Max Nagl Quintet (A/USA)
Max Nagl: reeds
Martin Eberle: trumpet
Phil Yaeger: trombone
Georg Vogel: piano
Gregor Aufmesses: bass
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(...) Neben dem mitunter sehr räudigen Trio, in dem albummäßig – etwa auf »Moped« – die frühen Jazzwerkstattler Clemens Wenger und Herbert Pirker als Sidemen mitwirken, betreibt Nagl des Weiteren sein Quintett. Dies hat eine eher kammermusikalische Vorgeschichte, die sich etwa in Stefan Parnreiters Würdigung von »strichcode« aus dem Jahr 2001 widerspiegelt. Während vor einem Vierteljahrhundert Joanna Lewis (Violine), Josef Novotny (Piano), Achim Tang (Bass) und Patrice Heral (Percussion) im Line-up waren, besteht das neue Quintett seit 2018 aus Max Nagl (Alto/Sopranino Sax), Georg Vogel (Piano), Gregor Aufmesser (Bass), Martin Eberle (Trompete) und Phil Yaeger (Posaune). »Pdorvk«, das Quintett-Album aus 2020 zeigte sich bereits inspiriert vom Schaffen Anthony Braxtons, was auf dem aktuellen Tonträger »Phasolny« bis aufs gestrenge Remake »6c« weniger durchschlägt. Zwar gibt es als Trademark weiterhin wendige Bravour, doch wirken die durchdacht komponierten Stücke noch graziler, feiner ineinander übergehend. Beglückender Klang! (...) (Skug)
Im Bereich der Tonorganisationsform Komposition hat sich der geradlinige Querdenker mit bewegtem Jazz-Lebenslauf Max Nagl im letzten Jahrzehnt ein weitläufiges Freiland geschaffen. Man wird beim Hören seiner Musik immer deutlicher des Eindrucks gewahr, dass er durch den bekannten Umstand seine Ohren allen möglichen musikalischen Strömungen zu leihen, mit für ihn inspirierenden Versatzstücken diverser Stilistiken/Spielhaltungen innerhalb des Ideenüberbaues nach improvisatorischen Prinzipien verfährt. Derart überraschend lanciert wirkend, sind diese verbindender Teil determinierter Nagl-Originaltexturen aber auch kollektiver Extemporationen. Hinzu tritt zur Ereignisschichtung eine organische, bewegungsdynamische Komplexität, die sich detailreiche Ausleuchtungsmöglichkeiten der geplanten Spielsituation zur Aufgabe stellt. Max Nagl hat schon seit langem Könnerschaft expressis verbis diesbezüglich anzubieten. Sein aktuelles Quintett trifft allenthalben ein weiteres Mal den Nagel auf den Kopf. Zudem hat er für dessen Materialsammlung sich der Musik/Konzeption des unorthodoxen Solitärs Anthony Braxton gewidmet. Speziell seinen Quartett-Musiken der 1970er Jahre. Für die Interpretation von Braxtons diffiziler Klangwelt muss man mit dessen Koordinatensystem gut vertraut sein und in Kohärenz mit dem eigenen bringen können, um nicht in halbgare Nachspielversuche abzugleiten. Nagl schafft eine bemerkenswerte, Braxtons Vision tiefgreifend rezipierende Eigendeutung. Wobei Nagl sich auch in seinem Saxophonspiel immer mehr als selbstständiger Braxton-Typus deklariert. Eröffnet hat das kongenial agierende Quintett mit der Braxton Komposition „23 D“. Im Laufe des Abends folgten weiters „40B“ und „6C“. Prägendes Strukturprinzip dieser Stücke sind die rasanten Achteltonketten der mehrgliedrigen Themen. Verschachtelt gereiht, mit periodischer Time-Signature und boppiger Phrasenbildung. Mit in Staunen versetzender, lässiger Verspieltheit, dabei ungemein präzise und berauschend swingend, zuzüglich naglscher kompositorischer Einwürfe, haben die Musiker die Braxton-Stücke neu vermessen. Der Großteil des Konzertes bestand freilich aus neuer Musik von Max Nagl, die gleichfalls von Braxtons Tonkunst förderlich inspiriert ist. Die eingangs erwähnten Charakteristika erklangen noch ausgereifter und ineinander verwobener. Von den Musikern unaufhörlich mit Energie gespeist, in der Ausdruckskraft verdichtet, improvisatorisch veredelt. Betreffend Letzterem war jeder der Protagonisten voll auf der Höhe. Innerhalb des Jazzidioms ebenso wie in gezieltem Klangfarbenspiel – individuell in der Stilistik, weitreichend in der Imaginationskraft. Zentralgestirn in Nagls Architektur freier Tonalität bleibt der kollektive Ensembleklang, der auf kniffliger Mehrstimmigkeit, motivischer Reichhaltigkeit, in der melodisches Potential lagert, harmonischer Ausdehnung im Rahmen kontrapunktischer Fertigkeit, melodierhythmischer Extravaganz setzt. Das Jazzfaible bleibt omnipräsent. Besondere Würze bietet nach wie vor der kauzige Witz Nagls, der ihn auch animierte eine Melodie der Rockband Bilderbuch aufzugreifen, oder einen Landler ironisch aufzuladen. Fein dosiert und nicht zuletzt in Titeln wie „Pullover“, „Mittwoch“, „Plafond“ oder „kervehrt“ niedergeschrieben. Versammelt sind die Kleinode auf dem neuen Tonträger „Pdorvk“ den es zu bewerben galt. Der Besetzung geschuldet wird solchen Projekten gerne das Adjektiv kammermusikalisch umgehängt. Vielmehr sollte man jedoch für lusterbodenmusikalisch plädieren - wegen der Lust die diese Musik bereitet. Nagl hat einen Ansatz anzubieten, der die Idee des „Third Stream“ neu kartographiert. Vielleicht ein „21st Century New Stream“. Super Max. (Hasnnes Schweiger, über das Konzert vom 1. Oktober 2020)