Mon July 4, 2022
20:30

Hermeto Pascoal & Grupo (BRA) – Re-Stream vom 27. Mai 2022

Hermeto Pascoal (DX-7, bass-fl, teapot, sanfona, p), Itibere Zwarg (e-b), André Marques (p), Jota P. (ss, as, ts), Fábio Pascoal (perc), Ajurina Zwarg (dr, perc)

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Die Musiker von Azymuth stehen/sitzen am Airport in Berlin, weil der Austrian-Flug überbucht war und sie nicht in den Flieger gelassen wurden. Der nächste Flug geht morgen und das ist zu spät für unsere Veranstaltung. Wir müssen das Konzert heute leider absagen bzw. auf Herbst verschieben. Nachdem der "virtuelle" Club aber täglich spielt, zeigen wir den Re-Stream des fantastischen Konzertes von Hermeto Pascoal vom 27. Mai dieses Jahres. Keep Live-Jazz alive & join the Stream... ch

Der Klanguniversalist

Hermeto Pascoal, charismatische Ikone der avancierten brasilianischen Musik, der Ende der 1960er Jahre anhand radikaler Kreativität den Samba mit den Errungenschaften des Modal Jazz/Free Jazz vermählte und einiges mehr, daraus einen eigenen Organismus formte, erfreut sich immer noch eines unbändigen Impetus zur Musikerfindung. Wesentlich war zudem sein Anteil an der Erneuerung und Reanimierung der in Brasilien parallel zur Inhaltlichkeit der frühen nordamerikanischen Jazzentwicklungen kreierten Musikform „Choro“. Obendrein war Pascoal Förderer und Impulsgeber der damals jungen Musikergeneration Brasiliens. Unablässig trägt er seine Musik in die Welt hinaus. Das Porgy & Bess bot ihm einen gebührenden, inspirierenden Rahmen. Kurzerhand komponierte er am selben Tag ein Hommage-Stück für den Club. Sein Alter von unglaublichen 86 Jahren begleitet ungebrochen eine ausgelassene Lebensfreude. Was sich unmittelbar aufs Publikum übertrug. Seiner im Vergleich zu ihm jugendlichen Grupo ließ der multiinstrumentell begnadete Mestre Hermeto den Vortritt. Als Intrada tanzte diese mit einer Mixtur aus Jazz-, Rock-, Samba-Konstanten über die Bühne. Aus jeder Note quoll Vitalität und Impulsivität hervor. Hier hatte man schon eine jener originellen, ausgefuchsten Kompositionen/Konzeptionen, die Hermetos einmalige Pan-Stilistik zum Ausdruck bringen. Zur Band gesellt, bespielte er zunächst ein aus der digitalen „Antike“ stammendes Instrument – das legendäre Yamaha DX-7 Keyboard.

Höchst fokussiert setzte er damit lenkende, anregende Harmoniekürzel hinzu. Oder setzte melodierhythmische Kontrapunkte, oder lenkte den Rhythmus überhaupt um. Eine Praktik die Miles Davis, dessen Einfluss Pascoals auf ihn er hoch bewertete und der auch Anfang der 1970er Jahre in seiner Band spielte, für seine Keyboardverwendung übernommen haben dürfte. Geschickt wusste Pascoal mit physischen und kreativen Energie zu haushalten. Nach eingestreuten Ideen überließ er oftmals seinen Mitmusikern die weitere Vervollkommnung. Beeindruckende Homogenität war hierbei erlebbar. Hellhörig, sensibel, reaktionsschnell interagierte das Kollektiv. Eingebunden in eine unglaublichen Leichtigkeit des Seins. Gleich ob komplexe rhythmische Überlagerungen, polymetrische Extravaganzen - speziell Bass, Schlagzeug und Perkussion waren dahingehend, auf das reiche brasilianische Rhythmuserbe Bezug nehmend, am Zaubern -, oder eben melodische/harmonische Eigenheiten mit ihren direkten Singbarkeiten. Bacchantisch zelebriert von Klavier und Saxophon. Wobei dem Saxophonisten solistisch eine exponierte Rolle zukam. Mit fliegender Fantasie, expliziter Präsenz und Gelenkigkeit im Spiel, entwickelte er auf seinen diversen Hörnern die vorgegebene Kantabilität von Pascoals Stücken weiter. Umsichtig kanalisierte der wiederum den Improvisationsrausch zeitgerecht in die Bahnen seiner knifflig originellen Kompositionstexturen. Um sodann in Konzentriertheit seine Spontanimaginationen als Glanzpunkte draufzusetzen. Etwa mit einem zerbeulten Teekessel, mit der Bassflöte, die er auch ausschließlich auf deren Kopfstück reduziert, vogelstimmenimitierend bespielte, mit der Sanfona (Knopfakkordeon) oder mit spielerischem Können auf dem Klavier. In seinen Händen wird alles zu Musik. Tiefgreifend im Ausdruck. Nicht zu überhören waren auch die mit größter Spielfreude ausgeleuchteten Klangdetails, die zumeist ad hoc explodierten. Dann wäre da noch unverhohlen Essentielles in der Musik Pascoals: Analog zum Jazzbegriff „swingen“, spricht man in Brasilien von „balancado“. Die Balance zwischen den musikalischen Zeitebenen afrikanischer und europäischer Provinienz. Es beschreibt diesen fühlbaren Schwebezustand zwischen diesen beiden Zeitverhältnissen. Der war an diesem Abend rundum prickelnd. Für Hermeto Pascoal ist die ganze Welt Klang. Limitlos im Stilistischen wie Klanglichen. Von höchster emotionaler Qualität. Hermeto, o mago do som. (Hannes Schweiger über das Konzert vom 27. Mai 2022)