Do 2. März 2023
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John Cale & Band (GB)

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Topfpflanzen anschreien, bis sie tot umfallen

John Cage-Komplize und musikalisches Mastermind hinter The Velvet Underground: John Cale ist einer der innovativsten und einflussreichsten Musiker der letzten Jahrzehnte. Nun wird er 80.

Neben vielem, vielem anderen: John Cale war auch mal Gameshowgast. 1963 sitzt der 21-Jährige, schlaksig und seitengescheitelt, im Studio der CBS-Rateshow "I’ve Got a Secret". Sein Geheimnis: Cale hat eine Monster-Performance hinter sich. 18 Stunden am Klavier, als Teil eines vom amerikanischen Chef-Avantgardisten John Cage angeführten Pianisten-Teams, das nur eine Woche zuvor die legendären "Vexations" von Eric Satie uraufgeführt hat. (Der Titel ist Programm, immerhin quälen sich die Musikerinnen und Musiker hier durch 840 Wiederholungen derselben paar Takte.)

Dass dieses – man kann es nicht anders nennen – epochale Event der Avantgardemusikgeschichte in einer mainstreamigen TV-Show aufschlägt, ist irgendwie lustig. Und symptomatisch. In keinem anderen Jahrzehnt hat die zeitgenössische Klassik den Pop stärker beeinflusst als in den Sechzigern. Zumindest in den USA. Und niemand steht so sehr für dieses Phänomen wie der Waliser Bergarbeitersohn John Cale. Man kann Diedrich Diederichsen da nur zustimmen: "[E]s gibt nicht viel mehr als diesen einen Fall, in dem einer sowohl zur sogenannten seriösen Musik wie zum Rock (mindestens) je eine historische Tat von Jahrhundertdimensionen beigetragen hat."
Erst Musikstudium, dann Avantgarde-Action

Ehe John Cale mit Lou Reed The Velvet Underground gründet und, promotet von Andy Warhol, das wahrscheinlich stilprägendste Album (Banane!) der Rock- und Popgeschichte vorlegt, studiert er am Londoner Goldsmith College. Bratsche, Klavier und Komposition – nicht gerade Rockstar-like. Und so richtig passen Cale und das Curriculum wohl auch nicht zusammen. Im Musik-Department ist er als "most hateful student" verschrien, schockiert das Lehrpersonal bei der Abschlussprüfung mit seinen Soundexperimenten. Cale zieht es hin zur musikalischen Avantgarde. "Topfpflanzen anschreien, bis sie tot umfallen", das ist der Vibe, den er damals sucht. So hat Cale es vor Jahren der BBC erzählt.

Sein Glück, dass ihm der Komponist Aaron Copland ein Stipendium für die USA verschafft. 1963 zieht Cale nach New York, schließt sich dem Zirkel um John Cage an. Und vielleicht noch wichtiger: Wird, nur mit seiner Bratsche bewaffnet, Teil der Sessions von La Monte Young, diesem (mittlerweile) Altmeister der Minimal Music, der das In-Trace-Brummen-und-Summen zur experimentellen Kunstform gemacht hat.
Cale und Reed gründen The Velvet Underground

Es genügen nur ein paar Sekunden eines Songs wie "Venus in Furs", um zu merken, dass Cale von diesen Sessions ziemlich viel mitgenommen hat in das Bandprojekt, das er 1964 zusammen mit Lou Reed startet. Zumindest klingt es bei Velvet Underground immer so, als hätte man einen mongolischen Mönch für den Background dazugebucht. Drone und meditative Roughness sind Trumpf auf dem Debüt der Artrocker. Wozu der an der elektronisch verstärkten Bratsche sägende Cale einen wesentlichen Beitrag leistet.

Selbst lässt er übrigens (neben monoton) noch eine weitere Beschreibung für diesen Sound gelten: schmerzhaft. Das mag auch ein Grund für den (erstmal) bescheidenen Erfolg der Platte gewesen sein. In der erst letztes Jahr erschienenen, tollen Velvet-Underground-Doku von Todd Haynes bringt Brian Eno den paradoxen Erfolg des längst legendären Albums so auf den Punkt: "Es verkaufte sich nur 10.000 Mal. Aber jeder, der es gekauft hat, hat eine eigene Band gegründet." Hätte Lou Reed das geahnt, vielleicht wäre es nicht zum Clash mit Cale gekommen. Der will nämlich weiter experimentieren. Reed jedoch, fair enough, ein bisschen Erfolg. 1968, nur ein Jahr nach dem Erscheinen von "The Velvet Underground & Nico" verlässt Cale die Band und geht eigene Wege. Was nichts an der Hassliebe ändert, die ihn bis zu dessen Tod im Jahr 2013 mit Reed verbindet.

Den ganz großen kommerziellen Erfolg hatte John Cale nie. Zumindest nicht als Solokünstler. Was nicht dagegen spricht, ihn einen der experimentierfreudigsten und zugleich einflussreichsten Musiker der letzten Jahrhunderthälfte zu nennen. Patti Smith hat er produziert, mit Brian Eno und The Stooges gearbeitet. Und dann sind da noch seine eigenen Alben. Am bekanntesten wahrscheinlich: "Paris 1919" (1973), heiter-dadaistischer Folkpop mit orchestralem Pastell. Ganz anders dagegen ein Song wie "Dying On the Vine" vom Album "Artificial Intelligence" (1985): ein herzzerreißender synthie-umwölkter Abgesang auf den Alkohol. Tom Waits meets Julee Cruise, irgendwie sowas. Hintergrund: John Cale war damals gerade Vater geworden. Grund genug, mit den Alkohol- und Drogeneskapaden Schluss zu machen. Und schließlich sind da noch die vielen Soundtracks, die Cale komponiert hat. Darunter das minimalesk-aristokratische Gezupfe und Gestreiche in der Bret Easton Ellis-Verfilmung "American Psycho" (2000). Oder die zarten Streichquartett-Miniaturen für das Cannes-prämierte AIDS-Drama "Vergiss nicht, dass du sterben musst" (1995).

Kurz: Es gibt einfach wenige musikalische Genres, die dieser Mann nicht bedient. Wenn er sie nicht gleich entdeckt hat. Einzige Konstante: Diese kneipenstolze Stimme, dieses sanft-kehlige Pathos. Zu all dem scheint nichts besser zu passen als die Bezeichnung "Welshman". Natürlich ist John Cale viel mehr als das. (Tobias Stosiek, BR-Klassik, 03/2022)

Sein Lärm ist stets mit Geräusch verbunden

Mit Velvet Underground hätte er Cher beinahe in den Wahnsinn getrieben, als Solist ist er auf eine anschlussfähige Art anspruchsvoll: John Cale wird 80.

Mit dem Widerstreit zwischen avantgardistischen Ambitionen und kommerziellen Bedürfnissen haben auch Rockmusiker zu tun. Auf manche wirkt er sich lähmend aus, andere beziehen daraus ihre Kreativität. Zu ihnen gehört zweifellos der Waliser John Cale. Seine erlesene klassische Ausbildung an Klavier und Viola hinderte ihn nicht daran, immer wieder in geradezu terroristischen Lärm auszubrechen. Er haute dermaßen in die Tasten, dass Aaron Copland, der ihn ans Eastman-Konservatorium in Massachusetts geholt hatte, sich schon um die institutseigenen Instrumente sorgte und ihn zu John Cage weiterziehen ließ.

Seine wichtigste Karriere-Station bleibt wahrscheinlich Velvet Underground. Zwar war in Andy Warhols Haus- und Hofkapelle, der er in deren eigentlich wichtiger Frühphase angehörte, Lou Reed der Hauptautor; aber Cale sorgte mit Piano-Attacken und Starkstrom-Viola dafür, dass der Satanismus, den sie auf Platte und vor allem auf der Bühne aufführten, noch in seinen wildesten Momenten eine profunde Musikalität spüren ließ. Insbesondere seine Streicherei veranlasste Cher zu der Bemerkung: „Dazu gibt es nur eine Alternative – Selbstmord.“

Das seit 1970 mit durchweg prominenten Musikern (denen zum Beispiel von Garland Jeffreys oder Roxy Music) eingespielte Solowerk, von dem „Paris 1919“ das bekannteste sein dürfte, ist auf stringente Weise disparat und getragen von einer ungewöhnlich machtvoll-festen Intonation. Cale vermochte es dabei, seine prinzipielle Skepsis gegenüber Songstrukturen mit einem Bedürfnis nach Anschlussfähigkeit in der Balance zu halten. So brachte er neben Akademischem („Brahms“, „Graham Greene“), Ambient sowie späterer Film- und Ballettmusik auch ausgesprochen Süffiges hervor, Country, Music-Hall-Weisen und druckvoll durchgehämmerten, oft in Krach überführten Rock wie etwa das großartige „Fear Is a Man’s Best Friend“ (1974) von der fast gleichnamigen Platte, auf der das noch von Velvet Underground vertraute paranoide Grundgefühl wieder hervorbricht und die mit zwei weiteren, für Island Records aufgenommenen eine vergleichsweise kommerzielle Rock-Trilogie bildet.

Dass man in ihm auch einen Punk-Paten sieht, ist nicht abwegig. Cale betreute zum Beispiel die Stooges und Patti Smith. Mit acht spielte er für die BBC seine ersten eigenen Klavierkonzerte. Zu seinem Achtzigsten an diesen Mittwoch greift er womöglich auch in die Tasten. (Udo Reents, FAZ 09.03.2022)

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