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  Ein Piefke im „Porgy“ – Plüsch und Paradigmenwechsel
  Eigentlich ist es nur ein Haus in Wien, in der Riemergasse. Aber es füllt sich Abend für Abend mit Musik und Menschen. Es sind die Musik, die Menschen und ihre Geschichten, die das Haus bedeutsam machen. Als Christoph Huber mich anlässlich des Jubiläums bat, dem Treibstoff nachzuspüren, der mich aus deutscher Perspektive dem „Porgy & Bess“ nähergebracht hatte, lautete mein erster Gedanke: „Mist, das ‚Porgy & Bess’ feiert seinen 20. Geburtstag.“ Äh, nein, natürlich muss es „Herzlichen Glückwunsch!“ heißen. Ein dreimal verfluchtes „Mist“ nur, weil ich erst seit neun Jahren dabei bin. Was habe ich nicht alles verpasst! Was verpasst man nicht sowieso alles in dem nur einen Leben?

Leben ist die Verbindung von vielen kleinen und großen Geschichten. Und wenn es um das „Porgy“ geht, lassen sich viele Geschichten erzählen, die mich immer wieder den Magnetismus dieses Clubs haben spüren lassen. Aber keine Angst, jetzt folgt kein Besinnungsaufsatz. Dafür bin ich zu alt – oder zu jung? Egal. Denn ich schreibe hier eher als der kollektive Überdeutsche, mit eingebautem, aber manchmal fehlgeleiteten Music-Club-Gen.
Hätte ich ansonsten aus einem alten Erfahrungsschatz schöpfen können und so um 1978, die Sätze des einst tonangebenden deutschen Jazz-Kritikers Joachim-Ernst Berendt lesen können? In seiner „Kleinen Geschichte des deutschen Nachkriegsjazz“ beschrieb er die Szene zwischen Deutschland und Österreich: „Besonders eindrucksvoll war die Vielfalt der Jazz-Szene in Wien, das von Anfang an als zur deutschen Jazzlandschaft dazugehörig empfunden wurde. Wenn irgendein deutscher Stamm von sich sagen darf, mehr Jazzmusiker hervorgebracht zu haben als die anderen, dann sind das nicht die Hessen, sondern die Österreicher – und vor allem die Wiener: Hans Koller, Fatty George, Friedrich Gulda, Joe Zawinul, Hans Salomon, Erich Kleinschuster, Hans Rettenbacher, Robert Politzer, Viktor Plasil, Fritz Pauer, Erich Bachträgl, Dieter Glawischnig, usw., usw. ... Das Zentrum des österreichischen Jazz war ein Lokal in der Wiener Annagasse: das ‚Tabarin’, wo Fatty George und seine ‚Two Sounds’ residierten.“ Noch also war nicht das „Porgy“, sondern das „Tabarin“ das Zentrum des Wiener Jazz, und wer nun glaubt, dass Berendt den österreichischen Jazz in die deutsche Jazz-Geschichte eingemeindet, muss ihm das nicht als chauvinistische Großtat übel nehmen. Denn umgekehrt galt eben vor allem, dass der deutsche Nachkriegs-Jazz im Zeichen des Österreichers Hans Koller stand: Jazz in Deutschland war eben „Jazz in Kollerland“. Hans Koller beherrschte Frankfurt, er kollerte durch deutsche Clubs, und deutsche Clubs waren ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich erstmals in Wien 2004 kennen lernen durfte.

Jazz in Kollerland

Aber zurück ins Kollerland: Als Jazz-Hörer dort aufzuwachsen, hieß vor allem, deutschlandweit über ein ähnliches Erfahrungsrepertoire des Clublebens zu verfügen. Das verband die Club-Szenen zwischen Köln, Frankfurt, Wuppertal, Dortmund und Hannover, wie die mittlerweile vorliegenden repräsentativen Darstellungen der deutschen urbanen Jazz-Zentren belegen. Bitte schön, der typische Jazz-Hörer im Kollerland war, wie der Musiker und Kritiker Michael Naura schrieb, eine „Kellerassel“. Im „Bergwerk des Untertagebaus“ drängten sich in Kellergewölben sieben Musiker auf eine Bühne, die eigentlich noch nicht einmal für drei Musiker ausgereicht hätte. Manchmal befanden sich der Pianist und sein Instrument sogar in einem anderen Raum. Jazz bedeutete, wie es in einer Anzeige aus den fünfziger Jahren hieß, mit „müdem Blick aus der Flasche zu trinken, fünf Stunden auf einer harten, ungehobelten Kiste zuzubringen, sowie eine kleine Rauchvergiftung, undurchdringliche Tabakqualatmosphäre, ohrenbetäubendes Geheule und schweißdurchnässte Hemden.“ Wenn es doch bloß schweißdurchnässte Hemden gewesen wären! Meistens waren es schwarze Existenzialistenrollkragenpullover aus unkaputtbarem Kunststoffmaterial, so Schweiß undurchlässig wie ein heutiger Latex-SM-Dress. Ich erinnere mich als wäre es heute, als Naura notierte: „Unser besoffener Bassist mischte sich unter die Gäste und bot Zigaretten an. Er sagte: ‚Unsere Musik taugt nicht viel, aber nehmen Sie eine Lulle.’ Schließlich wurden unsere Gagen nicht mehr ausgezahlt, bzw. Kompensationsgeschäfte angeboten.“ Naura, der sich selbst als unzulänglichen Pianist mit „baltischer Zigeunertechnik“ bezeichnete, zitierte Charles Bukowski, und der schrieb mit Kenntnis der amerikanischen Szene: „Es war heiß in der Bude. Ich ging ans Klavier und fing an zu spielen. Hatte natürlich keine Ahnung vom Klavierspielen; ich hämmerte einfach auf die Tasten. Ein paar Leute tanzten auf der Couch. Irgendwann schaute ich zufällig mal unters Piano, und da hatte sich ein Mädchen lang gelegt, ihr Kleid war bis über die Hüften hochgerutscht. Ich spielte mit einer Hand weiter und langte mit der anderen Hand runter und fummelte ein bisschen. Entweder war es mein haarsträubendes Geklimper oder das Fummeln, jedenfalls die Dame wurde schlagartig wach. Sie kroch unterm Piano hervor.“ Trocken, bzw. eigentlich nassgeschwitzt, kommentierte Naura diesen Erlebnisbericht mit den Worten, dass dieser Text „ziemlich genau unsere Hamburger Verhältnisse (beschrieb), diesen Taumel aus Jazz (...), Alkohol und Weibergeschichten.“
Es lässt sich heute kaum noch unterscheiden, wie viele von diesen Geschichten real waren oder nur dem mythischen Wunsch sich verdankten, den Jazz und seine Hörer als möglichst anti-bürgerlich zu stilisieren. Der wahre Jazzer machte halt genau das Gegenteil von dem, was als erste Bürgerpflicht galt: er rauchte, trank, hörte sexuell aufreizende Musik, tat entsprechend, rasierte sich nicht und freute sich, wenn dem Bürger ein Wind den Hut vom Kopf blies.

Überlebte Clubs

Ende der fünfziger Jahre hatte es sich für viele dieser von Amateuren betriebenen Clubs allerdings zu Ende getaumelt, es kam zu einem Clubsterben. Das hieß nicht, dass diese Art des Jazzlebens nicht mehr weiter existierte. Aus dem Frankfurt der 1980er Jahre berichtet Jürgen Schwab vom Jazz-Club „mampf“: „Das leicht verstimmte Klavier steht nebendran. Ein Abend im ‚mampf’, vorausgesetzt man findet noch ein Plätzchen in der schlauchartigen Minikneipe, ist wie eine Zeitreise, denn hier leben die Werte der 68er in friedlicher Eintracht mit bodenständiger Heimatverbundenheit: Mao- und Anti-AKW-Poster hängen an den Wänden, ein gewisser kulturimperialistischer braun-klebriger Softdrink wird seit 1972 standhaft boykottiert und dafür stehen Bio-Obstsäfte aus der Region auf der Karte.“ Ja, der Jazz in den achtziger Jahren in Kollerland wurde politisch korrekter, der Sturmwind des Feminismus ließ es nicht mehr zu, dass Frauen sich mit hochgerutschten Röcken unters Klavier legten, und der zum Taumeln verführende Alkohol im Blut musste Bio-Säften Platz machen. Nur eines war geblieben: die idealistisch-romantische Verehrung und Verklärung des Jazz und seines Publikums zu einer sich explizit als subversiv, als anti-bürgerlich zu verstehenden Gemeinschaft.
Aus diesem Geist heraus entstand 1986 in Münster das Jazz-Magazin „Jazzthetik“, zu deren Gründungsmitglied und Redakteur ich damals gehörte. Kurz danach begann ich das Interesse am Jazz zu verlieren und wandte mich jenen Musiken zu, die alsbald als „Worldmusic“ gehandelt wurden. Mit dieser Hinwendung zu Musiken jenseits des Jazz war ich nicht allein; Joachim-Ernst Berendt, der vormalig als „deutscher Jazz-Papst“ gescholtene Kritiker und Produzent ging mir auf diesen Weg voran, und ihn begleitete ein wachsendes Publikum, das sich in den folgenden Jahrenden Produktionen des Buena Vista Social Clubs ebenso erfreuen konnten wie an JuJu-Music aus Afrika und an Balkan Brass Sounds, die Don Cherry ebenso schätzten wie die tiefspirituelle Flötenmusik marokkanischer Berber.
Das Gründungsjahr der „Jazzthetik“, der ich zwanzig Jahre verpflichtet bleiben sollte und in der ich meine Vorlieben für Musiken außerhalb enger Jazzgrenzen pflegen konnte, war gleichzeitig das Jahr, in dem in Hamburg das „Onkel Pö“ geschlossen wurde, bis dahin Hamburgs wichtigster Jazz-Club, Geburtsort der Karrieren von Al Jarreau und Udo Lindenberg. Es heißt, wer in Clubs wie dem „Onkel Pö“ und anderen deutschen Jazz-Clubs überleben wolle, brauche die Kraft der zwei Lebern und der mindestens vier Lungen.

Drehtür ins Glück

Ein Zweitsatz neuer Ohren wäre möglicherweise besser gewesen. Denn von Österreich und der Wiener Szene hörte ich nix, inmitten des Taumels zwischen „Jazz, Alkohol und Weibergeschichten“ (Naura).
Was wusste der kollektive Überdeutsche schon von der Geschichte und der Gründung des „Porgy & Bess“, die heute längst mustergültig en détail auf der Website des Clubs nachzulesen ist? Auf Anregung von vornehmlich Mathias Rüegg, unter Mithilfe von Renald Deppe und Gabriele Mazic sowie dem später zu Rate gezogenen Christoph Huber als „jazz und music club“ gegründet, mischte er seit 1993 die Szene in Österreich auf. Im „Porgy“ gespielt zu haben, gilt mittlerweile unter Musikern und Veranstaltern als Qualitätsausweis.
Und obwohl ich all das nicht wusste, wirkte so langsam, aber sicher seine ferne Macht auf mich ein. Als überzeugter Stadtflaneur hörte ich an einem Morgen seltsam wilde Klänge inmitten meiner verschlafenen westfälischen Beamtstadt. Schnelle Rhythmen, wilde Blechblas-Improvisationen. Eine New-Orleans-Walking Brass Band? Mingus on Speed? Beim Näherkommen entdeckte ich die Verursacher eines Menschenauflaufs: Kleine, braunhäutige Männer in schlecht sitzenden, verschlissenen Anzügen, mit Hüten und ramponierten Instrumenten. Klar, das war die Fanfare Ciocarlia, heute wie damals eine der führenden Blechblas-Truppen des Balkans. Sie lief sich schon einmal warm, am Vormittag in der Stadt, Werbung in eigener Sache für ein Konzert am Abend machend. (Und, recht geschäftstüchtig, das Abendhonorar durch diese Geldeinsammel-Aktion aufstockend!)
Wie viele andere Menschen verliebte ich mich sofort in diese Musik. (Trägt etwa nicht jeder Mensch einen kleinen rumänischen Kapellmeister in sich?) Seit der Jahrtausendwende bestimmte folglich der Balkan-Brass-Sound meine Kompassnadel des Reisens, des Hörens, des Interviewens und des Schreibens.
Und in welcher Weltstadt konnte man dem Sound des Balkans näher kommen? Nicht in Paris, nicht in London, nicht in Berlin. Da blieb nur Wien, die vielbeschworene „Drehtür zwischen West und Ost“.
2004 kam ich folglich erstmals nach Wien und damit erstmals ins „Porgy & Bess“. Das Sandy Lopicic-Orkestra spielte auf, der Initiator des Balkan-Brass-Festivals, Richard Schuberth, hielt eine Rede, und dann wurde mitsamt dem Slibowitz-Sponsor der Band abgefeiert. Am nächsten Morgen bin ich, man nenne mich ein Kidnapping-Opfer, mit der Band nach Graz gereist. Nur um zwei Tage später wieder im „Porgy“ zu landen. Das sollte ein Jazz-Club sein? Zu schön um wahr zu sein. Groß, zwei Etagen, keine feuchten Wände und niedrige Decken, sondern viel Platz mit rotem Plüsch. Gab es so etwas in Deutschland auch? Wenn ja, dann ich war wahrscheinlich zielstrebig dran vorbei gefahren, geleitet vom Wunsch, dem Albtaumel aus schlecht gespielter Musik, Alkohol, Rauch und Bio-Säften zu entkommen.
Nur wenige Monate später war ich bereits wieder in der Donaumetropole und erneut im „Porgy“, diesmal als Juror des von Mathias Rüegg ins Leben gerufenen European Jazz Award. Kurz danach erfolgte eine Einladung einer Wiener Tourismus Organisation, erneut ging es nach Wien, diesmal mit kundiger Führung durch das Nachtleben. Das „Porgy“ wurde eben so besucht wie ein Jazz-Club, der mich an vertraute Zustände in Deutschland denken ließ. Dann kam die Eröffnung des „Birdland“, eines neuen, dem Vorbild des Clubs in der Riemergasse nachempfundenen Jazz-Clubs in weißer Farbe, dessen Einweihung ich nicht versäumte, dessen schnelles Ableben allerdings ohne meine Anwesenheit passierte. Das Jazz Fest Wien lockte im Sommer, und natürlich verbrachte ich einige Abende in meinem neuen Lieblings-Club. Als ich schlussendlich die Jahresendrechnung aufmachte, hatte ich in diesem einen Jahr öfter im „Porgy“ Musik gehört als in allen anderen Clubs, die ich in den vorausgegangen letzten zehn Jahren besucht hatte. An diesem Reiserhythmus änderte sich die nächsten Jahre wenig. Ob es ein Buch wie Oscar Petersons Autobiografie war, zu dessen Präsentation ich nach Wien kommen durfte, die Herausgabe einer Joe Zawinul-Briefmarke oder ein Konzert, viele Wege führen nach Wien, einer immer in den rotsamtenen Untergrund.
Andere Reisebewegungen gab es auch. Einmal war Christoph Huber zu Besuch in Münster. Auch Münster hat ein Jazz-Festival, das allerdings nur alle zwei Jahre stattfindet. Die verdienten Macher des sich als Avantgarde-Festival verstehenden Wochenendereignisses bemühen sich, „Neuentdeckungen“ zu präsentieren. Bei allem Jubel des Publikums meinte Christoph Huber nur verschmitzt und leicht gequält lächelnd: „Die sind schon vor zwei Jahren bei uns aufgetreten.“ Da wusste ich, was Münster nicht und was Wien hat: eine lebende Jazz- und Musik-Szene und - eben das „Porgy“.
Das hat natürlich verschiedene historische Gründe. Abgesehen vom amerikanischen Einfluss, dem die Nachkriegsjazz-Szenen mit ihren Amateuren in beiden Länder unterlagen, dank universitärer Ausbildung auch einmal abgesehen vom heutigen vergleichbaren hohen technischen Standard, bleibt ein wesentlicher Unterschied: deutsche Jazz-Musiker, soweit ich sie kennen lernen durfte, haben, sofern sie nicht aus Bayern kommen, keine Rückbindung zu volksmusikalischen Traditionen. Sie sind größtenteils entwurzelte Großstadtkinder, in der Großstadt musiksozialisierte Urbanisten, die ihre ersten Musikerfahrungen mit Schallplatten machten. Ein Lorenz Raab im Jazz, ein Walther Soyka in Neuen Wienerlied , um nur zwei herausragende Vertreter der aktuellen österreichischen Musik-Szene zu nennen, hingegen sind erst später nach Wien gekommen, nachdem sie in dörflichen Blaskapellen oder in der Volksmusik ihre ersten Schritte in die Welt der Musik machten. Das schafft Reibungsflächen zwischen Tradition und Moderne, die es in Deutschland schlicht nicht gibt. Der zugereiste Fremde hört sie wahrscheinlich eher als diejenigen Österreicher, die das Schicksal nicht in die weite Welt führte.

Vienna is calling!

Manchmal winkt eben dieses Schicksal mit einem Zaunpfahl, der wie ein mirakulöser kosmischer Einsaugstutzen funktioniert. 2006 interviewte ich den Verleger und Autor Klaus Wagenbach, der gerade mit Franz Kafka – Eine Biographie seiner Jugend ein Buch über sein lebenslanges literarisches Idol verfasst hatte. Gegenstand des Gesprächs war Kafkas (Nicht-)Verhältnis zur Musik, und es blieb nicht aus, dass Wagenbach sich an seine Jugendzeit in Frankfurt/M. erinnerte. Damals in den fünfziger Jahren hörte er als Jugendlicher viel Jazz, besonders in den Clubs: „In Frankfurt gab es eine sehr lebendige Szene damals. Die Brüder Mangelsdorff haben mich schwer beeindruckt. Emil und Albert. Der war ein sehr feiner Mann.“ (Dass der feine Herr Mangelsdorff prächtig mit dem Herrn Koller harmonierte, gehört natürlich längst zur Jazz-Geschichte!) Wagenbach, zum Zeitpunkt dieses Gesprächs 76 Jahre alt und wegen seiner rührenden Leidenschaft für Kafka auch scherzhaft als dessen Witwe bezeichnet, hörte nach seinen Jugendjahren in Frankfurt immer weniger Jazz. Stattdessen empfahl er lieber das Lesen von Gedichten. „So ein Gedicht“, sagte er im Schatten einer westfälischen Barockkirche mit einer Flasche besten italienischen Rotweins in Reichweite, „legt Widerspruch gegen die allgemeine Hektik ein. Es verlangsamt die Zeit. Um ein Gedicht zu lesen und zu verstehen, muss man sich Zeit nehmen, Muße, Sorgfalt. Allein deshalb qualifizieren sich Literatur und Poesie; ihnen ist eine Widerstandspotenzial gegen den heutigen Zeitgeist zu eigen.“ Sagte er, trank noch einen Schluck und erbat sich noch etwas Ruhe vor der Lesung aus seinem Buch. Ob Muße, Poesie, Jazz, allemal winkt Subversion, oder?
Die zwei verlangsamenden Wartestunden bis zur Lesung verbrachte ich ziellos flanierend in der Stadt, bis ich in einem Kaufhaus auf einen Tisch mit Bücherramschware stieß. Der erste Griff hinein förderte ausgerechnet einen Gedichtband hervor, zufällig Peter und die Kuh von Ernst Jandl. Das erste Gedicht, das ich beim wahllosen Durchblättern fand, war sinnigerweise “Klaus Wagenbach, my friend“ gewidmet. (Ich ließ es mir später vom feinen Herrn Verleger signieren.) Jandl hat seine Gedichte bekanntlich vertonen lassen, Dieter Glawischnig und eben der Porgy“-Mitbegründer und Leiter des Vienna Art Orchestras, Mathias Rüegg, standen ihm dabei zur Seite. Er revanchierte sich wiederum mit Gedichten über verdiente Jazz-Musiker wie Django Reinhardt, gar Hans Koller und natürlich Mathias Rüegg. Die drei dem Leiter des VAO gewidmeten Gedichte haben ein Thema: die Geburt der nach dem gleichnamigen Coltrane-Klassiker benannten Tochter Naima vor ebenfalls ziemlich genau 20 Jahren. Aus Gabriele Mazic, der damaligen Rüegg - „Gefährtin Gabi“ – wie es in den Erläuterungen hieß - , wurde alsbald die Frau von Christoph Huber. Und Naima konnte man bei Christoph und Gabi, bei Mathias und im „Porgy“ begegnen.
Wenn es eine Möglichkeit gab, dieser Begegnung zwischen Wagenbach und einem zufälligen Bücherfund auch nur einen Funken von Sinn zu verleihen, dann die: Vienna was calling – und der Ruf der Fanfare und der Poesie konnte selbst im hintersten Münsterland gehört werden. Es kam mir wie ein Wunder vor.

Neues vom Jazz

Das Wunder kam zur rechten Zeit, um an einem Paradigmenwechsel innerhalb des Jazz-Diskurses teilzuhaben. In weiten Teilen der deutschen Jazz-Szenen herrschte jahrzehntelang der Glauben vor, Jazz habe rebellisch und subversiv zu sein, sei eine Art anti-bürgerlicher, instrumentaler Protestmusik, eine Musik für ältere Männer mit Bart. Entsprechend fern hielt man sich von staatlichen Ämtern und Autoritäten.
Für andere war Jazz diesem Irrglauben entwachsen und hatte den Nimbus der Anti-Bürgerlichkeit verloren. War Jazz in den Neunzigern nicht längst eine Qualitätsmarke geworden, mit der sich Autos und Parfums verkaufen ließen? Konnte Jazz nicht auch eine Musik sein, die hip und jung war? Konnte man sich mit Jazz nicht nur nicht abgrenzen vom Rest der Welt, sondern sich mit ihm auch ein Zugehörigkeitsgefühl zur Welt der Kultur erkaufen? Kein Wunder, dass Christoph Huber mich bei einem unserer ersten Gespräche erstaunte, erzählte er doch vom selbstverständlichen Kulturanspruch des Jazz in Wien. Und wenn Jazz Kultur sei, dann gehöre er von Stadt und Staat, von Land und Leuten gefördert, ebenso wie Oper und Klassik. Eigentlich logisch. (Dass eine solche Logik mittlerweile selbst in Deutschland funktioniert, versteht sich.)
Im Nachhinein, so Huber, sei es zudem eine kluge Entscheidung gewesen, das „Porgy“ nicht als reinen Jazz-Club zu deklarieren, sondern als „jazz- and music club“. Dadurch hätten sie sich als Spielort für Jazz, aber auch für zeitgenössische und elektronische Musik, letztendlich auch für Weltmusik einem Publikum öffnen können, das größer und zunehmend jünger geworden sei. Stimmt. Jünger und weiblicher. Noch so nein Paradigmenwechsel: die Zukunft der Musik ist weiblich!
Mit anderen Worten: man kann sich nicht nur in das „Porgy“ verlieben, sondern auch im „Porgy“. Davon könnte ich ein Lied singen, das mindestens an den gleichnamigen Roman von Edwin DuBose Heyward und an die in amerikanische „Volksoper“ von Gershwin heranreichen würde. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.
Festzuhalten ist die simple Tatsache, dass das Haus in der Riemergasse 11 in früheren Zeiten Wiens „erstes Raucherkino, das erste bestes und einzige Porno-Kino“ beheimatete und durch seine einmalige, natürlich längst umgestaltete Innenarchitektur ein vortrefflicher Ort der Kommunikation geblieben ist. Immer noch sexy. Mit zwei Etagen und einer geräumigen Lounge, in der man sich bei gedämpfter Musiklautstärke der sprachlichen Kontaktpflege hingeben kann, ist der Club ein Begegnungsort für Gleichgesinnte. Ohne seine treibende Kraft wäre sogar eine Geschichte wie diese nicht zustande gekommen. (Harald Justin)
     
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