July 19, 2023
By Hannes Schweiger

Sorry this part has no English translation

DO 08. Juni 2023
Trommeln für die Ewigkeit – ein Fest für Wolfgang Reisinger
WOLFGANG REISINGER MEMORIAL “TIME NO TIME”
Georg Graewe, Mario Rom, Martin Siewert, Christian Weber, Wolfgang Mitterer, Sigi Finkel, Franz Hautzinger, Andy Middleton, Herbert Reisinger, Joanna Lewis & Koehne Quartet, Peter Herbert, Lukas König, Wolfgang Puschnig, Jacek Kochan, Max Nagl, Rudi Berger, Patrice Heral ...

Genau vor einem Jahr wurde Wolfgang Reisinger unerwartet und völlig unverständlich aus dem Leben gerissen. Wahrlich zu einer Unzeit. Gerade war er zu neuen musikalischen Erkundungen aufgebrochen. Wollte „Zeit“ in einem Kollektiv (mir Christian Weber-b und Mario Rom-tp) improvisatorisch wie kalkulatorisch, unter der Prämisse individueller Empfindung, weitgefasst ausloten und neu in Bezug setzen. Ein Schlagzeuger mit höchster Reputation im Jazz-Zirkel als auch jenem der Neuen Musik grund seines inspirierenden und ereignisanstoßenden Drummings. Wolfgang Reisinger war ein perkussiver Kolorist par excellence. Begnadeter Improvisator wie Interpret. Einer der Rhythmen in seiner Grundstruktur erfasst hat, diese zerlegen und neu formatieren, zu druckvollem, periodischen Schwingen verdichten oder in loses, feinstoffliches Pulsieren ausströmen lassen konnte. Mehr als Anlass genug um Wolfgang Reisinger mit einem Erinnerungsfest zu würdigen. Initiiert vom P&B, in Töne gesetzt von langjährigen WeggefährtInnen/FreundInnen. In unterschiedlichen Gruppierungen und ebensolchen Organisationsformen, Stimmungen und Inhalten erwiesen die unzähligen MusikerInnen  Wolfgang Reisinger ihre Wertschätzung. Folgender dramaturgischer Ablauf war für den Abend ausgegeben: Für die einzelnen Formationen stand ein Zeitkonto von ca. 15 Minuten zur Verfügung, verbindende Interludes waren auf einige wenige Minuten anberaumt. Den Anfang machte einer von Reisingers engsten Partnern: Wolfgang Puschnig, gemeinsam mit dem formidablen Koehne Quartett (sie kamen zweimal zu Ton). Wunderbare melodisch konnotierte Kontrapunktik, in den Streichquartettarrangements zu komplexen Verlaufsformen gebündelt und von eingängigen Hooklines aufgebrochen. Puschnig kommunizierte mit seinem schier unerschöpflichen melodischen Fundus.

Zwischen den einzelnen Acts waren erwähnte „Interludes“ gepflanzt die Wolfgang Mitterer, ein weiterer enger Bruder im Geiste des Gewürdigten, auf Basis diverser Schlagzeugsoli von Reisinger zusammenmontierte und in seiner Eigenart als „JazzDissident“ improvisatorisch zusätzlich gewichtete. Geballt rasend bis reduktionistisch. Zudem war jede/jeder der wollte eingeladen sich einzuklinken. Was fast immer geschah. Weitere beglückende Hommagen erschufen der Schlagzeuger Herbert Reisinger, mit einem konzisen Rezital. Agil angelegt mit dem Fokus „weniger ist mehr“. Weiters ein Quartett aus Georg Vogel, Max Nagl, Clemens Salesny, Lukas König – fulminante in der Zeit stehende Jazz-Moderne. Es trafen sich interludisch Mitterer und Peter Herbert, eindringlich. Georg Graewe und Peter Herbert sind quecksilbrig in den Moment abgetaucht. Ein Trio um Mario Rom, König und dem extra angereisten Schweizer Bassisten Christian Weber knüpfte beeindruckend an das „Time No Time“-Konzept von Reisinger an. Rudi Berger und Peter Herbert warfen all ihre „String-enz“ in die Waagschale. Andy Middleton und Weber zelebrierten ein Lamento mit Zähneknirschen. Intensität, Wucht, Rasanz schraubte das Quartett bestehend aus Franz Hautzinger, Martin Siewert, Jacek Kochan und abermals Weber in die Höhe. Mit Rock-Approach  als Schubkraft, der labyrinthisch strukturiert wurde, stürmten die Herren klanglich Steilwände und Schluchten auf und ab. Bläserpolyphonie aus der Offensive mit massigen Bassgrundierungen stießen Nagl, Rom, Sigi Finkel und nochmalig Weber in den Äther. Final  gebärdete sich ein erhabenes Orchester-Tutti. Es war auffällig wie sehr sich bei allen Beteiligten das Naheverhältnis zum Reisingerschen Klangkosmos mit seinem Nuancenreichtum erhören ließ und wie sehr sie seine Partnerschaft schätzten. Auch klang an mit welch konsequenter Persistenz Wolfgang Reisinger seine Musik entwickelte. Ein zutiefst aufregender Abend an dem dank der nahtlosen Übergangs von Hauptacts und Interludes die Musik permanent in Bewegung war. Wolfgang Reisinger ist ziemlich präsent im kollektiven Jazzgedächtnis.