11. Januar 2017
Von Hannes Schweiger

Soulful Songs in glittering Soundshake / Die Inwendigkeit poetischer Feinstofflichkeit / Klangpoesie unter Nordlicht / Free Jazz-Deutung im Jetztzeit-Modus / Mondschein Sonate im Außerfern

Soulful Songs in glittering Soundshake
SHAKE STEW Introducing “QUEEN MU”
Angela Maria Reisinger aka Queen Mu (vocals), Lukas Kranzelbinder (e-, acc-b), Mario Rom (tp), Johnny Schleiermacher (ts), Clemens Salesny (as, acl), Manuel Mayr (e-, acc-b), Niki Dolp, Mathias Koch (dr, perc)

Das Einstimmen zu Episode 2 von Lukas Kranzelbinders Stageband-Projekt mit seinem derzeitigen Paradeensemble Shake Stew, übernahm auch diesmal wieder eine amüsante Klangcollage des vielseitigen Bassisten. Aus dem Dunkel der Bühne hervorbrechend. Sparsam gesetzte, wirkungsvolle Lichteffekte begleiteten den Beginn einer irisierenden Tour de Force durch das mit neuen Fassetten aufwartende kranzelbinderische Klangkontinuum. Dieses ist gespickt mit unvorherhörbaren Goodies. So setzte einen zusätzlichen Glanzpunkt, die zu diesem Abend eingeladene Sängerin/ Stimmperformerin Angela M. Reisinger mit ihrer wandlungsfähigen Kantabilität, die sie mit gleicher Überzeugungskraft Liedformen, Spoken Word Akklamationen oder klangfarbengenerierte Spontaninterventionen darbieten ließ. Auffallend ist bei ihr, dass sie kein Streben in den Diskantbereich besitzt, sondern sich auf eine detailreiche Modulation von Wörtern und Klängen im Altbereich konzentriert. Kranzelbinder hatte für Reisinger und seine restliche Mannen maßgeschneiderte Struktursegmente geschaffen. Primär sind diese, wie schon angemerkt, im Jazzkanon verwurzelt, doch als pluralistisch denkender Musiker bezieht der Bassist auch diverse andere Stilkomponenten mit ausgesprochenem Selbstverständnis mit ein. So entrang er seinen Bässen einfache Rockvamps oder knochentrockene Funkgrooves und verstand es, in geschickter Rollenverteilung mit seinem Basskollegen Manu Mayr und den beiden quirligen Schlagzeugern, Räume zu öffnen, in denen sich die Solisten in unbändiger Spiellaune, angereichert mit überbordender Imaginationskraft, weideten. Jeder dieser drei Stilisten ließ keinen Winkel seines Instrumentes ungenützt. Clemens Salesny zerschnitt mit messerscharfem Ton auf dem Altsaxophon die Luft und implantierte den Möglichkeiten der viel zu selten gehörten Altklarinette ein elektrisierendes Fluidum. Er jubilierte mit einer Mühelosigkeit sondergleichens, eine unglaubliche Logik und Dringlichkeit in seinen Klangbändern evozierend – Trompeter extraordinär Mario Rom. Das Tenor ergreifend hauchen, bluesaffine aufbegehren und frenetisch schmettern lassend brachte Johnny Schleiermacher auf den Punkt. Doch jedwede Einzelhandlung festigte und beschwor die grundlegende Intention der soundspezifischen Eigenart des Kollektives und der ausdrucksmäßigen Bandbreite. Diese umspannte ineinandergreifend und unverbraucht wirkend dichtmaschige Klanggewebe, kontemplative Introspektion oder auch psychedelisch grundierte, gelöst treibende Alterationen. Jazz kann aktuell schwerlich lebendinger und runderneuerter klingen. Diese Abendstund hatte Gold im Mund. 

 

Die Inwendigkeit poetischer Feinstofflichkeit
PETER PONGER/ JUDITH SCHWARZ DUO
Peter Ponger (p), Judith Schwarz (dr, perc)

Als Trio eingeplant. Auf Grund der Erkrankung des Bassisten Peter Herbert, kurzfristig als Piano Recital angedacht und schlussendlich als Duo realisiert. Situationen wie sie nur das Jazzleben improvisiert und auslebt. Demzufolge wurde dieses Faktum zur Herausforderung beider ProtagonistInnen. Auf der einen Seite der vielleicht kompletteste österreichische Jazzpianist, der gestandene „Eigenbrötler“ Peter Ponger, auf der anderen die vital sprühende,  beeindruckend schlagfertige Judith Schwarz, markante Schlagzeugstimme der österreichischen Jazz-Nachkommenschaft. Die beiden stürzten sich vorbehaltlos in einen die freie Improvisation frönenden Dialog, eine zwingende Interaktionskultur manifestierend, in dem lediglich der tonale Rahmen einzige Vorgabe war. Ponger breitete unverzüglich seine lyrisch versponnenen, von romantischen Diktionen durchwehten, in flüssiger Beweglichkeit kulminierenden Klangwelten aus. Er tut dies mit, den musikalischen Prozess befördernder Virtuosität und seiner extraordinären Gabe als melodischer Fantast. Platziert in einen tonalen Raum mit flexiblen Grenzziehungen. Ponger versinkt binnen kürzester Zeit in einem Kontinuum vielgestaltigster Ereignishaftigkeit und ließ seine Affinitäten zu Bill Evans und Keith Jarrett in unumstößlicher Eigenverantwortung anklingen. Der Kontakt zur Schlagzeugerin brach jedoch nie ab. Und die etablierte eine befeuernde Reaktion. Sie setzte auf reduktionistische „Zuspielungen“. Heißt, sie ließ beispielsweise einzelne Klänge auf Metall und Fellen abtropfen, mit Sinn für melodische Textur oder entwarf transparente Rhythmuspattern in feinem Anschlag und elastischer Beschaffenheit. Dadurch und gepaart mit explizitem Formverständnis stieß Schwarz Räume auf, in die Ponger seine virtuosen Kaskaden pflanzte. Da perlten Singlenote-Meander dahin oder harmonisch ausgeklügelte Blockakkordtürmungen griffen Platz. Aus abstrakten Konstrukten ließ Ponger auch liebliche Melodieseeligkeit entstehen, ohne an Nachdruck oder Tiefgang zu verlieren. Aber da war auch Schwarz schon wieder zur Stelle und stachelte den Dialog mit dezent rocknahem oder rasant swingendem Timekeeping, welches sie auch, wenn angebrach, fallen lassen konnte, kompromisslos an.  Eine improvisatorische Feierstunde im Spannungsfeld von Introspektion und gemessener Ausgelassenheit. (Hannes Schweiger)

 

Klangpoesie unter Nordlicht
KUÁRA
Trygve Seim (ts, ss), Samuli Mikkonen (p), Markku Ounaskari (dr)

Er erweckt den Eindruck eines Einsiedlers, eines archaischen Mystikers. Mit seinem Rauschebart und dem ergänzenden langen, strähnigen Haar. Der Saxophonist des norwegisch/finnischen Trios Kuara – Trygve Seim. Der Norweger Seim repräsentiert die Nachfolgeschaft der garbarekschen Klangästhetik und Melodiebildung auf die eindringlichste und eigenständigste Weise. In stimmigem Einklang mit seinen beiden finnischen Partnern verfolgt er das Ansinnen einer tiefgründigen Wirksamkeit durch die Verschränkung tradierter Klangkultur, in diesem Falle sich auf jene aus dem russisch-finnischen Grenzgebiet beziehend, und einer europäisch verwurzelten Jazzsyntax. Auf Basis des Eindringens zu des Klanges Kern. Vorweg, selten hört man eine substanziellere Einschwingung zweier solch unterschiedlicher musikalischer Zugänge abseits von World Music-Blendwerk. Aus dem Stehgreif  tauchten die Musiker in eine echtzeitige, meditative Hingabe ab, der eine irisierende Erzähl- und Suggestivkraft entstieg. Seim entfesselte mit schnörkellosem, vollblütigem Ton eine hymnische Aura in die er, von gehaucht bis bissig, seine nuancierten, findungsreichen Melodieschnüre fortspann. Mit weitertragender Subtilität verdichteten Mikkonen und Ounaskari diesen kontemplativ betörenden Klangfluss. Der Pianist bestach als phantasievoller Harmonienbauer und linear denkender Improvisator, von rhapsodischer Befindlichkeit einerseits und rubatohaft flanierenden Einzeltonfolgen andererseits geprägt. In sensibelster Umsichtigkeit konstruierte dazu der Schlagzeuger, der die große Kunst des perkussiven Kolorierens eines Paul Motian würdigst aufgriff, ein feinnerviges rhythmisches Stützwerk. Spannungsintensivierend wirkten speziell sein Gespür für Auslassungen und der hellhörige Wechsel zwischen metrischer Ungebundenheit und strikter Zeitstrukturierung. Großer Reiz lag auch in den häufig in autarker Verantwortung erschaffenen Melodiefortschreitungen und deren eng verwobener Kommunikation zwischen Saxophonen und Klavier. Speziell auf dem Sopransaxophon setzte Seim mit gleißenden Glissandi, die eine indische Konnotation andeuteten, zu den kühlen Tastenmotiven überraschende Kontraste. Dieser trancehafte Rauschzustand war auch hinsichtlich kompositorischer Inhaltlichkeit und improvisatorischem Momentzustand wunderbar austariert. Was auch in der Meisterlichkeit aller drei betreffend des  Aufstoßens von Freiraum begründet lag. Ihre lyrische Ader bordetet aufs ergreifendste, bildkräftigste darin über. (Hannes Schweiger)

 

Free Jazz-Deutung im Jetztzeit-Modus
DAVE DOUGLAS/ MARC RIBOT/ SUSIE IBARRA "New Sanctuary"
Dave Douglas (tp), Marc Ribot (e-g), Susie Ibarra (dr, perc)

Drei umtriebige Drahtzieher der New Yorker Jazz-Avantgarde haben sich zusammengetan um einer Neuauslegung einer über zwanzig Jahre alten Komposition von Dave Douglas nachzugehen. Diese heißt „Sanctuary“, inspiriert von den Möglichkeiten der Architektur, und wird nun zu „New Sanctuary“ umgemodelt. Zwölf Skizzen hat Douglas angefertigt, jedes einen Notenzeile lang, die als eine Art vorgegebenes Passepartout für die, von den Anregungen ausgehend, frei assoziativen Improvisationen fungieren. Ein anfänglich sprödes, bizarr verästeltes Klangumfeld reifte in einem engverzahnten Ideenaustausch zu herzhafter Ereignishaftigkeit, prall angereichert mit vitaler Motorik bzw. energischer, ausdifferenzierter Expression. Als gedanklichen, stimmungsmäßigen Aufruf gaben sich die drei MusikerInnen das Referenzieren über das Free Jazz-Idiom aus. Diesen Impetus formulierten sie mit eingehendem Wissen und einem geneigten Zuspruch zu jener Spielhaltung und ihrer Ästhetik aus. Transformiert durch die Erkenntnisse, die ihnen dadurch eröffnet wurden, aber eben auch vernetzt mit der Klangkultur der Gegenwart. Beeindruckende Souveränität bestimmte das Spiel mit den Momentimaginationen und der einhergehenden unmittelbaren Formgebung. Aber auch das originäre Profil jeder einzelnen Stimme festigte den Tiefgang der Musik. Douglas näherte sich unter anderem in würdiger Form dem strahlend schnoddrigen Ton und der elementaren Melodiebildung Don Cherrys an. Diese Charakteristika ließ er geschmackssicher in sein jazzhistorisch umfassendes, eigengeprägtes Spiel einfließen. Verdichtet in kurze, erhitzte Sketches, verpackt in brillante weitgespannte Tonketten, die durch modale Skalen oder unorthodoxe Changes rasten bzw. punktuell gesetzt in Klangfarbenaktionismus. Unter dem Motto „While my guitar heavy howls“ gab Ribot sein multiples Können zum Besten. Gelassen schüttete er abstrakte Geräuschballungen aus, filetierte Songstrukturen, schleuderte bluesgetränkte Hooklines und krachende Rocksequenzen in den Raum. Ibarra umspielte diese Äußerungen in der ihr eigenen zumeist „taktlosen“ Subtilität. Sie entwarf entweder quirlige Klangfarbenornamente oder setzte einzelne Soundtupfer. Zusammengefasst in losen polymetrischen Vernetzungen wie auch präzisen Zeitwerten. Der Ereignishorizont des Trios fußte auf einem unverrückbaren Kollektivgedanken, der spontane Korrespondenz auf ungemein hohem Level und eine individuelle Gruppensoundidentität volltönend ausleuchtete. Gut, dass das andere Amerika, das die drei KünstlerInnen repräsentieren, worauf Douglas nachdrücklich verwies und das Ribot mit einem „Trump Nein Danke“-Button unterstrich, lautstark gegen Konservativismus und reaktionäre Gesinnung anspielt. Ein grandioses Klangkompendium als Plädoyer für Offenheit, Respekt und Humanismus. The cry of my people. (Hannes Schweiger)

 

Mondschein Sonate im Außerfern
DAVID TORN "Sun Of Goldfinger"
David Torn (e-g, electronics), Tim Berne (as), Ches Smith (dr, electronics)

Zwei eigensinnige Koryphäen/Stilisten der amerikanischen Post-Free Jazz Avantgarde der zweiten Generation, Torn und Berne, und ein ausdrucksstarker, ausnehmend flexibel schlagwerkender Kreativkopf des jungen ImprovisatorInnen Pools, paktieren unter dem kryptischen Bandnamen „Sun Of Goldfinger“. Goldfinger respektive Goldhändchen besitzen sie zweifelsfrei die drei Herren. Dessen wurde man sich bei diesem schonungslosen Soundtrip an die Ränder, und darüber hinaus, des Jazzkosmos unverhohlen gewahr. Aus tastenden Klanggesten heraus entfachte das in stimmiger Chemie agierende Terzett kurzerhand ein furioses Crescendo. Angesiedelt im oberen Volume-Level, der für die musikalische Druckwelle von Nöten war, wurden metallische Phänomene geschmiedet. Unter hochenergetischen Bedingungen und einer radikalen Auslegung, die allerdings nie aus dem Ruder lief, vertieften sich die Musiker in eine „Brachial-Poesie“ in der Reminiszenzen an die Hard Core/Noise Rock-Bewegung der 1990er Jahre Platz griffen, um sich anschließend in einem jazzgetränkten Freifeld auszutoben. Währenddessen herumgewirbelt, umgedeutet und in einer ebenso nonkonformen Diktion mit originärer Maserung und reeller Emotionalität weitergedacht wurden. Torn warf seinen höchst individuellen, mit elektronischen Devices effizient erweiterten Gitarrensound ins Geschehen. Schwell- und Splitterklänge, glissandirende Melodiebänder, flächige Klangschüttungen aber auch rüde Akkordik verdichteten sich in diesem schneidenden, flirrenden Sound. Um nichts weniger zurückhaltend durchmaß Berne den Tonraum seines Instrumentes. Mit weiten Intervallsprüngen, tonale Zentren durchbrechend, in den höchsten Diskant jagend oder mit sägenden repetitiven Mustern. Aber er war es auch, der immer wieder den eindringlichen, melodischen roten Faden auswarf, den Torn rudimentär kommentierte. Keine Schubumkehr gab es für Smith. Er ließ mehrheitlich seine Stöcke mit martialischem Punsch auf Trommeln und Cymbals niederprasseln. Jedoch eingebunden in ein spontan ausgeworfenes, komplex geschichtetes Rhythmusflechtwerk - häufig außerhalb jeglicher Periodizität. In den wenigen Phasen eines abgedrehten Timekeepings, oft in Zwiesprache mit seiner Drum-Software, verlieh Smith der Musik eine abstruse Groovness, was Torn veranlasste eine dieser Sequenzen verschmitzt als eine Version von „Sophisticated Lady“ zu apostrophierten. Die Ausgestaltung des kollektiv forcierten Improvisationshappenings manifestierte sich in weitläufigen Bögen, mit der Stärke eines kurzweiligen Hergangs. Dieser erbrachte einen multiidiomatischen, tosenden Taumel, in dem die evidente Beweisführung für die heutige polyphone Konfiguration des Jazzhauses mitschwingt. (Hannes Schweiger)