19. April 2021
Von Christoph Huber

Tätigkeitsbericht 2020

Am Dienstag, dem 10. März 2020 kam gegen Mittag die Meldung, dass nur mehr 100 Personen bei „Indoor“-Veranstaltungen erlaubt seien. Diese Verordnung war ab dem 12. März rechtsgültig, d.h. beim ausverkauften Konzert von Jools Holland war das Edikt anzuwenden. Wir schrieben also all jene Menschen an, die für diesen Abend Tickets gekauft hatten und teilten diese in zwei Gruppen zu je einhundert Personen. Jools Holland erklärte sich aufgrund der aktuellen Situation bereit, zwei Konzerte zu spielen – eines um halb neun und das zweite um zehn Uhr für je einhundert Besucher*innen. Ganz reibungsfrei verlief diese kurzfristige Aktion nicht, aber die Konzerte fanden statt und das anwesende Auditorium war begeistert. Die Maximalzahl wurde zwar deutlich unterschritten, aber es gab trotzdem so etwas wie „normale“ Clubatmosphäre – für längere Zeit die letzte, wie sich herausstellen sollte. Am nächsten Abend stand das Jazzorchester Steiermark auf dem Programm, welches wir aufgrund der geänderten Situation auf Quintettformat reduzierten. Doch die Musiker*innen sagten das Konzert ab, weil sie in den sogenannten sozialen Medien attackiert wurden. Um Musiker*innen vor diesen obskuren Vorwürfen zu schützen, zogen wir die imaginäre Reißleine und sagten alle Konzerte bis auf Weiteres ab. Am 15. März wurden wir schlussendlich offiziell behördlich geschlossen. Wir nahmen daraufhin mit all jenen Kontakt auf, die bei uns Konzertkarten gekauft hatten und boten an, dass wir ihnen die Tickets für abgesagte Konzerte zu refundieren, baten sie aber, wenn sie den gemeinnützigen Verein unterstützen wollten, Gutscheine zu akzeptieren, was dankenswerterweise die Majorität der Leute auch tatsächlich tat. Etliche spendeten gar ihre Karten. Wir haben also in den ersten zwei bis drei Wochen, ohne darauf zu warten, was der Gesetzgeber nun in Bezug auf Rückzahlung tatsächlich beschließt, den Großteil aller „Fälle“ abgearbeitet – und das trotz Kurzarbeit!

In diesen ersten Wochen wurde dann klar, dass so schnell wohl nicht mit Live-Betrieb zu rechnen sei, und wir überlegten, was wir sinnvollerweise tun könnten, um zumindest eine Jazz-kulturelle Grundversorgung zu gewährleisten. Aus dem Audio-Archiv zu streamen erschien uns nicht wahnsinnig originell, und nachdem publik wurde, dass Musiker prinzipiell ihrer beruflichen Tätigkeit nachkommen dürfen, solange kein Publikum zugegen sei und solange auf der Bühne ein Abstand von einem Meter eingehalten werden kann, entschlossen wir uns, „live-live“ zu streamen – also Musiker, die im Moment auf der Bühne stehen und spielen. Ist das Konzert vorbei, endet auch der Stream – unwiderruflich! In Zusammenarbeit mit dem Medienlabor der Akademie der Bildenden Künste wurde ein Live-Streaming-Konzept aus dem Boden gestampft, welches wir innerhalb von wenigen Tagen in die Realität umsetzten. „The show must go on(line)“ heißt die Serie, die ab dem 4. April zweimal wöchentlich heimische Bands präsentiert und via Stream „in die Welt“ transportiert. Diese Reihe war bis Ende August konzipiert, weil die Politik ursprünglich vermeldete, dass bis dahin an keine Veranstaltungen zu denken sei. Gestartet wurde mit dem famosen Duo 4675 der Geschwister Wiesinger.

Bei der Pressekonferenz der Regierung am 15. Mai wurde verkündet, dass man ab dem 29. des Monats Veranstaltungen bis zu 100 Personen abhalten dürfe, vorausgesetzt es kann ein Abstand von mindestens einem Meter zwischen den einzelnen Personen gewährleistet werden. Wir nutzten diese Möglichkeit und öffneten zu allen „The show must go on(line)“-Konzerten (eingeschränkt) die Club-Pforten für das Publikum. Live streaming with live audience! Das erste Konzert war (zufällig!) jenes von Wolfgang Muthspiel, der ein rares und vielbeachtetes Solo-Konzert gab, das auch international rezensiert wurde und womit es das P&B sogar in die ZIB 1 schaffte. Die Atmosphäre im Club war fantastisch, das anwesende Auditorium euphorisch und Muthspiel in Höchstform! Eine „bessere“ Wiedereröffnung ist wohl schwer vorstellbar. „Offiziell“ abgeschlossen wurde diese Serie Ende August mit einem dreitägigen Festival mit dem Titel „A.E.I.O.U. – Austria erit in orbe ultima“ mit insgesamt 9 Formationen austriakischer Kingsize-Talents wie Georg Vogel, Elias Stemeseder, Judith Ferstl, Ralph Mothwurf, Beate Wiesinger, David Six, Michael Naphegyi, Primus Frosch, Simon Raab, Vicky Pfeil...

Es gab zwischen Anfang April und Ende August insgesamt 51 Abende unter dem Label „The show must go on(line)“, 16 davon ohne Publikum, also „nur“ im Stream und 34 mit Publikum, was rund 2000 Besucher nutzten. 

Ab dem 1. September gingen wir wieder zu einem täglichen Betrieb über und haben alle Abende bespielt – teilweise auch mit internationalen Formationen wie z. B. dem „Orchestre National de Jazz“ aus Paris. Es wurde keine einzige Covid-Übertragung bekannt, was wohl auch daran liegt, dass wir uns strikt an alle Vorgaben halten und auch das Publikum ein hohes Maß an Sozialkompetenz aufweist und z. B. die Maske dort trägt, wo sie verlangt wird. Ende September öffnete die Akademie der Bildenden Künste wieder ihre Pforten, was bedeutete, dass wir das Kamera-Streaming-Equipment zurückgeben mussten. Aber es war von Anfang an klar, dass, wenn wir diese gesamten Vorkehrungen treffen (Einbindung in unserer Homepage, notwendige Server, diverse Programmierprozesse...), wir auch weiterhin parallel zu den Live-Konzerten alternativ den Stream anbieten wollen. Das bedurfte einer finanziellen Investition, die gerade in derartigen Zeiten eher mühsam ist, aber wir haben uns dafür entschieden und zwar auch deswegen, weil wir der Überzeugung sind, dass wir dadurch auch ganz neue Publikumsinteressen wecken können bzw. Menschen erreichen, die, aus welchen Gründen auch immer, sowieso nicht in den Club kommen können. Wir streamten vorläufig in einer Kompromissversion mit einer Zentral-Kamera, aber Ende Januar wurden die bestellten Remote-Control-Kameras geliefert.

Ab dem 3. November erfolgte Lockdown Nr. 2, der dann bis zum 19. Mai 2021 dauern sollte. Da begannen für uns die Schwierigkeiten quasi nochmals, weil auf den Herbst verschobene Konzerte neuerlich verschoben werden bzw. Musiker*innen ganze Tourneen absagen mussten und wir erneut den Aufwand von Um- und Rückbuchungen von bereits gekauften Tickets hatten. Außerdem musste das Programm immer wieder umgestellt bzw. neu konzipiert werden, was ebenfalls einen hohen zeitlichen Aufwand bedeutete.

Es gibt nicht viel Positives, was wir dieser Krise abgewinnen können, aber wenn es etwas gibt, dann die unglaubliche Solidarität unserer Community, sprich Musiker, Besucher, Journalisten etc. Durch die Krise wurde den Leuten bewusst, was es bedeutet, wenn etwas Gewohntes bzw. Liebgewonnenes plötzlich nicht mehr zur Verfügung steht. Für mich persönlich ist es natürlich auch von großer Bedeutung, dass man für ein Programm verantwortlich ist, das die Leute zu schätzen wissen. Der Stream war/ist ein Angebot, das Interessierte annehmen können und auffällig viele haben dieses Angebot tatsächlich genutzt. Außerdem sorgte es auch international Aufsehen, wie schnell wir auf die widrigen Umstände reagiert haben, was unserer Reputation nicht abträglich war. Und die Musiker*innen haben erkannt, dass das P&B auch in schwierigen Zeiten ein verlässlicher Partner ist. Abschließend wage ich die Behauptung, dass das P&B gestärkt aus dieser Krise kommen wird – natürlich auch aufgrund der Unterstützung der öffentlichen Hand, wofür wir sehr dankbar sind.

Zu den Facts: Der Hauptraum des P&B wurde 2020 an 168 Tagen mit öffentlich zugänglichen Produktionen bespielt, die von knapp 23.500 Personen besucht wurden. Es gab insgesamt 208 Streams, davon 75 ohne Publikum. Die Anzahl der „virtuellen“ Besucher*innen im Netz betrug bis zum 31. Dezember 2020 cirka 60.000. Zusätzlich gab es 9 Matineen (Wild but heart...). Dazu kamen 36 Konzerte in der Strengen Kammer mit knapp über 830 Besucher und 3 Vernissagen in der Public Domain.