8. Februar 2017
Von Hannes Schweiger

Bilderstürmende Philm-Musik / Two Is A Company / Further Steps Across The Border / String-framed Drum Madness

Bilderstürmende Philm-Musik

PHILM
Philipp Gropper (ts), Elias Stemeseder (p, electronics), Andreas Lang (b) & Gäste: Christian Reiner (voice, poetry), Michael Prowaznik (dr)

Im „Vorspann“ zu diesem, gleich vorweg gesagt packenden „Philm-Abend“, verlautbarte des Clubs geschätzter MC, dass einer der vier Hauptdarsteller, Schlagzeuger Oliver Steidle, einer kurzfristigen physischen Beeinträchtigung zufolge, seinen Drum-Hocker räumen musste. Doch das Philm-Kollektiv, eine deutsch-österreichische, jazzgeneigte Gemeinschaftsproduktion angeregt vom Berliner Saxophonisten Philipp Gropper, setzte eine gelungene ad hoc-Reaktion und lud sich zwei österreichische Gastmusiker ein. Ein wenig Schade, dass diese packende Vorführung vor etwas spärlich besuchtem Auditorium einherging. Was dem Kreativ-Output und der Spielfreude der Musiker in keinster Weise zum Nachteil geriet. Im ersten Set, welches mehr einer kontemplativ abstrakten Textur folgte - aus feinstofflich strukturiertem Wagemut stürzten sich die Musiker mit eruptiven Klangschüttungen allmählich in die freie Wildbahn - gesellte sich vorerst der Stimmperformer/Simultan-Poet Christian Reiner hinzu. Der Schaffensprozess, der auf freitonalem Terrain mit entspanntem Verhältnis zur Jazzhistorie ausgelebt wurde, folgte primär, einen ausgedehnten musikalischen Bogens spannend, der Prämisse einer freien Kollektivimprovisation. Deren versprengte Tonsetzungen mündeten in Abständen in, im Vorfeld ausgeklügelte, prismatische Gebilde. Als Initiator per se, fungierte mit bereits enormer Reife und tiefer Jazzaffinität der grandiose, junge Salzburger Pianist Elias Stemeseder. Eine markante, klar konturierte Anschlagkultur sein eigen nennend, platzierte er unablässig spritzige Ideen in Form kürzelhafter, kantiger harmonischer Inseln, melodisch verstiegener Tontrauben oder elektronisch generierter, perkussiver Sounds, die durch ihre repetitive Abfolge eine hypnotische Rhythmuskomponente erzeugten, in die Extemporationen. Seine Partner griffen diese Impulse lustvoll und leidenschaftlich auf, sponnen sie weiter und verdichteten die Handlung zu fließenden Fantasieverschränkungen. Insbesondere vollzog sich ein organisches Ineinandergreifen von Musik und der spontan artikulierten, wortwitzig geistreichen „Surreal-Poesie“ Reiners, wie man es seit Jandls sprachgewaltigen Diskursen mit Jazzmusikern wie Glawischnig und Ruegg nicht mehr erlebte. Im zweiten, ebenso in einem durchgehenden Verlauf angelegten Teil, kam der gleichfalls jungendliche Schlagzeuger Michael Prowaznik ins Spiel. Und wie. Ohne viel Vorbereitung spielte er verzwickt arrangierte Themen wie nix vom Blatt und brachte die kinetische Energie der nun muskulös angewachsenen Musik mit federndem Spiel zum Brodeln. In Kürzestem eng verbandelt mit einem über Funktionalismen weit hinaus agierenden Bassisten. Stemeseder brillierte nun mit flinken Läufen, die er mit massiven Blockakkord-Tiraden durchsetzte und in spannende Crescendo/Decrescendo Vorgänge einband – ein persönliches Destillat aus monkschen und tynerschen Welten. Der Saxophonist pflegte in seinen Phantasmen nicht den großen Ton in einem energischen Kraftakt, sondern das Spiel der Zwischentöne und geschmeidigen Wendungen im Sinne eines Getz oder Giuffre. Gegen Ende  lautmalte nochmals Reiner, in der Musik treibend, punktgenau mit Textfragmenten. Ziemlich großes Kino. Und wertes Publikum, gehen sie bitte wieder verstärkt auf Entdeckungstour, die junge Jazzgeneration hat Hochklassiges zu bieten.

 

Two Is A Company
AKI TAKASE & DAVID MURRAY
Aki Takase (p), David Murray (ts, bcl)

Einer jazzgeschichtlichen Lecture kam dieser, in den Bann ziehende Auftritt des über zwanzig Jahre existierenden Duos gleich. Jedoch war keine demonstrative Besserwisserei angesagt. Vielmehr manifestierten die Wahlberlinerin Takase, eine sehr stringent praktizierende Pianistin und der Wahl-New Yorker Murray, der vielleicht letzte wirklich herausragende Tenorsaxophon-Stilist der Nach-Free Jazz-Epoche, einen von tiefem Respekt und der Verantwortung der Transformation in eine Gegenwartsrelevanz zeugenden Umgang mit der Jazzhistorie. Also die beiden betrieben kein Stieren in der Asche, sondern trugen das Feuer der Jazzerrungenschaften, eingedenk der so wesentlichen persönlichen Note, weiter respektive spielten Takase/Murray nicht für Museen sondern für das Leben. Als Ausgangsmaterial für ihre von überbordendem Elan durchströmten, extemporierten Diskurse zogen sie Stücke von Monk, Strayhorn und Originale beider heran. Die Partner pflogen ein egalitäres Geben und Nehmen. Obschon Murray einiges mehr an Platz für sich requirieren konnte. Doch das dürfte auch in Takases Sinn gewesen sein. Sie schuf mit ihrem entschlackten Spiel, das eine eigens umgelegte Monk-Kontur als Primärintension auswies, sehr wohl aber auch exzessive, an Cecil Taylor gemahnende Clusterhäufungen oder lyrische, der impressionistischen Klassikperiode zugeneigte Versponnenheiten zuließ, jene Räume, die ein vor Einfällen sprudelnder Murray nur zu gut mit luzider Ereignishaftigkeit auszugestalten wusste.  Den „Standards“ wiederfuhr eine aufregende harmonische Umdeutung bzw. melodische Ausweitung. Ersteres zeugte von der dahingehenden großen Kunstfertigkeit Takases und betreffend zweiterem war Murray in seinem Metier. Eindringlich reflektierte er, in singuläre Soulfulness getränkt, fünf Jahrzehnte Tenorsaxophongeschichte in unnachahmlicher Individualsprache. Mit der Bassklarinette setzte er sonore Kontraste. Einzigartig ist auch sein Handling des kontrollierten Kontrollverlustes. Nämlich weil er seine ekstatischen, frei stehenden Klangballungen, denen eine wunderbar glasklare Strukturierung innewohnte und die sich aus tonal zentrierten Themenvorgaben herauslösten, in logischer Konsequenz wieder in tradierte Funktionalismen zurückführte - in eine erfrischende Aura kleidend. Mit eben jenem typischen voluminösen, leidenschaftlichen Ton, potenziert zwischen der Dialektik atemberaubender Multiphonic- und Zirkularatmungsschleifen und schlankem Lineament, dem auch diese fesselnde Eindringlichkeit geschuldet ist. Ein Dialog der gleichermaßen souverän „inside“ wie „outside“ in die Tiefe ging. Organic Saxophone meets Conceptual Piano.

 

Further Steps Across The Border
FRED FRITH TRIO
Fred Frith (e-g, voice), Jason Hoopes (e-b), Jordan Glenn (dr, perc)

Er gehört zu den bahnbrechenden Neuerern der Klangsprache auf der Gitarre, mit der britischen Art-Rock Gruppe Henry Cow lernte er dem Rock in den Siebzigerjahren den Freiflug, in den 1980er Jahren war er eine der zentralen Figuren der New Yorker Improvisations/Noise Szene um folglich auch in komponierten Texturen seiner Experimentierlust zu frönen. Jüngst widmet er sich, nach wie vor ein kompromissloser Klangforscher, wieder verstärkt mit Leib und Seele der Improvisation. Fred Frith, multitalentierter Instrumentalist und ein im „Zwischenstromland“ sich austobender charismatischer E-Gitarren-Stilist. Eines seiner momentan bevorzugten Projekte ist das Trio mit den jugendlichen Partnern Hoopes und Glenn in dem er erneut dieser „klassischen“ Rockbesetzung, wie schon mit seinen Trios davor, - mit Mark Dresser und Ikue Mori bzw. dem legendären namens Massacre  (Laswell & Maher) - angezettelt, eine Frischzellenkur angedeihen lässt. Mit großgeistiger Haltung wurden an diesem Abend Eingrenzungen, ob mit oder ohne Durchlässen, ohne wenn und aber niedergerissen. In einem weitestgehend freilaufenden, engverzahnten Interaktionsprozess, dem maximal einige Head-Arrangements übergeordnet waren, schufen die drei meisterlichen Tonkünstler ein pluralistisches Klangkonvolut, dem Praktiken aus Rock, Jazz und klassischer Avantgarde mit sinnfälliger Selbstverständlichkeit einverleibt wurden. Aus dem Moment heraus rockte Friths Gitarre, sehr durchdacht und bereichernd mit diversen Effektgeräten gekoppelt, mir urwüchsiger Wildheit, um sodann  splittrig spröde Klangpartikel herauszumeißeln oder mit metallischen Noiseattacken sich anschließend in harmonischem Wunderkerzenflair mit Pub-Rock Andeutungen zu verlieren. Dabei goss er ein Füllhorn an unerhörtesten Klängen aus. Diese besaßen z.B. orgelähnliche Charakteristik, sangen, indische Modi anreißend, wie eine Sarangi oder schnaubten in trockener Rock-Bissigkeit. Teils konterkariert wie auch harmonisierend verschmolzen mit der subjektiven Wesenhaftigkeit des Bassspieles, das streckenweise stimmnahe Sounds formulierte, aber auch in die tiefgründigen Vollen langen konnte. Für die notwendige rhythmische Durchmischung und druckvolles wie filigran auskleidendes Forcieren, machte sich der Schlagzeuger ganz stark. Mit spinnhaften Bewegungen, die fließende, metrisch ungezügelte Schlagkombinationen auslösten, überzog er das komplette Drumset. Aber er packte auch nonkonforme, verquer angeschlagene Rockbeats aus. Dabei immer die kollektive Energie im Sinn. Diese initiierte einen dramaturgischen Verlauf, jeglicher Engstirnigkeit entsagend, in dem Steigerung-Spannung-Entspannung, Symmetrie und Asymmetrie mit spielwitziger Lustbarkeit die Unmittelbarkeit des Ausdrucks mit äußerster Konsequenz ansteuerten. Es gibt zwei Kategorien von Musikern – die, die kreieren und die, die imitieren. Frith steht leuchtend für erstere. Stimmige „Entgrenzerfahrung“. 

 

String-framed Drum Madness
JEFF “TAIN” WATTS TRIO
Jeff „Tain“ Watts  (dr), Paul Bollenback (e-g), Orlando Le Fleming (b)

Ins Rampenlicht der Jazzbühne gelangte Jeff „Tain“ Watts als rhythmisches „Kraftwerk“ in den Bands von Wynton und speziell Branford Marsalis. Er bestach durch eine famose Leichtfertigkeit in der Schichtung komplexester Rhythmen. Und diese Fähigkeit hat er im Laufe der Jahre noch detailreicher ausgearbeitet und zu fulminanten, orchestriert angelegten – begründet in seiner Ausbildung als Orchesterperkussionist – Rhythmusaggregaten geformt. Watts steht in der stilbildenden Tradition der Schlagzeug-Lichtgestalten Elvin Jones und Tony Williams und deren Kunst der Bildung von verschachteltsten Triolenketten. Er hat diese Kunst auf ein neues Level gehoben. Dieser Fertigkeit frönte er mit seinem aktuellen Trio auf ausgiebige Weise.  Mit einer gefinkelten Version des Monk Klassikers „Brilliant Corners“ preschte dieses ausnehmend kompakte Trio, in dem blindes Einvernehmen herrschte, mit vollstem Elan und Biss los. Ausgesprochen gescheit changierten die Strukturen zwischen deftiger, vertrackter Funkyness und rasendem Up Tempo-Swinging. Die Tempo-, Rhythmus- und Harmoniewechsel vollzogen sich zeitweise im Sekundentakt. Der Schlagzeuger trommelte eine imposante Off Beat-Parade zusammen, gebündelt in aufwühlenden polyrhythmischen Ornamentierungen, nahm Tempo heraus, forcierte es übergangslos, retardierte, umspielte den Beat, verweilte in periodischen Sequenzen nur kurzzeitig,  unterbrach den Rhythmusfluss mit halsbrecherischen Breaks und schickte die Grooves auch gelegentlich in die „Freilandhaltung“. All das realisierte Watts mit ständig sich verändernden, über das ganze Drumset hinweg fegenden, abenteuerlichsten Schlagmustern und mit überwiegend  bestechendem ad hoc-Feeling. Selten hört man einen, den musikalischen Prozess doch stark dominierenden Schlagzeuger, mit soviel gruppendynamischer/ -dienlicher Übersicht und dialogischem Gespür in die Felle langen. Seine beiden begnadeten Partner explodierten in diesem Sog gleichfalls. In Gitarrist Bollenbacks melodiös flüssigem, harmonisch exaltiertem Spiel schwingen Verbindlichkeiten mit Instrumentenkollegen wie Kenny Burrell, Jim Hall oder John Abercrombie mit. Er war aber auch geneigt, immer wieder auf die andere Geschichte der E-Gitarre, die des Rockkanons, Bezug zu nehmen. So ließ es das Triumvirat beispielsweise in einer Bluestextur, in berstender Blues-Rock Manier krachen und unterstrich zudem seinen ungeheuren Spielwitz in einer Improvisation die als Chicken-Hommage ihren Ausgang nahm. Über einem John Lee Hooker-Stomp sinnierte der Dreier betreffend Hühnchenzubereitungen. Deliziös. Für das fassettenreiche Klangbild spielte gleichfalls Bassist Le Fleming eine entscheidende Rolle, da er seine rhythmischen Tiefton- und Ostinatiunterfütterungen mit melodischem Fantasieren, welches in wunderbaren kontrapunktischen Meandern ausschweifte, erweiterte. Sodann, ein aufregend brodelnde Gebräu eines großartigen Trios. Ein Gebräu, das in einer gegenwartsverankerten modalen Jazzdiktion verortet war und in quecksilbrigen Energieentlandungen kulminierte.