So 25. Juli 2021
20:30

Markus Gottschlich: piano
Menachem Welt: bass
Yogev Shetrit: drums

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Denkt Markus Gottschlich an die USA, wo er seit 23 Jahren lebt, überkommt den Pianisten nebst Erleichterung (über den Wahlausgang) auch Sorge. Seine Befürchtung ist, "dass nach Joe Biden jemand siegt, der den gleichen Nerv trifft wie Trump", aber noch gefährlicher wird, "da er intelligenter ist als Trump und nicht in jedes Fettnäpfchen tritt." Gottschlichs Bedenken sind verständlich. Er hat die Trump-Corona-Zeit erlebt – samt spürbar aufgeheizter übler Laune.

Da gab es Bars und Restaurants, "in denen man aufgefordert wurde, nicht über Politik zu sprechen ...", erzählt Gottschlich, der auch die Lage der Musiker als dramatisch definiert: "Man muss ganz ehrlich sagen, dass auch in den USA – insbesondere jetzt in Pandemiezeiten – jeder ums Überleben ringt." Unter Trump galt Kultur nicht als förderwürdig. Nun treffe es aber "Uni-Abgänger genauso wie Grammy-Gewinner. Man wäre überrascht zu hören, wie viele ganz große Namen kaum mit der neuen Realität zurechtkommen."

Tod der Kollegen

In dieser gefährlich fragilen Phase hat es Gottschlich jedenfalls geschafft, seine Einspielung Found Sounds zu produzieren. Nicht leicht. Die Jazz-Community in New York und New Jersey, die er gut kennt, "ist sehr stark von der Pandemie getroffen worden". Kollegen wie Trompeter Wallace Roney und Gitarrist Bucky Pizzarelli, die auch Nachbarn waren, starben.

Auch für den gut vernetzten Gottschlich wurde die Lage ungemütlich – zumal in New York: "Die Aufnahme entstand, nicht wissend, ob man noch ein Dach über dem Kopf oder noch Arbeit haben wird. Dazu das Risiko einer Corona- Erkrankung ..."

Keine üblichen Zeiten, und auch inhaltlich keine gewöhnliche Einspielung: Found Sounds basiert auf konkreten Klängen, die Gottschlich u. a. in Wien, London, New York, Taipei und Miami über die Jahre gesammelt hat. "Jazz hat die spezifische Eigenschaft, auf Momente reagieren zu können", erzählt der Wiener. "Diese Momente habe ich in Umweltgeräuschen gefunden, aus denen ich Lieder geformt habe."

Ägyptischer Blockbuster

Für den Hörer ergeben sich somit geografisch gebundene atmosphärische Bezugspunkte. Von diesen ausgehend, erlebt er einen eleganten Jazzpianisten, der die Sounds zu konkreten Strukturen transformiert. Gottschlich, der einst als Teenager in die USA ging, um Basketballprofi zu werden, ist auch abseits der Tasten aktiv. Seine Kompositionen, die er auf die Plattform Soundcloud geladen hatte, brachten ihm "zwar nur Centbeträge ein". Allerdings fanden Filmemacher – über diesen Kanal – Gefallen an seiner Musik, worauf seine Ideen "in dem ägyptischen Blockbuster Ras El Sana Eingang fanden".

Daneben sind nun auch neue Dinge entstanden. "Für mich hat Corona auch Türen geöffnet. Zweimal in der Woche mache ich etwa einen Workshop mit Studenten aus Singapur. Das hätte ich vor Corona wahrscheinlich nicht getan." Vor kurzem hat er auch "die erste virtuelle Jazz-College-Messe organisiert, wo junge Musiker weltweit die Möglichkeit hatten, Leiter renommiertester US-Institutionen virtuell zu treffen".

Corona und der Stil

Gottschlich hat somit einen guten Überblick – auch über die Folgen, die Corona auf Musikentstehung und Stile hat: "Wirklich kreative Musikerinnen und Musiker schreiben und spielen pandemiebedingt jetzt anders als zuvor. Ein ursprünglich freierer, risikofreudigerer Zugang zur Musik wurde den Umständen entsprechend oft ersetzt durch die Notwendigkeit des Durchkomponierens und Arrangements mithilfe vieler elektronischer Gadgets."

So seien viele Kooperationen über Zoom, Soundtrap und eine Reihe anderer Softwares entstanden. "Ich selbst merke, dass ich ein neues Verhältnis zur Dissonanz bekam und neue Experimentierfreudigkeit entwickelt habe. Gleichzeitig aber ist da auch ein Besinnen auf das Essenzielle." Für ihn, der nun langsam aber sicher wieder nach Wien zieht, ist es das Element der "Melodik".

Ja, und natürlich die Fähigkeit, "Musik atmen zu lassen", vielleicht manchmal so wie Beethoven, in dessen einstiger Wohnung (im Pasqualati-Haus) er aufwuchs. (Ljubiša Tošic, Der Standard, 31.12.2020)