ablenken, haben oft auch den Anschein im Dienste von Taschenspielertricks zu stehen.

Muthspiel zerstreute diese Bedenken bereits mit den ersten Tönen. Ganz generell waren es nämlich die Töne und die Akkorde, die im Mittelpunkt dieses Konzertes standen. Kein Ton war banal, kein Akkord abgedroschen und kein Motiv uninteressant.

Die Effekte standen dabei in der Funktion, dies alles bestmöglich zur Geltung zu bringen. Seine Effektgeräte waren nicht auf die große Show und auf die Vervielfältigung und Verfremdung des Klanges seiner Gitarre ausgerichtet. Es ging um Verfeinerung. Die Unterschiede im Klang waren zum Teil nur feinen, aufmerksamen Ohren zugänglich.

Der einzige “Trick”, wenn man so will, war, dass Muthspiel sein Gitarren-Spiel loopte und somit ungemein reizvolle, delikate Zwiegespräche mit sich selbst führen könnte. Er schichtete, kontrastierte, baute Strukturen und Flächen. Getragen wurde sein feingliedriges Spiel, das den größtmöglichen Genuss bei der größtmöglichen Komplexität gewährleistete, von seinen souverän musizierenden Mitmusikern.

Sie boten nicht nur Fundament, sondern trieben zu Umwegen an, forderten Wolfgang Muthspiel heraus. Dabei ist bemerkenswert, dass seine Risikobereitschaft auf der akustischen Gitarre nicht geringer wurde, sondern sich aufgrund der klanglichen Reduktion sogar tendenziell noch erhöhte.

Dabei entstand insgesamt eine nur auf den ersten Blick gemächliche Musik, die sich auch als Hintergrundmusik genießen lässt. Die musikalischen Entscheidungen, die Muthspiel immer wieder traf, waren grandios, herausfordern und doch nicht irritierend.

Sie klangen logisch, wie die einzig mögliche Konsequenz, die sich aus dem Vorhergehenden ableiten ließ. Dabei klang das Trio aber so leichtfüßig und spielerisch, dass diese Stringenz nie erzwungen wirkte. In dieser Hinsicht scheint die Namensentscheidung der aktuellen ECM-Einspielung kein Zufall zu sein. Das Trio, auf der Aufnahme noch mit dem Schlagzeuger Brian Blade, taufte diese „Driftwood“, also Treibholz.

Auch die Band ließ sich offenbar am gestrigen Abend treiben. Sie schaute wohin die Stücke sie führte und nahm sich große Freiräume für Improvisationen heraus.

Die Kunstfertigkeit und Einzigartigkeit dieses Trios lässt sich damit beschreiben, dass es für ZuhörerInnen den Eindruck der Gelöstheit und Entspanntheit vermittelte, das Trio dabei aber höchst präzise agierte und die absolute Kontrolle über ihre Stücke behielt. In diesem Spannungsverhältnis lässt sich die Musik auf „Driftwood“ verorten und damit lässt sich auch formulieren, warum der gestrige Abend so grandios war. (Markus Stegmayr)