Di 1. Januar 2019
20:30

Karl Ratzer Quintet (A/D/USA)

Karl Ratzer: guitar, vocals
Johannes Enders: tenor saxophone
Ed Neumeister: trombone
Peter Herbert: bass
Howard Curtis: drums

Und die Musik ging auf wie ein Germteig. Solche sich weitende Räume aufzustoßen, bedingt Wahrhaftigkeit und eine unverstellte emotionale Darlegung. Ratzer ist mittlerweile vollends dort angekommen, wohin er seit jeher leidenschaftlich strebte: zum Nukleus der Musik. Mit eben einer Band, die sowas von aufeinander eingeschworen ist, das sie fast zu einem „Meta-Instrument“ mutiert – so eine Art „SaitenFellAerophon“. Am Silvesterabend, so wurde einstimmig kolportiert, lagen ein ganz besonderes Knistern und eine überschäumende Expressivität in der Luft. Demnach ließen die Musiker am Neujahrsabend verstärkt die kreative Gemächlichkeit walten, könnte man jetzt mutmaßen. Sei´s drum, gleich mit dem Titeltrack „Tears“ vom neuen Album kehrte Ratzer die geschmeidig sublime Funkyness seines musikalischen Ich hervor. Beigemengt wurde noch eine tiefgründige „Soulitude“, die durch die intensive Beschäftigung Ratzers mit dem Werk des großen Ray Charles und dessen Soul/Jazz-Mengenlehre, mit zusätzlicher Brio upgegraded wurde. Getragen von federleichtem Swing und galantem Drive, verantwortet von einem der besten Rhythmusgespanne in diesem Duktus, flossen jene Ingredienzien zu einem harmonisch raffinierten Neo-Hard Bop, vor den maßgeblichen afro-amerikanischen Apologeten dieser Spielpraxis den Hut ziehend, der Edelmarke Karl Ratzer zusammen. Dennoch bleibt für die außerordentlich lebendig wirkende Imaginationskraft dieser „Jazzweltanschauung“ die kollektive Semantik von Bedeutung. Verdeutlicht einerseits durch die arrangementtechnische Optimierung der Stücke, die dem exzellenten „Blue Notes Collageur“ Ed Neumeister obliegen, andererseits durch die, die Urmasse der jeweiligen Songs modulierenden Soli. Jeder der fünf artikulierte im jeweiligen Improvisationsfreiraum seine essenzielle Verbindung zu den Roots der Jazztradition ab der Be Bop-Genese, in Einklang mit der Fähigkeit entlang der Blutbahnen der Songs kreative Eigenverantwortung zu übernehmen. Ratzer erwies sich einmal mehr als Meister der Auslassung bzw. der Agogik, das zeichnete ebenso seine begleitenden Akkordfortschreitungen aus, Neumeister und Enders verorteten ihre wunderbar flexiblen Inventionen ab und an sehr maßvoll in libertärem Klangspiel, Herbert und Curtis trumpften mit, die rhythmische Strukturalität ausdehnenden Phantasien auf - melodisch wie patternmotivisch moussierend. Dem folgte die Demonstration wie selbst dem tradierten Formverlauf Thema-Solo-Thema durch unbedingte spontane Willenskraft der Langweil entzogen wird. Nicht verschwiegen werden dürfen natürlich Ratzers berührende, gelegentlich in Nonchalance sich ergehende, mit Inbrunst veräußerten Vokalismen, die im Besonderen in den Ray Charles Songs sein exzeptionelles Soul und Blues-Feeling zusätzlich hervorkehrten. Unweigerlich kam dann und wann das Gefühle auf, einer legendären Blue Note Recording Sessions beizuwohnen. Ratzers Souveränität in der „Aufforstung“ von funktionsharmonischen Grundsteinen des Jazz hat einen Klimax erreicht und schreibt auch ihm die Devise aller großen Jazzschöpfer zu, die da lautet: „Für´s Leben spielen, nicht für Museen“.

Abschließend sprach in einem kurzen Statement der Humanist aus Ratzer: „Wertes Publikum vergessen sie mir die Leidgeprüften nicht. Uns hier geht es gut, trotz dieser Regierung. Aber die kumman eh net in mei Gassn“. Positive Vibes eines beseelten Abends, die für`s Jahr mitgenommen werden sollten. (Hannes Schweiger, anlässlich des Konzertes am 01.01.2018)