Fr 31. Dezember 2021
22:00

Karl Ratzer Quartet (A)

Diesmal trug sich wiederum nicht nur ein Jahreswechsel zu, sondern auch einer des Jahrzehnts. Obligatorisch, mit Klängen aus der Welt des Jazz eingefasst, verantwortete „Sir Karl“ mit seinem „Fünf Sterne Quintett“ sowohl den Kehraus des alten Jahres wie eben auch das Einpeitschen des neuen Jahres an Wiens erster Jazzclubadresse. Rückblickend betrachtet ist man allseits froh, das pandemische „Stop and Go“-Jahr 2020 hinter sich gelassen zu haben. Speziell im letzten Jahresdrittel häuften sich ja in fast erschreckender Weise erratische gesellschafts-politischen Entscheidungen der Regierungsverantwortlichen, speziell auch das Kulturleben betreffend. Jedoch auch für das neue Jahr kündigt sich nicht an, dass hinkünftige demokratiepolitische Weichenstellungen, wie es aber eine derart prekäre Weltlage erfordern würde, holistisch gesehen werden. Das tun fraglos mit hellwachem Geiste Karl Ratzer and his Men auf den Modern Jazz-Kosmos bezogen. Ein ordentlicher Knall gleich zu Beginn: eine harmonisch und melodisch flanierende Version von Sam Rivers´ „Beatrice“. Dessen rhythmische Eleganz von Curtis veredelt wurde. Dem verspielten Thema folgten die Grundharmonik variierende, neu interpolierende Soli von Ratzer, Neumeister und Peter Herbert. Gespickt mit Graduierungen, die die Spuren für den restlichen Abend legten. Akkordstützen wurden geschmacksicher durcheinander gewirbelt. Changes auf tonale Abenteuer geschickt. Ratzer legte all sein Herz diesmal in ausgedehnten Improvisationen offen und faszinierte mit seiner Gabe die harmonische, melodische Grundsubstanz der Themen durch Umkehrungen, Alterationen einer weiterführenden Inhaltlichkeit zuzuführen, aufs Neue. Und er überraschte das eine oder andere Mal mit entkoppelten Klangsplitterkonzentraten a la Derek Bailey. Deutlich zu Tage trat diesmal auch, dass der Gitarrist sein Soul/Rock-Faible im Köfferchen ließ und zur Gänze seine Jazzseele auspackte. Demzufolge glänzte die Stückauswahl mit anspruchsvollen Tunes von dem bereits erwähnten Sam Rivers, Joe Chambers, Mal Waldron bis Larry Young und Eigenwerken aus Koglmanns und Ratzers Fundus. Die konzeptionelle Primärausrichtung der Musik verhandelte zwar tradierte Ordnungsprinzipien (einzig Koglmann Third Stream-affine Komposition für Trio – Flügelhorn, Gitarre, Bass- gründete auf komplex verzweigten vertikalen/horizontalen Texturen), sprich Thema und Improvisation bilden ein untrennbares Begriffspaar, doch ihre Meisterlichkeit ermöglicht es den Musikern in den Extempores aus einem Neo-Bop Destillat heraus, teils mit melodisch riffartigen Motivbildungen, reichhaltig modalen Wagnissen zu huldigen. Es entstand ein musikalischer Organismus in dem sich Fixiertes und Unbestimmtes – sowohl widerspruchsreich als auch angeglichen – schöpferisch durchmischte. Ed Neumeister brillierte als einer der relevantesten, heutigen Posaunenstilisten, speziell seine Verwendung des Plungers ist einmalig, Peter Herbert mit einem Ton für die Ewigkeit, vollbrachte einen alle musikalischen Parameter zusammenfassenden Exploit. Timekeeping feinster Nuancierung, dabei Gleichförmigkeit und Monotonie außer Kraft setzend, aber auch melodieverständige, schlagtechnisch bravouröse Alleingänge gleiteten Curtis aus Händen und Füßen. Zudem jene fantastische rhythmische Einheit mit Herbert. Lediglich Franz Koglmann gab sich etwas zurückhaltender in seinen Soli. Er verknappte lieber seinen Fokus, ließ aber erkennen, dass er nun deutlicher jazzoptional dem „Into The Hot“ zuneigt. Unter die Haut ging das gemeinsam mit Ratzer praktizierte rubato-philosophieren über „My Funny Valentine“. „Das Leben entsteht jeden Moment neu und frisch: so soll es auch in der Musik sein.“, gab einmal der große Schlagzeuger Milford Graves zu Protokoll. Karl Ratzer wünschte sich: „Let´s Save Our Country From Tristesse“. Conclusio aktuell: freispielen statt freitesten. (Hannes Schweiger, über das Konzert am 1. Januar 2021)