Mo 10. Juli 2017
21:00

Azymuth (BRA)

Alex Malheiros: bass
Ivan 'Mamao' Conti: drums
Fernando Moraes: keyboards

Der Schlagzeuger Ivan Conti muss sich kurzfristig einer Hüftoperation unterziehen und kann im Juli nicht nach Europa reisen. Die Tour wird auf Herbst 2018 verlegt! Sorry CH

Karneval, All, nicht Karriere: Guter alter Latin-Futurismus. Die brasilianische Band Azymuth gastiert anlässlich der Neuauflage ihres herrlich unbekümmerten Debütalbums in Wien. Eine Empfehlung.

Wer die Saudade – diesen unübersetzbaren Gemütszustand milder Sehnsucht – erreichen will, darf nicht hudeln. Das weiß das brasilianische Trio Azymuth und folgt in seiner Musik einzig dem Prinzip laissez faire, nicht dem Streben nach Geld und/oder Ruhm. Und das seit 40 Jahren.

Während sich die gleich lang tätigen Kollegen von Os Mutantes in psychedelischen Spielereien verloren, widmete sich Azymuth der futuristischen Elektrifizierung des südamerikanischen Jazz – und vergaß bei aller Lust an Abstraktionen nie, das reiche rhythmische Erbe Brasiliens zu integrieren. Dafür ist Schlagzeuger Ivan Conti verantwortlich, ein echter Carioca, also einer, der aus Rio de Janeiro stammt. Es liegt nicht zuletzt an ihm, dass bereits drei Generationen von tanzwütigen Europäern zu Azymuth-Hits wie „Dear Limmertz“ und „Jazz Carnival“ wackeln.

Nun hat das Londoner Label Far Out Recordings das spacige Debütalbum aus dem Jahr 1975 neu aufgelegt. Es erinnert erstaunlich an Herbie Hancocks Alben der späten Siebziger. Ein Schlüsselsong darauf ist „Melo Dos Dois Bicudos“: Er groovt federleicht und hat dennoch ein paar verstörende Attacken parat. Immer, wenn es zu idyllisch wird, fiepsen die Synthies auf alarmierende Weise.

Die Strategie, süßes Sentiment und exotische Rhythmen mit verstörenden Weltraumklängen zu kombinieren, geht auch in „Estrada Dos Deuses“ perfekt auf, einem Stück, das auch auf „Monster“, Herbie Hancocks Discoalbum von 1980, sein hätte können. Berührend, wie naiv der – 2012 gestorbene – Azymuth-Komponist José Bertrami seinem Spieltrieb auf dem damals neuesten Equipment nachgab! Heute wird ja vieles als Konzept gepriesen, was in Wirklichkeit nur versonnene Spielerei war. Solche Unbekümmertheit ist leider in der populären Musik rar geworden. Aus gutem Grund greifen viele DJs und Remixer von Thievery Corporation bis zu den heimischen Pilots On Dope zu den frühen Alben von Azymuth, wenn sie sich bei ihren kalkulierten digitalen Nachbauten nach dem Aufbruchsgeist der Siebziger sehnen, als Künstler noch nicht methodisch über ihre Karriere nachdenken wollten. (Samir H. Köck, 2015)