Mo 25. Februar 2019
20:30

Martha High & The Soul Cookers (USA/S)

Martha High: vocals
Eric Wakenius: guitar, vocals
Leonardo Corradi: hammond organ
Tony Match: drums

Weisheiten einer Soul Sister
Sie war eine von James Browns „Funky Divas“: Vor ihrem Konzert im Wiener Porgy & Bess erzählte Martha High der „Presse“ über ihre Zeit bei „Mr. Brown“.

„Für mich war das der totale Schock“, erzählt Martha High: Die blonde Haarfarbe hat ihr 1968 James Brown nahegelegt. It was Mr. Brown's doing“, sagt Martha High respektvoll, wenn sie sich an so manche unerwartete Wendung in ihrem Leben erinnert. Als junges Mädchen sang sie in einer Mädchenband namens The Jewels. „Mr. Brown war eines meiner Idole. Nie hätte ich gedacht, dass ich ihn einmal persönlich treffen oder gar für ihn singen könnte“, erzählte sie der „Presse“ vor ihrem Auftritt im Wiener Porgy & Bess.

Doch eines Abends klopfte James Brown an ihre Garderobentür. „Ich bin's!“, sagte er lapidar und lobte sie herzlich. Zwei Jahre später, 1968, holte er sie in seine Band – mit der Bitte, sie möge ihr Haar blond färben. „Für mich war das der totale Schock. Nicht nur aus persönlichen Gründen, sondern auch, weil es in der Ära von Black Panther und der Bürgerrechtsbewegung war. Das konnte nicht sein Ernst sein“, erinnert sich High. Sie grübelte ein Weilchen, tat schließlich doch, was Brown gebot. Die Frisur ist ihr bis heute geblieben, genauso wie die von ihrem Lehrmeister abgeschaute Selbstdisziplin: „Mr. Brown hatte ein Faible fürs exzessive Proben. Ohne es wäre er nicht der Star geworden, der er wurde.“ So schuf High mit ihm Klassiker wie „Bodyheat“ und „The Payback“, verwandelte Gershwins „Summertime“ in eine nachtschwarze Soulhymne. „Mr. Brown liebte auch die Überrumpelung. Spontan wollte er, dass ich dieses Duett mit ihm aufnehme. Ich entgegnete, dass ich das Lied gar nicht kenne. Das ließ er nicht gelten. ,Komm schon, Martha, du kannst das‘, sagte er. Und es klappte tatsächlich.“

Ja, die Schule des James Brown war eine harte. Selbst gefestigte Charaktere wie Pee Wee Ellis, Bootsy Collins und Maceo Parker hielten es nur beschränkte Zeit unter seiner Knute aus. Auch für Browns viel gerühmte Sängerinnen war die Zeit in der Band oft nur eine kurze Episode. Anna King, Marva Withney, Lyn Collins, Yvonne Fair, Vicky Anderson – ihnen allen hat High ihr aktuelles Album „Tribute to My Soul Sisters“ zugeeignet – blieben so lang, bis sie sich einen Namen gemacht hatten. Martha High hingegen blieb 32 Jahre. „Dann fühlte ich mich durch Mr. Brown ein wenig eingeengt und verließ ihn.“

Musikalisch ist sie ihm treu geblieben. Das zeigte sie auch im erdig groovenden Opener bei ihrem späten Solodebüt im Porgy & Bess. „We gonna have a funky good time“, lautete ihre Losung. Drei weiße Musiker, ein Schwede, ein Italiener und ein Franzose, hielten sich beflissen an sie. Ihre mittlerweile auch schon 72 Jahre sah man ihr keinesfalls an. Ihre Tanzbewegungen versprühten Eleganz und Vitalität, die Stimme bebte vor Kraft. Repertoiremäßig überraschte sie u. a. mit der Jazzballade „Don't Go to Strangers“ sowie William DeVaughns „Be Thankful for What You've Got“, das manche nur in der Coverversion von Massive Attack kennen.

Im Zentrum stand aber letztlich doch der funky Groove. In „You Need a Woman Like Me“, demonstrierte High, wie wichtig es ist, dass weibliche Weisheit den Männerwillen subtil unterminiert. Mitten im fröhlich dahinplätschernden „Ding Dong Man“ geschah Unerwartetes. High wies auf die Ähnlichkeiten dieses Songs mit Anita Wards Hit „Ring My Bell“ hin: „Ich glaube, Mr. Brown hat da ein bisschen was für mich herausgestohlen.“

Korrektes Tanzen zu „Cold Sweat“
Mit viel Spaß an der Ausschmückung erzählte High auch vom Gangleben der Siebzigerjahre: „Da wurde nicht geschossen, da wurde um die Wette getanzt und gebalzt.“ Die Hemdkrägen reichten fast bis an die Schultern, die Blusen hatten Rüscherln am Kragen, die Farben waren froh so wie die Jugend. Männer, die auf sich hielten, pflegten den monochromen Auftritt. Grüner Anzug, grüne Schuhe, grünes Auto. Oder das Gleiche in Rot. High brachte uns bei, dass die damaligen Frisuren, die man hierzulande „Afro“ nennt, im Ghettosprech „The Bush“ hießen. Dazu zeigte sie, wie man korrekt zu „Cold Sweat“ und „Shoot Your Best Shot“ tanzt.

Vielleicht noch schöner als diese ausgelassenen Momente waren die wenigen Balladen, die High über ihre Lippen perlen ließ. „Lean on Me“ etwa, klassisches Beispiel dafür, wie mithilfe von Soulgesang seltsamer Zauber in die Traurigkeit kommen kann. Trost sowieso. „When the tears you cried can't be washed away, I want to hold you tight.“ Das rührte auch Hartgesottenste. (Samir H. Köck, "Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2018)