Di 24. November 2020
20:30

Steve Coleman & Reflex (USA)

Steve Coleman: alto saxophone
Sélène Saint-Aimé: bass
Damion Reid: drums

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Ein ausdifferenziertes Klangkonvolut deren modale, rhythmus- und melodiekonzentrierte Textur in all ihrem Umfang, mit immer wieder überraschenden Wendungen & Fortschreitungen ausgereizt wird. Resultierend daraus, entwickelte sich eine freigeistige, höchst individuelle Klangsprache, innerhalb eines wandlungsfähigen, komplex geschichteten NeoBop-Konstruktes, welches auch Elemente von populärmusikalischen Stilistiken wie Funk, Rock oder Rap miteinbezieht und in dem der Improvisation großes Gewicht beigemessen wird, die ausgereizte Bop-Formeln außer Kraft setzt. So könnte man in aller Kürze das musikalische Denkmodell der sich M-Base (Macro-Basic Array Of Structured Extemporizations) nennenden MusikerInnenkooperative, deren maßgeblicher Spiritus Rector Steve Coleman ist, umreißen. In diversen unterschiedlichen Besetzungsformaten hat Coleman diese Idee ausgeleuchtet und verfeinert. Derzeit vermisst er dieses Terrain in Trio-Besetzung. Mit zwei seiner langjährigen Partner. In solcher Umgebung erstrahlt der glasklare, mit spezifischer Färbung versetzte und eigenwilliger Intonation gestaltete Ton in besonderer Weise. Eine Vielzahl der spontan ausgespielten Stücke, die schon einmal eine Länge von zwanzig Minuten erreichten, introduzierte der Saxophonist unbegleitet mit verwinkelter Linienführung und eindrucksvollen Melismen, die sich mit Fortdauer des Spielrausches als fast unlimitiert erwiesen. Durch jene schimmerte natürlich Colemans primäre Verwurzelung mit der Black Music-Entwicklungslinie seit Charlie Parker, jedoch ließ er ziemlich deutlich auch seine Affinitäten zur Cool Jazz-Ästhetik, von Konitz, Desmond bis Art Pepper, anklingen. Auch flocht er intelligent klassische Kadenzen ein. Da er seine Improvisationen, deren Stimmungsindikationen eine Bogen von exaltiert bissig bis lyrisch verspielt spannten, des Weiteren in eine ausgefuchste Melodierhythmik kleidete, regte er zugleich vertrackte Grooveschichtungen an. Coleman, der auch zwecks Eindringlichkeit hypnotische Pattern repetierte, stand dabei permanent in rhythmischer Korrespondenz mit dem grandiosen Drummer Rickman, der mit sagenhafter Leichtigkeit und Klangsensibilität in blitzschnellen Reflexen einen polyrhythmischen, -metrischen Gipfelsturm in Gang brachte. Faszinierend wie die Off-Beat Raffinessen von Coleman und Rickman ineinander griffen und linear verlaufende, periodisch gegliederte, rhythmische Binnenstrukturen mit selten zu hörender Elastizität und Weitläufigkeit ausstatteten. Verdichtende, aufregende kontrapunktische Standpunkte, inklusive Bach-Anspielungen, implementierte dann noch E-Bassist Tidd, der mit geschmeidigem Ton an das Qualitätsformat eines Steve Swallow heranreicht. Sein Spiel folgte einem fortwährenden, findigen Melodiefluss in dem herkömmliche Begleitschemata, ebenso wie in diesem organischen Kollektiv konventionelle Rollenverteilungen, aufgehoben waren. All das verweist auf eine Ereignishaftigkeit hohen Sättigungsgrades, die aber durch die eingeforderte Transparenz und Balance noch expliziter wurde. Jazzerzählungen von großem, humanem Tiefgang. (Hannes Schweiger über das Konzert im April 2017)