Thu May 14, 2026
20:30

Raab / Angerer / Deixler 'Bleu' (A)

Lorenz Raab: trumpet, fluegelhorn, harmonium
Ali Angerer: tuba, electric dulcimer
Rainer Deixler: drums, percussion

Sorry this part has no English translation

Bleu – Deeper

Bleu, nicht Blue. Das macht einen Unterschied. Denn es geht nicht um die Traurigkeit des großen Gefühls, sondern um die Melancholie der feinen Klänge. Seit mehr als zwei Jahrzehnten sind ihr Lorenz Raab, Ali Angerer und Rainer Deixler auf der Spur. Und sie haben dafür eine besondere Konstellation gewählt.

Raabs Trompete, zuweilen auch das Flügelhorn, sind Kompagnons der Stimme. Sie sind Medien eines Erzählers, der gerne ein wenig ausholt, an bedeutsamen Stellen verweilt, um dann gemessenen, aber bestimmten Schritts sein Ziel zu erreichen. Denn sie haben den Ton eines erfahrenen Künstlers, der sich in der Welt der Klassik ebenso zuhause fühlt, wie in den Clubs der langen Nächte und diese Weite der Impulse zu einer gelassenen kammermusikalisch improvisierenden Mischung verbindet. Kenny Wheeler trifft Mozarteum, womöglich mit einem Elektroniker an der Seite, eine Verbindung der Lehrer und Einflüsse von einst, die sich längst zu einem individuellen Spielstil entwickelt haben.

Ali Angerer hingegen ist bereits in der Wahl seiner Instrumente ein Dompteur der Widersprüche. Auf der einen Seite steht die Tuba, tief und wuchtig, ein Klangkörper der mühelos nach dem Raum greift und ihn beherrscht. Auf der anderen kontert er mit einer elektrischen Dulcimer, die als Bordunzither mit schwirrenden, fragilen Saitenklängen den Bandsound transparent wirken lässt und außerdem mit ein wenig synthetischer Erweiterung auch dezente, überraschende Effekte zulässt. Rainer Deixler schließlich versteht sich als Pulsgeber, weniger als Rhythmusknecht. Sein Schlagzeug bevorzugt hintergründige Akzente, Beckensounds und ungewöhnlich geschlagene Trommeln, die der Musik einerseits Struktur verleihen, sich darüber hinaus aber als Textur verstehen, die die Melodien umfängt und ihr eine Basis zur räumlichen Entfaltung gibt.

In der Summe ergibt das Bleu als ein Trio kammerjazzig ineinandergreifender Klangideen. „Deeper“ ist als Studioalbum Nummer 5 seit dem selbstbetitelten Debüt 2001 einerseits Fortentwicklung, andererseits Conclusio einer musikalisch gemeinsam erlebten Zeit. Die Musik ist noch zurückgenommener, reduzierter als auf den vorangegangenen Alben, wirkt dabei beiläufig konzentriert wie die Bündelung gestalterischer Energien. Das ist Improvisation ebenso wie Klarheit, melodische Unmittelbarkeit wie harmonisches Schweifen. Deshalb auch der Titel. Denn Raab, Angerer und Deixler sind gemeinsam mit ihrem Trio älter geworden. Sie können sich auf einen Fundus profunder Erfahrungen verlassen, die sie mit ihren anderen Projekten und mit Bleu gesammelt haben. Das ergibt Musik von zarter Schönheit, einer wenig melancholisch manchmal. Aber das ist auch ein Grund zum Lächeln. (Ralf Dombrowski)

Der österreichische Trompeter Lorenz Raab hat ein Faible für ungewöhnliche Instrumentenkombinationen. Das gilt etwa für sein Duo mit dem E-Zitherspieler Christof Dienz, das 2019 das großartige Album „Vast Potential“ herausbrachte, und das trifft erst recht auf das Trio Bleu zu. An der Seite, sowie unter und über Raabs Flügelhorn sind eine Tuba und eine elektrische Dulcimer-Zither zu vernehmen (beides gespielt von Ali Angerer), die von Rainer Deixlers unorthodoxem, auf filigranste Beckenarbeit Wert legendem Schlagzeugspiel zum Kommunizieren gebracht werden. Zudem bedient Raab noch ein Harmonium.

Auf seinem mittlerweile fünften Album nach dem im Jahr 2001 erschienen Erstling macht das Dreiergespann seinem Namen alle Ehre. Blaue Stunde, Blues, blasses Himmelblau – all das schwingt mit, wenn Raab, Angerer und Deixler ganz behutsam ihre Geschichten erzählen. Und die klingen keineswegs so alpenländisch oder hinterwäldlerisch-frömmelnd, wie es das Nebeneinander von Flügelhorn und Tuba oder Dulcimer und dem als Kirchenorgel-Ersatz beliebten Harmonium zunächst nahelegen könnte.
Das Trio schafft sich vielmehr seine eigenen Klangräume, in denen seine Kompositionen die Wärme eines knisternden Kaminfeuers entfachen. Harmonium und Dulcimer werden dabei unter geschicktem Einsatz von elektronischen Effekten oft als weicher Teppich für Drones und Soundscapes genutzt. Vor allem Angerers Tuba hat nichts mit schwerfälliger Blasmusik am postmodernen Tirolerhut, sondern zeigt die Flexibilität eines E-Basses. Dadurch streifen die Stücke durch Gefilde, die eher in den USA zu liegen scheinen als in Austria. „Deeper I“ hört sich beispielsweise an wie der Abspann eines Roadmovies, während das poppige „Warm Eyes II“ durchaus in der gleichen Session entstanden sein könnte, als Princes „Nothing Compares 2 U“ schrieb. „Gently Done“, in dem Flügelhorn und Tuba sachte die Töne übereinanderlegen wie die Stoffbahnen eines kostbaren mittelalterlichen Brokats, wäre mit einigem Recht ein mindestens so passender Albumtitel wie „Deeper“ gewesen. So oder so ist dem Trio mit der fünften Einspielung sein persönliches „Kind of Bleu“ gelungen. (Josef Engels, Rondo 2021)