Mi 27. November 2019
20:30

Christian Muthspiel & Orjazztra Vienna (A)

Lisa Hofmaninger, Astrid Wiesinger, Ilse Riedler, Gerald Preinfalk, Robert Unterköfler, Florian Bauer: saxophones
Gerhard Ornig, Dominik Fuss, Lorenz Raab: trumpets, fluegelhorns
Alois Eberl, Daniel Holzleitner: trombones
Tobias Ennemoser: tuba
Philipp Nykrin: piano
Beate Wiesinger, Judith Ferstl: bass
Judith Schwarz, Marton Juhasz: drums, percussions
Christian Muthspiel: compositions, musical director

Großbesetzungen im Jazz sind rar geworden. Unter anderem durch den Verfall der Gagen in den letzten 10-15 Jahren geht eine Kultur verloren, welche die Geschichte einer der größten musikalischen Erfindungen des 20. Jahrhunderts mitgeprägt hat: Von Duke Ellington bis Carla Bley, vom Sun Ra Arkestra bis zum Vienna Art Orchestra gehörten großbesetzte Bands immer zum Kanon der improvisierten Musik. Mit dem 18-köpfigen Orjazztra Vienna möchte ich diese Gattung nicht nur wiederbeleben, sondern auch weiterdenken, in ein zeitgenössisches Umfeld rücken und in Österreich wieder eine langfristig agierende Großbesetzung, die auch
international Gewicht bekommen soll, etablieren. Österreich und Wien besitzen derzeit eine schier unglaublich dichte Szene junger, großartiger Musikerinnen und Musiker, die in vielen kleinen Formationen musizieren, die neugierig, experimentierfreudig, weltoffen und allesamt sehr gut ausgebildet sind und somit auch technisch auf höchstem Niveau spielen.

Zum überwiegenden Teil besteht das Orjazztra aus jungen Menschen dieser heimischen Szene, und zwar mit einem signifikant hohen Frauenanteil. Denn im Gegensatz zu den Fortschritten diesbezüglich in der klassischen Musikwelt hat der Jazz in Fragen der Gleichberechtigung - und das trotz der immer größer werdenden Anzahl an virtuosen Musikerinnen - nach wie vor großen Aufholbedarf. Mit doppelter Rhythmusgruppe (2 Bässe, 2 Schlagzeuge), Klavier, 6 Holz- und 6 Blechbläsern ist das Orjazztra ungewöhnlich besetzt und eher als zeitgenössisches Jazzorchester denn als Big Band zu bezeichnen.

Nach nunmehr 35 Jahren als Komponist, Dirigent und Instrumentalist, immer zwischen den Stühlen agierend bzw. diese regelmäßig wechselnd - vom Leiten zahlreicher Jazzbands bis zum Dirigieren einer Mahler-Symphonie, vom Komponieren für Symphonieorchester bis zur Produktion der Signations für Ö1 –, soll das Orjazztra für die nächsten Jahre nun mein musikalischer Schwerpunkt und die größtmögliche gemeinsame Schnittmenge der Summe dieser Erfahrungen werden: Ein orchestraler Zugang zum zeitgenössischen Jazz über komplexe Partituren, die gleichzeitig den individuellen Solistinnen und Solisten den entsprechenden improvisatorischen Freiraum geben, weit weg vom Sound üblicher Big Bands und klanglich geprägt von einem akustischen, in diesem Fall bewusst elektronikfreien, an den Tugenden klassischen Orchesterspiels geschulten Zusammenklang. (Christian Muthspiel, September 2018)