Mi 4. März 2020
20:30

Tom Harrell's Infinity Band (USA)

Tom Harrell: trumpet, fluegelhorn
Mark Turner: tenor saxophone
Charles Altura: guitar
Ben Street: bass
Johnathan Blake: drums

Optisch widerspiegelt sich sein tragisches Leben, Harrell laboriert an einer psychischen Erkrankung, abseits der Musik. Doch sobald er in sie eintaucht, richtet sich sein eingesackter Oberkörper auf und ein faszinierend schillernder Klangstrom entsteigt seinen Instrumenten. Harrell gilt in Musiker- und Fachkreisen seit langem als einer der komplettesten, befähigtsten Trompeten-, Flügelhornstilisten der heutigen jazzfundierten Improvisationsmusik. In seinem Spiel komprimieren sich die Eigenheiten von Trompetengrößen der Vorgängergeneration wie beispielsweise Clark Terry, Dizzy, Clifford Brown, Chet Baker, Lee Morgan, Freddie Hubbard und für ihn von besonderer Bedeutung Miles und Johnny Coles, zu einer substantiell einmaligen Stilistik. Deren Keimzelle ist eine tiefgreifende Emotionalität.

Und von nicht anders als magisch zu nennender Faszination war angesprochenes Konzert mit seinem aktuellen Quartett. Im Moment öffneten sich großzügigste Räume und die Musik ging sofort auf. Erschaffen von einem völlig egalitären Quartett bar jeglicher Hierarchien, dem die Parität von Harmonie, Melodie und Rhythmus als wesentliche Prämisse gilt – analog des Ansatzes von Ornette Colemans Harmolodic – System. Jeder einzelne von Harrells Sozii ein ausgewiesener Virtuose mit außergewöhnlichem Empfinden für strukturelle Transparenz wie klangfarbliche, rhythmische Diversität. Sowohl im kollektiven Verbund als auch in der solistischen Darstelllung. Für die „Flüge“ durch die Weiten des modalen Jazzfirmaments zogen die Musiker simplifizierte, prägnante Themen heran, die oftmals aus nur wenigen Tönen bestanden, keine Bridge beinhalteten oder in prägnant geschmeidigen Walking-Lines dahinschritten. Unmittelbar kippte die Ereignishaftigkeit in sprühende Improvisationen, die ebenso gleichbedeutend unter den Musikern aufgeteilt waren. Dabei praktizierten sie (Harrell ausgenommen) auffallend die Gepflogenheit sich bei Bass- oder Schlagzeugsoli des jeweiligen Protagonisten nicht aus dem Findungsprozess herauszunehmen, sondern ihn mit kleinen kontrierenden Einwürfen anzuregen. In ihrer Einheitlichkeit und ihrem Zusammenwirken war das Quartett eine Sensation. Simultanes Freisein im Zugriff auf unterschiedlichstes formalistisches Material war in jeder Geste hörbar und initiierte der Musik eine zusätzliche, Unmittelbarkeit ausstrahlende Spontaneität. Jener Umstand potenzierte sich durch Harrells Statements, die klarerweise im Zentrum standen, aber nie in dieses drängten. Er lässt seinen Improvisationen eine Qualität angedeihen, die ihn befähigen, die Essenz einer musikalischen Aussage, einer emotionalen Befindlichkeit aus den Ereignisarrangements herauszumeißeln. Mit berührend warmen Ton, einer geschmeidigen Legatophrasierung, glasklarer Intonation und einer federnden Melodierhythmik. Das Erklungene fand sich zu Aggregatzuständen zusammen, in der Innen – und Außenwelten gleichermaßen korrespondierten und außerhalb der Begrifflichkeit standen. Sie erklommen eine Meta-Ebene, wie sie in ihrer Unmittelbarkeit, Freigeistigkeit und Solidarität eigentlich nur das Jazzprinzip ermöglicht. Moving Pictures, touching Sounds. (Hannes Schweiger, anlässlich des Konzertes vom 24. April 2018)