Mo 4. Juli 2022
20:30

Azymuth (BRA)

Alex Malheiros: bass
Ivan 'Mamao' Conti: drums
Fernando Moraes: keyboards

Wer die Saudade – diesen unübersetzbaren Gemütszustand milder Sehnsucht – erreichen will, darf nicht hudeln. Das weiß das brasilianische Trio Azymuth und folgt in seiner Musik einzig dem Prinzip laissez faire, nicht dem Streben nach Geld und/oder Ruhm. Und das seit 40 Jahren.

Während sich die gleich lang tätigen Kollegen von Os Mutantes in psychedelischen Spielereien verloren, widmete sich Azymuth der futuristischen Elektrifizierung des südamerikanischen Jazz – und vergaß bei aller Lust an Abstraktionen nie, das reiche rhythmische Erbe Brasiliens zu integrieren. Dafür ist Schlagzeuger Ivan Conti verantwortlich, ein echter Carioca, also einer, der aus Rio de Janeiro stammt. Es liegt nicht zuletzt an ihm, dass bereits drei Generationen von tanzwütigen Europäern zu Azymuth-Hits wie „Dear Limmertz“ und „Jazz Carnival“ wackeln. Nun hat das Londoner Label Far Out Recordings das spacige Debütalbum aus dem Jahr 1975 neu aufgelegt. Es erinnert erstaunlich an Herbie Hancocks Alben der späten Siebziger. Ein Schlüsselsong darauf ist „Melo Dos Dois Bicudos“: Er groovt federleicht und hat dennoch ein paar verstörende Attacken parat. Immer, wenn es zu idyllisch wird, fiepsen die Synthies auf alarmierende Weise. Die Strategie, süßes Sentiment und exotische Rhythmen mit verstörenden Weltraumklängen zu kombinieren, geht auch in „Estrada Dos Deuses“ perfekt auf, einem Stück, das auch auf „Monster“, Herbie Hancocks Discoalbum von 1980, sein hätte können. Berührend, wie naiv der – 2012 gestorbene – Azymuth-Komponist José Bertrami seinem Spieltrieb auf dem damals neuesten Equipment nachgab! Heute wird ja vieles als Konzept gepriesen, was in Wirklichkeit nur versonnene Spielerei war. Solche Unbekümmertheit ist leider in der populären Musik rar geworden. Aus gutem Grund greifen viele DJs und Remixer von Thievery Corporation bis zu den heimischen Pilots On Dope zu den frühen Alben von Azymuth, wenn sie sich bei ihren kalkulierten digitalen Nachbauten nach dem Aufbruchsgeist der Siebziger sehnen, als Künstler noch nicht methodisch über ihre Karriere nachdenken wollten. (Samir H. Köck, 2015)

Azymuth, das sind Fernando Moraes (Keyboards), Alex Malheiros (Bass/Gitarre) und Ivan Conti (Schlagzeug/Gitarre), gehören zu den Pionieren des Bossa Nova, zu den ersten Botschaftern dieser lebensbejahenden, heiteren brasilianischen Variante des Jazz, die spätestens mit „Jazz Samba“ von Stan Getz/Charlie Byrd die „höheren Weihen“ bekam und auch in den USA und Europa Fuß fassen konnte. Alle drei waren bereits ausgewiesene brasilianische Spitzenmusiker, als sie sich 1968 zum „Group Project 3“ in Rio fanden. Bertrami, beeinflusst von Bill Evans, brachte Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Flora Purim und Airto Moreira mit, schrieb für Elis Regina, Jorge Ben und Sarah Vaughan. Conti hatte u.a. mit Roberto Carlos, Elsa Soares und Milton Nascimento gespielt und Bassist Malheiros, aus einer bis heute aktiven Bassbauer-Familie, konnte auf eine erfolgreiche Zusammenarbeiten mit Egberto Gismonti zurückblicken, als das Trio seinen Weg an die Spitze antrat.

Auf 1973 datiert ihr Debüt-Album „O Fabuloso Fittipaldi“, ein Film-Soundtrack, dessen Track „Azymuth“ ihnen den Band-Namen eintrug. „Agua Nao Come Mosca“ steigerte den Erfolg. 1977 waren „Azymuth“ beim Jazz Festival Montreux eingeladen – eine Dauereintrittskarte in die ganz große Welt des Jazz. „Light As A Feather“ brachte den internationalen Durchbruch. Die ausgekoppelte Single „“Jazz Carnival“ (eine Komposition von Stanley Clarke) stürmte die 1979 Charts, blieb monatelang in den Top 20. Die Trennung Ende der 1980er konnte keinen Bestand haben, zu eng war der Sound von Azymuth mit Bertrami verbunden. Sie kamen wieder zusammen und haben seither etliche neue Alben wie „Spectrum“, „Carioca“, „Carnival“, „Before We Forget“ und „Partido Novo“ produziert. Die dreißig gemeinsamen Jahre und das 10.jährige Jubiläum ihres Labels „Far Out“ feiern die drei so frisch und ideenreich wie zu Beginn mit einer Vielzahl von Freunden und Kollegen jetzt auf und mit dem neuen Album „Brazilian Soul“.

Das Cover erinnert mit seiner Pop-Schrift an die Ursprünge in den späten 60ern und frühen 70ern. Rhythmisch, tänzerisch, verträumt, mal funky, mit schnellem Drive und drängendem Beat, dann wieder schwebend – aber 100 % Jazz und Bossa Nova sind sie mit ihrer Musik trotz geringfügiger Konzessionen an Programming und Mixing jung und ganz sie selbst geblieben. „Brazilian Soul“: ein Bekenntnis zum Bewährten - hochkarätige Gäste wie Fabiola, Roberto Menescal oder Marcio Lott stehen dafür. „Brazilian Soul“ ist mit seinen samt und sonders von den drei Altmeistern fein durchkomponiertes Album, das mächtig viel Freude macht. (Pressetext)