Fr 19. April 2019
20:30

Georg Graewe & Sonic Fiction Orchestra (D/A/I/AUS)

Georg Graewe: piano
Frank Gratkowski: clarinets
Maria Gstättner: bassoon
Sebi Tramontana: trombone
Sara Kowal: harp
Martin Siewert: guitar
Joanna Lewis: violin
Melissa Coleman: cello
Peter Herbert: bass
Wolfgang Reisinger: drums

Zum Auftakt seiner musikalischen Lecture, die er in der neuen Saison im Rahmen des mehrteiligen „Stage Band – Versuchslabors“ konkretisieren und ausdifferenzieren wird, pflückte Georg Graewe eine unbegleitete Klavierimprovisation von seinem opulenten musikalischen Lebensbaum. Kristallklarem Wasser gleich, ergossen sich die Tongirlanden in einem umfassenden diatonisch/chromatischen Ausmaß in nach außen verschobener Konzentration von Dissonanz und Konsonanz, in den Raum. In dieser Geste war schon eingeschrieben wie die Raumschaffung in seiner „Komprovisation“, so könnte man die Konzeption auf einen Nenner bringen, angelegt ist. In einem dynamisch divergierenden Prozess formten sich binnen kürzester Zeit Aggregatzustände von fast greifbarer Plastizität und eigengesetzlicher ästhetischer Gültigkeit. Graewe hat dem Anlass gemäß ein großformatigeres Ensemble mit einer sehr spezifischen Klangcharakteristik, durch Verwendung von Instrumenten mit unterschiedlicher Kulturgeschichte, zusammengestellt. Wie bereits angedeutet standen präzis determinierte Strukturabläufe in ausgewogenem Verhältnis zu den freigelassenen, durchs freitonale Kontinuum flanierenden Improvisationen. Hinsichtlich der ersteren schloss Graewe fintenreich Grundüberzeugungen der seriellen Musik und aleatorische Verfahren kurz. Als Bezeichnung läge einem fast die neue Begrifflichkeit „Seriatorik“ auf der Zunge. Die daraus resultierenden Klangeindrücke ließ der Pianist/Komponist jedoch nie die Oberhand gewinnen. Denn die wohlkanalisierte, zwanglos kontrollierte, jazzidiomatische Bewegungsenergie vertrat im selben Maße ihre Wertigkeit. Bravourös verantwortet vom Gespann Peter Herbert und Wolfgang Reisinger. Sie formulierten nicht in Takteinheiten sondern in rhythmischen Bögen. Mit metrischer Ungebundenheit und freilaufenden Akzentuierungen vor allem Seiten des Schlagzeugers. Ausgetragen auf dem Spielfeld eines, so gewann man den Eindruck, mehrteiligen Werkes. Mit ausgesprochener Sensorik für das Ineinandergreifen von horizontalen und vertikalen Entwicklungsabläufen schuf Graewe eine weitere Spannungsqualität, wie ebenso mit der luftdurchfluteten Konsistenz der Strukturen. Feingliedrigkeit, partiell Feinteiligkeit hoben gleichfalls den kammermusikalischen Duktus hervor. Doch diese nuanciert vielgestaltige Klangerzählung war auch kraftkämmerisch. Wenn sich z.B. harmonische Expansionen in scharfkantigen Tutti entluden, aber vor allem bei diversen solistischen Freigaben. Dabei zeigten sich alle von Graewes Erfindungsreichtum in den Bann gezogen. (Hannes Schweiger, über das Auftaktkonzert am 11. September 2018)