So 4. Dezember 2022
20:30

Nduduzo Makahathini 'In the Spirit of Ntu' (SA)

Nduduzo Makahathini: piano
line up tba

Auf den Spuren der Seele

„Ich befreie mich von allem Ballast, um in ein Niemandsland vorzudringen“, so beschreibt der Pianist Nduduzo Makhathini seine Haltung beim Solospiel. Auf dem Jazzfest Berlin präsentierte sich der Südafrikaner mit einem beseelten Recital.

Ein bärtiger Mann mit schwarzer Wollmütze spielt zurückgelehnt mit geschlossenen Augen auf einer Bühne Klavier.
Bei seinen Solokonzerten liebt Nduduzo Makhathini es, selbst zu singen und das Publikum einzubinden.

Nduduzo Makhathini ist der international wohl prominenteste Vertreter der aktuellen südafrikanischen Jazzszene. Nach sieben Platten auf seinem eigenen Label wurde er 2020 als erster Musiker seines Landes vom internationalen Label Blue Note unter Vertrag genommen.

Beruf: „Musiker und Heiler“
Geprägt wurde er vor seinem Jazz-Studium vor allem durch Kirchenmusik. Nach seinem Beruf gefragt, antwortet er heute: „Musiker und Heiler“. Tief beeindruckt von der spirituellen Klangsprache John Coltranes und Pharoah Sanders‘ spürt der 39-Jährige Verbindungen zur von Ritualen geprägten Praxis traditioneller Kulturen seiner Heimat auf und schlägt so eine Brücke zwischen afrikanischen und afro-amerikanischen Musikwelten. Pianistische Einflüsse McCoy Tyners und Randy Westons verschmelzen in seinem Spiel mit denen Abdullah Ibrahims und Bheki Mselekus zu einer eigenen Klangsprache. (www.deutschlandfunk.de)

Improvisation und Spiritualität: beseelt vom Geist der Kollektivität

Auf “In The Spirit Of Ntu” zollt der Pianist Nduduzo Makhathini seinen südafrikanischen Wurzeln und Vorbildern wie Abdullah Ibrahim, Bheki Mseleku, John Coltrane und McCoy Tyner Tribut.

Abdullah Ibrahim, Dudu Pukwana, Johnny Dyani, Hugh Masekela, Bheki Mseleku, Chris McGregor, Louis Moholo… das sind nur einige der südafrikanischen Musiker, die als Instrumentalisten, Komponisten, Arrangeure und Bandleader bereits unauslöschliche Spuren in der internationalen Jazzszene hinterlassen haben. Fortsetzen ließ sich diese Liste locker mit den Namen von Claude Deppa, Moses Taiwa Molelekwa, Jonathan Butler, Tony Cedras, Sathima Bea Benjamin… Und spätestens seit er 2017 bei den All Africa Music Awards im nigerianischen Lagos als bester Jazzkünstler des ganzen Kontinents ausgezeichnet wurde, gehört auch der Pianist und Komponist Nduduzo Makhathini dazu. Deshalb ist es nur allzu passend, das sein jüngstes Opus “In The Spirit Of Ntu” nun das erste Album ist, das auf dem frisch aus der Taufe gehobenen Sublabel Blue Note Africa erscheint.

“In The Spirit Of Ntu” ist Makhathinis zehntes Soloalbum und ein wahrer Meilenstein für den südafrikanischen Pianisten, Komponisten und Improvisierer, der in seiner Heimat seit einiger Zeit auch als Sangoma (Heiler) wirkt. Auf ihm verdichtet er thematische, klangliche und konzeptionelle Ideen, mit denen er sich bereits seit 2014 auf seinen vorangegangenen Alben auseinandergesetzt hatte, zu einem ebenso vielschichtigen wie zugänglichen neuen Werk. “Ich hatte wirklich das Bedürfnis, alles, was ich bisher gemacht habe, zusammenzufassen und in einen Kontext zu stellen”, verrät Makhathini.

Für das ambitionierte Projekt stellte Nduduzo Makhathini eine Band aus einigen der aufregendsten jungen Musiker Südafrikas zusammen, darunter der Tenorsaxofonist Linda Sikhakhane, Trompeter Robin Fassie Kock, Marimba-Spieler Dylan Tabisher, Bassist Stephen de Souza, Perkussionist Gontse Makhene und Schlagzeuger Dane Paris. Als Gäste präsentiert Nduduzo außerdem seine Ehefrau Omagugu Makhathini, die österreichische Vokalistin Anna Widauer und den aus Philadelphia stammenden Altsaxofonisten Jaleel Shaw.

Auf “In The Spirit Of Ntu” zollt Nduduzo Makhathini seinen südafrikanischen Wurzeln und den Zulu-Traditionen Tribut, aber auch seinen dezidierten musikalischen Vorbildern Abdullah Ibrahim, Bheki Mseleku, John Coltrane und McCoy Tyner. In einem Interview mit Nadia Neophytou von Okayafrica verriet Makhathini kürzlich, dass er eigentlich erst recht spät und durch Zufall zum Jazz fand: “Ich nahm während meines Musikstudiums eher ungewollt an einem Jazzprogramm teil. Dabei stellte ich fest, dass ein Großteil der südafrikanischen Musik, mit der ich vertraut war – traditionelle Musik und auch große Teile der Kirchenmusik - viele Konzepte verwendet, die denen des Jazz gleichen. Aber ich wusste bis dahin einfach nicht, dass es Jazz war. Kulturell beschäftigte ich mich durch mein Erbe und meine Geschichte bereits mit Improvisation und Spiritualität. All diese Dinge spielten in der Musik, die ich kannte, schon eine Rolle. Insofern denke ich, dass Jazz einfach ein Raum ist, der einige der Dinge, mit denen ich mich in meiner Kultur, in meiner Erziehung auseinandergesetzt habe, nur verstärkt hat.”

Wahrscheinlich gelingt es Nduduzo Makhathini gerade deshalb so gut, die Grenzen zwischen westlichem Jazz und traditionell südafrikanischen Musikstilen auf “In The Spirit Of Ntu” vollkommen aufzuheben. Ntu ist eine alte alte südafrikanische Philosophie, aus der sich wiederum die Idee von Ubuntu ableitete. Ubuntu bedeutet wörtlich soviel wie “Ich bin, weil du bist” und steht für Menschlichkeit, Nächstenliebe, Gemeinsinn und Kollektivität. Genau darum geht es auch in der Musik dieses Albums, die - wie der Titel schon nahelegt – ganz im Geiste von Ntu entstanden ist. (www.jazzecho.de)

Mit dem Pianisten hat Blue Note erstmals in seiner Geschichte auch einen Musiker aus Südafrika unter Vertrag. Vielleicht findet das auch einen Grund darin, dass Nduduzo Makhathini in Shabaka Hutchings Band Shabaka & The Ancestors spielt und der Pianist einer internationalen Öffentlichkeit bekannt wurde. Dabei hat er in seiner Heimat bereits acht Alben veröffentlicht und trat mit Stefon Harris oder Azar Lawrence auf. Makhathinis musikalischer Ansatz ist zutiefst spirituell, bezieht sich auf Rituale, in denen es um die Praxis des Heilens und Wahrsagens geht. Sich selbst sieht er weniger als Komponist, sondern eher als einen Kanal, über den sich verstorbene Ältere ausdrücken. Diese Mystik beiseite gelassen, hören wir eine spannende Musik, die Vergleiche zu McCoy Tyners oder Randy Westons „afrikanische“ Arbeiten nicht scheuen muss, kann man sich doch auch bei Makhathini in üppigen, flüssigen Klavierlinien vertiefen. Die werden begleitet von einer hymnischen Bläsersektion, bestehend aus dem amerikanischen Altsaxofonisten Logan Richardson und aufstrebenden Musikern der südafrikanischen Szene, darunter Linda Sikhakhane am Tenorsaxfon und Trompeter Ndabo Zulu. 75 eindringliche Minuten voller lyrischer, aber auch schmerzhaft klagender Musik, bei der einem immer wieder John Coltrane in den Sinn kommt. (Olaf Maikopf, Jazz thing 133)