John Zorn „Masada Book Three – The Book Beriah“

John Zorn’s Masada project has resulted in some of the most exciting new Jewish Music of the past century. Spawning classic modern bands like the Masada Quartet, Bar Kokhba, Electric Masada, the Masada String Trio and cutting edge interpretations by musicians as varied as Joe Lovano, Secret Chiefs 3, Pat Metheny, Cyro Baptista, Erik Friedlander, David Krakauer, Medeski, Martin and Wood, Cracow Klezmer Band and countless others, the music of Masada has become a touchstone for New Jewish music in the 21st century.

In the first decade of Masada (1993-2003) the repertory was focused on Masada Book One. 2004 saw the birth of Masada Book Two—The Book of Angels, which to date has been mined by over 30 different ensembles across 32 cds. For the third decade of the Masada dynasty Zorn completes his collection of 613 compositions with Masada Book Three—The Book Beriah. This special series of concerts presents seven all-star ensembles from the extended Masada family across three nights.

Outrageous, exhilarating, intense, lilting, soulful, beautiful, cathartic, twisted, driving, lyrical, complex, insane and unforgettable, this is music that is essential to everyone interested in the Masada legacy. Instrumental music from rock to jazz to world music to the outer realms of madness! The Book Beriah at Porgy & Bess will be three unforgettable evening of New Jewish Music that runs the gamut of emotions, influences and styles. (John Zorn)

Programm:

John Zorn: master of ceremonies

Sonntag, 04.November 20:30 h Lage-Riley / Secret Chiefs 3
Lage-Riley
Gyan Riley: guitar
Julian Lage: guitar

Secret Chiefs 3
Trey Spruance: guitar
Jason Schimmel: guitar
Matt Lebofsky: keyboards
Eyvind Kang: violin
Shanir Blumenkranz: bass
Ches Smith: percussion
Kenny Grohowski: drums

Montag, 05.November 20:30 h Gnostic Trio / Banquet of the Spirits
Gnostic Trio
Bill Frisell: guitar
Kenny Wollesen: vibes
Carol Emanuel: harp

Banquet of the Spirits
Cyro Baptista: percussion
Brian Marsella: piano, keyboards
Shanir Blumenkranz: bass
Tim Keiper: drums

Dienstag, 06.November 20:30 h Sofia Rei / ZION 80
Sofia Rei
Sofia Rei: voice
JC Maillard: saz

ZION 80
Jon Madof: guitar
Frank London: trumpet
Greg Wall: tenor saxophone
Jessica Lurie: baritone saxophone
Zach Mayer: baritone saxophone
Brian Marsella: organ
Yoshie Fruchter: guitar
Shanir Blumenkranz: bass
Evan Panzer: drums
Marlon Sobol: percussion
Cyro Baptista: percussion

Eintritt: 90.- € Sitzplatz Kat I, 75.- € Sitzplatz Kat II, Stehplatz: 60.- €
3-Tages Pass 225.- € Kat I, 180.- € Kat II, 150.- € Stehplatz

Kat I: 1-7 Reihe Souterrain, 1. Reihe Galerie
Kat II: 2. Reihe Galerie, Lounge Souterrain

John Zorn: Ein Demiurg, das Heilige, die Wollust

Fordernd und beglückend: John Zorn, der große Ikonoklast, gastierte mit ehrgeizigem Programm.

Teenies waren rar an diesem Abend. Dennoch war die Stimmung aufgekratzt, ja fast hysterisch. Die grauen Panther, die da in den Keller strömten, tauschten bereits im Stiegenhaus mit Kennermiene altbekannte Fakten aus: John Zorn? König der New Yorker Avantgarde, über 200 Alben, einer der letzten Unbestechlichen einer von Kommerz durchseuchten Branche. Christoph Huber, Maître des Porgy & Bess arbeitete über zehn Jahre daran, Zorn im Club vorstellen zu können. Das glückte jetzt. Zorn präsentierte sein aus etwa 300 Kompositionen bestehendes, für unterschiedlichste Instrumentierungen offenes Projekt „Bagatelles“, das er sonst nur auf großen Festivalbühnen in einem fünfstündigen Marathon aufführt. Für Wien machte er eine Ausnahme und teilte das Programm auf zwei Abende auf. Sechs appetitliche Häppchen à 25 Minuten wurden dargereicht.

Den fulminanten Start leistete das klassische John-Zorn-Quartet mit Joey Baron am Schlagzeug, Greg Cohen am Bass und Dave Douglas an der Trompete. Zorn, der mit seinem braven Bürstenhaarschnitt aussah wie der Bankberater ihres Vertrauens, verwandelte sich am Saxofon in einen Berserker. Das rasante Unisono-Spiel zwischen ihm und Douglas hatte die Wucht eines Kinnhakens. Die Rhythmussektion verlustierte sich in komplexem Summen und Brummeln. Zorn, ein Demiurg der alten Schule, will jeden Ton kontrollieren.

Mit ruhiger Hand und komplexem Augenbrauenspiel dirigierte er. Während des Schlagzeugsolos von Baron hielt er gar Händchen mit Trompeter Dave Douglas. Auf Saxofonattacken folgte der richtige Moment für einen nicht minder diffizilen Ausflug in die Elegie. Das Quartett versuchte eine Vermittlung zwischen dem Heiligen und dem Wolllüstigen. Ein Versuch, der vergeblich, aber unverzichtbar war. Die dritte Komposition lockte schließlich auf eine Hochschaubahn einander widerstrebender Gefühle.

Zorn liebt Extreme. Sein aktuelles Opus „49 Acts of Unspeakable Depravity in the Abominable Life and Times of Gilles de Rais“ versucht u. a. mit den Mitteln des Heavy Metal die Empathie mit dem berüchtigten Alchimisten und Massenmörder De Rais. Sein aggressiv-melancholisches Projekt „Masada“ verarbeitete den Massenselbstmord auf der gleichnamigen, jüdischen Bergfestung im Jahr 73 vor Christi.

Das beinahe romantische Gitarrenduett von Gyan Riley und Julian Lage passte in die manisch-depressive Dramaturgie. Überraschend luzide schwebten die Klänge des Nova Quartets, das als Modern Jazz Quartet on Acid angekündigt war, ans Ohr. Vibraphonist Kenny Wollesen und Pianist John Medeski setzten subtile Akzente. Zorn kontrollierte mit erratischen Bewegungen das Klanggeschehen. Pianistin Sylvie Courvoisier und Geiger Mark Feldman bemühten sich mit Ellenbogenclustern, Klavierdeckelperkussion und süßester Melodie um die Errettung des Schönen. Danach wurde es Zeit für den Punk. Das Trio Trigger lärmte, bis die Gläser klirrten. Zum Schluss spielte Pianist Craig Taborn noch Easy Listening mit Free-Jazz-Attitüde und brachte diese rare Soiree klanglicher Devianz ideal zum Verklingen. (Samir H. Köck, Die Presse, 07.November 2016)

John Zorn: Partituren der Rastlosigkeit

Der Komponist und Saxofonist beehrte den Club Porgy & Bess. Die zentrale Figur des postmodernen Jazz gab sich am Saxofon ekstatisch Wien – Aus seiner Omnipräsenz wurde quasi Omniabsenz. In den frühen 1980ern war John Zorn zur Zentralgestalt einer Bewegung aufgestiegen, die unter dem Begriff Postmoderne liberal-nervös frappierte. Anstatt einen Stil ausgiebig zu zelebrieren, kultivierten Zorn und Freunde – etwa als Band Naked City – eine expressive Collagekunst. Alle paar Takte wurde zwischen Hardbop, Hardcore, Speedmetal, freitonalen Exzessen, Westernmusik und was sonst noch in den Sinn kam, gerast. Es klang der Stil, als wollte er keiner sein, als zappte ein Typ mit einer Fernsteuerung durch die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts. Es tönte, als ginge es um einen Soundtrack, dessen Dramaturgie unter der Kontrolle eines chaotischen imaginären Trickfilms stand. Neu wirkte das und: Zum – sich mit Trompeter Wynton Marsalis als Leitfigur ausbreitenden – Trend des Neotraditionalismus wurde dies zum undogmatischen Gegenpol. Jüdische kulturelle Identität In den 1990ern allerdings schien sich der zum globalen Star aufgestiegene Vertreter der New Yorker Downtown-Szene rarzumachen. Interviews gab er kaum mehr; auch Gastspiele wurden in Europa rar. Untätig blieb Zorn allerdings nicht: Der im New Yorker Stadtteil Queens (1953) Geborene flutete vielmehr durch sein Label Tzadik den Markt mit eigenem und kollegialem Material, das sich auch der Frage stellte, wie jüdische kulturelle Identität heutzutage zu definieren wäre. Der ganze Rückzug schien also eher eine Art Konzentration aufs Wesentliche zu sein und weniger eine Abkehr von der Szene. Eine reduzierte Tourneetätigkeit gab es dadurch aber sehr wohl. Dass John Zorn – aus Sarajevo kommend – nun an zwei Abenden im Porgy & Bess mit zahlreichen Kollegen, die seine Bagatellen spielten, gastierte, darf somit als Besonderheit gewertet werden. Zorn, dessen kompositorische Produktivität an Frank Zappa erinnert, legt es mit seiner Band Massada (Trompeter Dave Douglas, Bassist Greg Cohen und Schlagzeuger Joey Baron) im Porgy eher geordnet an: Es klingt nach Postbop, es gibt pointierte Breaks und knackige Themen. Bei aller Expressivität (Zorn klingt nach wie vor gerne auch freejazzig) und der kollektiven Improvisatorik bleibt die Anzahl der angeschnittenen Stile überschaubar. Wild bis gesittet Die kleinen Instrumentalstücke, die er den Kollegen zur Umsetzung übergab, sind allerdings von rastloser Vielfalt: Das delikate Gitarrenduo Gyan Riley und Julian Lage hat freitonale Miniaturen umzusetzen, die nach klassischer Moderne klingen. The Nova Quartet tönt mitunter wie eine gesittete Maistreamband, die zwischendurch einen kreativen Nervenzusammenbruch erleidet. Und voller Poesie war der Plausch des Duos Sylvie Courvoisier (Klavier) und Mark Feldman (Geige). Besonders Feldmans singender Ton sorgt für große melancholische Qualität. Ganz anders Zorns Stücke für die virtuosen Speedmetall/Jazzrock-Könner von Trigger: Wilde Linien und energische Dezibeltänze zeigen, dass Zorn nach wie vor in der Musikgeschichte wühlt, Stile gerne wechselt – allerdings eher als Komponist. Er schrieb übrigens 300 Bagatellen in drei Monaten. Für jemanden, der schon einmal zehn Stücke in einer Stunde verfasste, ist das ein eher gemächliches Komponiertempo. (Ljubisa Tosic, Der Standard, 6.November 2016)

Zorn, Zorn, Zorn, Zorn, Zorn, Zorn, Zorn
Ein fünfstündiger Musikmarathon quer durch die Genres: John Zorn aus New York spielt in einem grandiosen Kraftakt die Elbphilharmonie halb leer.

John Zorn, so heißt es im Programmheft dieses einmaligen Konzerts, wohne seit 40 Jahren in derselben Wohnung in New York, wo er im Schein einer trüben Lampe Kompositionen gleich zu Hunderten verfasse. Seit mindestens 1977 muss er auch seine Tarnfleckhosen tragen, allzeit bereit im Kampf gegen die Hörgewohnheiten. Insoweit keine Überraschung, als er am Donnerstag kurz nach 20 Uhr grußlos ins große Rund der Elbphilharmonie stiefelt. Um den Hals hat er ein Saxofon, in das er sofort hineinbläst, kaum dass sich sein Masada Quartet mit Trompete, Kontrabass und Schlagzeug um ihn herum versammelt hat. Sechzehntel, Zweiunddreißigstel, Vierundsechzigstel, Hundertachtundzwanzigstel bis hin zur flirrenden Wiederverschmelzung eigentlich getrennter Töne. Zorn hat keine Zeit. Bei ihm muss alles schnell gehen. Fasziniert folgt das wie immer ausverkaufte Haus seinen Strudeln, aus denen gelegentlich Wendungen des von ihm bewunderten Ornette Coleman auftauchen. Ornette auf Speed.

Das Publikum starrt auf den zornschen Kampfanzug. Was steckt in den ausgebeulten Hosentaschen? Die Antwort kommt zum Ende des Abends. Das liegt in unbestimmter Ferne. Vorab kann niemand genau sagen, wie lang der Abend dauern wird. Drei Stunden meinen sie in der Pressestelle. Vier Stunden steht im Programmheft. Draußen vor den Türen rätseln die Saalwächter um Mitternacht, wie lang es wohl noch geht.

Weil John Zorn es eilig hat, packt er die Musik für ein einwöchiges Festival in einen Abend. Das braucht natürlich seine Zeit. Zwölf Sets zu 20 Minuten, getrennt von je zwei Minuten Umbauarbeiten plus Halbzeitpause zur Aufnahme isotonischer Getränke. 27 Musiker aus New York treten an, alles Virtuosen wie der Trompeter Dave Douglas, der Hammond-Orgler John Medeski oder der Doppelhalsgitarrenderwisch David Fiuczynski. Sie verteilen sich bunt auf vier Quartette, drei Trios, drei Duos und zwei Solomomente. Die stilistische Bandbreite reicht von jazzoider Cocktailmusik über Klezmerismen bis hin zu neuer E-Musik und krachendem Hardcore Speed Metal.
Improvisation nach Handzeichen

Zorn ist Musiker, Dirigent und Komponist in einer Person. Zu Beginn macht er alles gleichzeitig. Mit der Linken hält er – spielend – das Saxofon, mit der Rechten gibt er nach einem ausgeklügelten Handzeichensystem Mitspielern Hinweise zur Improvisation und steuert mit dem ganzen Körper ihre Einsätze. Später zieht er sich zurück und lässt sie nur noch seine Musik spielen, quer durch viele Genres.

300 Bagatellen hat er geschrieben, musikalische Kleinigkeiten, und zunächst glaubt das Publikum, auf diesem Bagatelles Marathon genannten Mammutabend würden alle 300 nun gespielt, in dann wohl sehr kurzer Form, quasi als Sekundenterrinen. So kommt es aber nicht. Offenbar konnte sich jede Formation aus dem zornschen Notenschatz etwas aussuchen und nach eigenem Gusto intonieren, weshalb einige Stücke doppelt erklingen und die allermeisten gar nicht. Wie die Stücke heißen und wie sie zueinander stehen, das bleibt unklar. Man wünscht sich eine Digitalanzeige ("Sie hören Bagatelle 154"), aber würde das mehr Licht ins Dunkel seiner Absichten bringen? So müssen wir uns selber einen Reim machen auf den rasenden Motivhagel, der bei aller Zentrifugalität von der zornschen Klebkunst zusammengehalten wird.

Vielleicht kann man dies sagen: Zorn, der sich nicht als Jazzmusiker versteht, kommt seinen Hörern weiter entgegen als die meisten anderen Komponisten. Denn während viele Hörer im Laufe ihres Lebens (oder dieser Woche) ganz unterschiedliche Musik hören, von Tango bis Indie, von Jazz bis Bach, schreiben fast alle Komponisten immer nur in einem Genre. Wie langweilig. Zorn steht für Vielfalt, ohne jedoch beliebig zu werden. Er macht nicht alles. Er bleibt immer Zorn, ein Mann, der keinem Frontalzusammenstoß aus dem Wege geht, solange man nur schnell genug aufeinander zu rast.

Ein Marathon ist kein Spaß, auf der Straße nicht und nicht in der Elbphilharmonie. Es gibt Durststrecken, in denen man sich an die Bar wünscht, und irgendwann stellt sich auch die Frage, wann die letzte U-Bahn fährt. In der zweiten Hälfte des Marathons leeren sich die Reihen. John Zorn ist wohl der erste Musiker, der die Elbphilharmonie halb leer spielt, aber der Enthusiasmus der Ausharrenden wächst mit jedem Hörer, der aufgibt. Die Leute von den billigen Plätzen rutschen nach unten zur Bühne vor und zucken im Takt.

Ende, aus, nachts um eins

Zu den herausragenden Musikern des Abends zählen die Gitarristin Mary Halvorson, die ihr Instrument auf eine krumme Weise spielt, die man so vielleicht noch nie gehört hat. Der Vibrafonist Kenny Wollesen lauert wie ein wildes Tier an seinem Vibrafon, immer auf dem Tonsprung. Mark Feldman, Violine, und Sylvie Courvoisier am Flügel rasen durch eine an Bartók erinnernde Kammermusik.
Und dann, ganz am Schluss, Marc Ribot. Der Gitarrist, der einst Tom Waits in Schräglage brachte, hat graues, fast weißes Haar, zu dem er eine Lesebrille trägt. Auf seinem Stuhl wirkt er etwas zerstreut, schlingt sich dann aber um seine Gitarre und versinkt in Bluesgewittern, kongenial begleitet von Trevor Dunn am Bass und dem Schlagzeuger-Schwergewicht Tyshawn Sorey. John Zorn kehrt auf die Bühne zurück und gibt, neben Ribot auf einem Stuhl sitzend, komplizierte Spielanweisungen. Er spreizt die Finger, zeigt Lücken, ballt die Fäuste und damit der klangumnebelte Ribot seinen Einsatz auch ja nicht verpasst, tippt er ihm immer wieder ans Knie. Ende, aus, nachts um eins, großer Beifall. (Ulrich Stock, Die Zeit, 31. März 2017)