Jazz in der Riemergasse

Eine kurze Geschichte des Swing in der Riemergasse. 

 

Die Story des Jazz in der Riemergasse beginnt eigentlich im Paris des Jahres 1942. Zu dieser Zeit existierte dort ein Vergnügungslokal namens Club Ventadour, eine Mischung aus Cabaret, Tanz- und Animierlokal. Natürlich hatte dieses Etablissement auch eine ständige Musikkapelle, sogar eine sehr gute: Roby Davis spielte Klarinette und Tenorsaxophon, Roger Godet Violine, die Gebrüder Roger und Marcel Etlens Akkordeon, Gitarre und Bass, und hinter dem Schlagzeug saß Arthur Motta. Sowohl Motta als auch Davis hatten sich im Pariser Jazzleben bereits eine gewisse Reputation erspielt.

1942 wurden die fünf Musiker im Ventadour im Zuge einer der zahlreichen Gestapo-Razzien kurzerhand verhaftet und zur Zwangsarbeit nach Wien überstellt. „Wien ist anders“ – dies galt offensichtlich auch schon während der Naziherrschaft, denn die fünf Zwangsarbeiter hatten die Möglichkeit, untereinander Kontakt zu halten. Es gelang ihnen sogar, ihr Pariser Quintett zu reaktivieren und gelegentlich durch die Hinzunahme eines weiteren französischen Musikers, des Saxophonisten Touca, zum Sextett zu erweitern. Um diese Band bildete sich schließlich eine Variététruppe, die an Wochenenden im Wiener Raum in Zwangsarbeiterlagern auftrat. Zudem knüpften die Franzosen sogar Kontakte zu Wiener Musikerkollegen, und die Arbeitsmöglichkeiten wurden zunehmend professioneller genutzt.

Besonders Schlagzeuger Arthur Motta, der als Chef der französischen Crew galt, genoss bald eine Sonderstellung. 1944 wurde er sogar vom Reichssender Wien für die Tanzkapelle des Europasenders verpflichtet. Die Kontakte zu den Wiener Musikern wurden intensiviert, gemeinsame Sessions häufiger. Motta besuchte auch hin und wieder eine Untergrundclique junger Jazzfreunde im fünften Bezirk, die Panther Babies, denen neben anderen Uzi Förster, Roland Kovac und Helmut Qualtinger angehörten, und brachte dort „für ein paar Zigaretten“, wie sich Schlagzeuger Jula Koch erinnert, Wiener Nachwuchsschlagzeugern ein paar Tricks bei.

Von der Jazzqualität der „Ostmärker“ waren die Franzosen eher enttäuscht. Dies verwundert kaum, waren doch gerade sie durch die Aktivitäten in der Seine-Stadt in der Zwischenkriegszeit einen enorm hohen Standard gewohnt. Die Nazibehörden sahen diesem mehr oder weniger illegalen Treiben eher hilflos – oder zumindest desinteressiert – zu und duldeten schließlich einen geregelten Veranstaltungsbetrieb der musizierenden Fremdarbeiter „in einem Lokal in der Riemergasse“, wie sich Rudy Kregcyk, Zeitzeuge und Saxophonist jener Zeit, erinnert. Kregcyk vermutet auch, dass die Franzosen und die mit ihnen verkehrenden Wiener Musiker – Landl, Mytteis, die Gebrüder Stumvoll sowie er selbst – unter ständiger Beobachtung standen.

Dass es sich bei diesem „Lokal in der Riemergasse“ um das Souterrain im Rondell gehandelt haben muss, wird auch durch ein Foto aus jener Zeit untermauert: Es zeigt Musiker in einer Räumlichkeit, die allein dem Haus Riemergasse 11 zugeordnet werden kann.

Die französischen Musiker kehrten nach Kriegsende in ihre Heimat zurück; von den fünf „Fremdarbeitern“ war Motta später der erfolgreichste – so spielte er nach dem Krieg mit dem Klarinettisten Hubert Rostaing und mit Django Reinhardt. Auch die Wiener Musiker überlebten das Kriegsende und standen dem Schreiber dieser Zeilen noch in den achtziger Jahren für Recherchen zum Thema „Jazz unter den Nazis“ freundschaftlich-kooperativ zur Verfügung.

Um 1950 war das in der Gersthofer Straße gelegene Domizil von Hannes Thanheiser, einem Architekten, Musiker und Kunstliebhaber, beinahe Nacht für Nacht ein offenes Haus für Künstler – so unter anderem für den jungen Helmut Qualtinger und dessen Freunde. Musik, meist Jazz, mehr oder weniger inhaltsreiche Gespräche, Alkohol und die „Anbahnung zwischenmenschlicher Beziehungen“ waren die Ingredienzen von Treffen, für die erst später die Bezeichnung „Party“ gebräuchlich wurde.

Irgendwann beschloss Thanheiser (später Schauspieler und Träger des Fellini-Preises), die eigenen vier Wände wieder vorwiegend zum Wohnen zu nützen und die Zusammenkünfte in ein Lokal zu verlegen – eventuell konnte aus den ausgelagerten Veranstaltungen ein bescheidener finanzieller Profit gezogen werden. Da kam ein Kooperationsangebot zweier Schweizer Gastronomen (einer davon ein gewisser Amann), die das „Domino“ in der Wiener Krugerstraße betrieben, gerade recht. Amann und Partner sollten für die Getränke sorgen, Thanheiser für Musiker und Publikum. Premiere war an einem Silvesterabend (die exakte Jahreszahl war nicht mehr zu recherchieren).

Nachdem eines Tages Amann und Partner die Getränkepreise hinaufgesetzt hatten, blieben die Gäste aus – in den fünfziger Jahren war es ja noch von einiger Bedeutung, ob ein kleiner Kaffee 1,50 oder 2 Schilling kostete. Letztlich scheiterte das Domino-Projekt, Hannes Thanheiser ließ aber mit seiner Idee eines eigenen Jazzclubs nicht locker.

Die Wiener Innenstadt war in jenen Tagen voll von Lokalen, die Live-Musik boten. Nicht immer war es Jazz, was man da hören konnte. Oft war es nicht einmal gute Kommerzmusik, aber das Nachkriegs-Wien dürstete nach Amerikanismen auch in der Musik. Jam Sessions mit jungen Jazzern gab es aber auch in unregelmäßigen Abständen und ohne große Vorankündigungen an diversen anderen Plätzen der City. Im Keller des Café Landtmann, an den spielfreien Sonntagnachmittagen im Theater am Parkring, im Café Giselahof unweit der Oper, im Künstlerclub in der Akademiestraße und letztlich auch im legendären „Strohkoffer“, dem Klublokal des Art Club, also der Österreich-Sektion des Internationalen und unabhängigen Künstlerverbandes. Hauptmieter des Etablissements war Max „Mäcki“ Lersch, ein Mann, der es im Rausch zuwege brachte, jede Bartheke umzuwerfen; nur im Rondell gelang ihm das nie – dort war die Bar fest verschraubt.

Nach seiner Domino-Episode fand Hannes Thanheiser für seine Idee, öffentlich Jazzmusik zu präsentieren, einen neuen Partner in Fritz Feichtinger, dem Pächter des Rondell. An den genauen Zeitpunkt des Beginns der Veranstaltungstätigkeit konnten sich Thanheiser und Zeitgenossen später nicht mehr erinnern. Max Lerschs Mietvertrag für den Strohkoffer lief zwar am 15. Februar 1953 aus, doch der Betrieb ging zumindest ein Jahr weiter, wie Otto Fessl, damals Student, heute Arzt und seit September 1953 als engagierter Jazzfreund in der Donaumetropole lebend, noch genau weiß: „Noch im Herbst 1953 fand im Strohkoffer eine Monstersession statt, unter anderem mit den Saxophonisten Karl Drewo und Hans Salomon. Es stand an diesem Abend auch – was selten vorkam – ein komplettes Schlagzeug dort. Aber immer, wenn im Strohkoffer nichts los war, pilgerten wir ins Rondell.“

Thanheiser gab dem Raum des Rondell, in dem die Jazzaktivitäten abliefen, den Namen „Studio 1“. Die Bar betrieb ein gewisser Adolf Wollmarker – laut Thanheiser „ein charismatisches Schlitzohr und ein begnadeter Kartenspieler, der stets bündelweise Geld in den Taschen hatte und offensichtlich Umsatz mit Gewinn verwechselte“. Trotz einer gewissen Prosperität – vor allem für Barbetreiber Wollmarker und Pächter Feichtinger – gab es im Rondell für die auftretenden Musiker keine Gagen. Sofern die Musiker Jazzambitionen hatten, kamen sie gern ins Lokal, waren doch die beruflichen Möglichkeiten in puncto Jazz überall sonst mehr als begrenzt. Im Übrigen handelte es sich, wie Hans Salomon, der des Öfteren im Rondell auftrat, berichtet, bei den Akteuren eher „um Anfänger oder Amateure. Die erste Garnitur, wie zum Beispiel der vielbeschäftigte Drummer Viktor Plasil, ging dort nicht hin“.

Ausschlaggebend für das relativ häufige Auftauchen von Friedrich Gulda im Studio 1 des Rondell war neben der Tatsache, dass er im Haus vis-à-vis wohnte, der Umstand, dass seine Schwester zu jener Zeit mit dem Juniorchef des Klavierhauses Reisinger liiert war. Gulda pflegte bei seinen Besuchen bei Reisinger in der Mariahilfer Straße immer auf einem bestimmten Flügel zu spielen. Hannes Thanheiser mietete dieses Klavier für das Rondell und band somit Gulda, der das Instrument offenbar besonders schätzte, an das Lokal. Gulda spielte dort häufig zusammen mit Thanheiser, dem geigenden Klubbetreiber. Dieser war zwar kein herausragender Violinist, beherrschte aber eine Reihe von Konzertstücken, die Gulda begleitete. Nicht selten arteten dann diese Darbietungen in musikalisches Kabarett aus.

Höhepunkte im meist improvisierten Musikprogramm des Rondell waren aber die von Gulda und Joe Zawinul vierhändig am Reisinger-Flügel gespielten Konzerte – von den beiden Musikern „Akkordschmäuse“ genannt. Weitere Einsteiger im Rondell waren Paul Winzig – ein in der Tat kleinwüchsiger Pianist und Sänger, dem die Amerikaner in ihren Clubs den Namen Paul Wayne gaben (Winzig nahm später offiziell den Namen Wayne an und wanderte in die USA aus) –, Johnny Fischer, Kontrabassist und 1955 Mitglied der Hans Koller New Jazz Stars, die Pianisten Roland Kovac und Alexander Jenner sowie das Allroundtalent Uzi Förster.

Hannes Thanheiser beendete allerdings nach mehreren Monaten seine Partnerschaft mit der Rondell-Geschäftsführung. Obwohl während seiner Veranstaltertätigkeit oft „mehr als zweihundert Garderoben abgegeben wurden“ (Thanheiser), die argentinische Botschaft im Etablissement wöchentlich einen Tisch reservieren ließ und auch prominente Schauspieler wie Albin Skoda die Sessions besuchten, war für Thanheiser die Zusammenarbeit mit Feichtinger und Wollmarker nicht wirklich von großem wirtschaftlichem Vorteil.

Bemerkenswert ist der Ablauf des Abschiedsabends, wie sich Jazzenthusiast Otto Fessl erinnert: Das Ende der Veranstaltungsreihe im Rondell/Studio 1 hatte sich offenbar bereits beim Stammpublikum herumgesprochen – und so erschienen am letzten Abend nur vier oder fünf Besucher. In dieser doch eher trübseligen Stimmung blieb auch die Inspiration für die Musiker aus – es waren ihrer ohnehin nur mehr drei: Zawinul, Thanheiser und „ein Kontrabassist (Johnny Fischer?), der immer in einem blauen Anzug spielte“, so Fessl. Zawinul griff zu Thanheisers Geige, der setzte sich dafür ans Klavier, der Bassist spielte so wie immer, und bald hatten auch die wenigen Gäste das Lokal verlassen. Otto Fessl und die Musiker feierten letztlich woanders das (vorläufige) Ende des Jazz im Rondell weiter …

Die Jazzaktivitäten im Rondell waren allerdings mit dem Ausscheiden von Thanheiser und der Schließung des Studio 1 noch nicht beendet. Uzi Förster sorgte mit seiner Band, zu der mit Gerhard Hönig der damals wohl modernste Trompeter Wiens gehörte, in unregelmäßigen Abständen für Jazz in der Riemergasse. Auf einem im Besitz von Hönig noch erhaltenen Plakat wird ein Konzert „Just Jazz No. 2“ angekündigt, das jedoch nie stattfand. Mitannonciert auf dem Plakat sind neben Uzi und Hönig auch der Sänger Walter Böcksteiner, ein Mann, der einige Gehversuche in der österreichischen Schlagerbranche unternommen hat, Bassist Alex Spaeth, der nach eigener Aussage nie im Rondell aufgetreten ist, und Hello Kolbe, der neben seiner Tätigkeit als Musiker auch als Plattenproduzent, Gestalter von Radiosendungen und Jazzjournalist hervorgetreten ist. Weitere Details über Konzerte und Sessions, die Uzi Förster mit Hönig, Kolbe und zuletzt auch mit Walter Terharen, dem vormaligen Posaunisten der Wirklichen Jassband – einer Wiener New-Orleans-Band –, bis 1955 durchgeführt hat, lassen sich aber heute nicht mehr verifizieren.

Als der Schreiber dieser Zeilen 1956 von Schulkollegen ins Rondell mitgenommen werden sollte, war er anfänglich begeistert, weil über die dortigen historischen Jazzaktivitäten informiert. Zu seiner Enttäuschung stand aber im Souterrainraum bereits eine Jukebox. Als ihn dann einige der sogenannten „Lederwesten“ aufforderten, „E 8“ zu drücken, und daraufhin Bill Haleys „Razzle Dazzle“ aus dem Apparat dröhnte, war sein Interesse am Rondell schlagartig erlahmt.

Der Text ist eine stark gekürzte Version von Klaus Schulz’ Geschichte des „Jazz in der Riemergasse“.

 
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